Verdacht von Ärzten Covid-19 könnte Diabetes auslösen

Dass Diabetes-Patienten ein höheres Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken, ist bekannt. Doch nun warnen Ärzte: Die Krankheit könnte sogar Diabetes auslösen.
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Mit dem Fortschreiten der Pandemie verstehen Ärztinnen und Ärzte immer besser, was das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 im Körper anrichten kann. Inzwischen ist klar, dass der Erreger nicht nur die Lunge angreift, sondern auch Herz, Hirn, Nieren und Blutgefäße. Nun berichten Ärzte in einem Brief an das Fachblatt "New England Journal of Medicine (NEJM)" , dass Covid-19 möglicherweise Diabetes auslösen könnte. Wissenschaftler nutzen häufig diesen Weg, um Kollegen auf einen Verdacht aufmerksam zu machen.

Diabetes, auch bekannt als Zuckerkrankheit, steht für verschiedenen Störungen des Stoffwechsels, durch die es zu extrem schwankenden Blutzuckerwerten kommen kann, weil Patienten nicht ausreichend Insulin produzieren.

Auch andere Viren stehen im Verdacht, Diabetes auszulösen

Sollte sich der Verdacht erhärten, könnte es sich um eine neue Form von Diabetes handeln, die wahrscheinlich am ehesten mit dem Diabetes-Typ-1 vergleichbar wäre. In diesen Fällen greift das Immunsystem die Betazellen der Bauchspeicheldrüse an, die Insulin produzieren. Dadurch kann der Körper den Zuckerspiegel nicht mehr kontrollieren, was lebensbedrohlich sein kann. Meist tritt diese Form des Diabetes schon im Kindes- oder jungen Erwachsenenalter auf.

"Die Beobachtung ist wichtig", sagte Baptist Gallwitz von der Deutschen Diabetes Gesellschaft dem SPIEGEL. Noch immer ist nicht im Detail geklärt, was Diabetes vom Typ 1 auslöst. Schon seit Jahren gibt es die Vermutung, dass Vireninfektionen eine Rolle spielen könnten.

So gibt es Fallberichte über einen Diabetes, der sich im Zuge einer Infektion mit Mumps-, Rota- oder Coxsackie-Viren entwickelt. Zudem häufen sich in den entsprechenden Monaten Diagnosen vom Diabetes-Typ-1, in denen auch Erkältungsviren besonders stark grassieren.

Bisher gibt es jedoch nur wenig bekannte Fälle von Covid-19 Patienten, bei denen später Diabetes diagnostiziert wurde. So berichteten Ärzte aus Singapur  von einem vormals gesunden 37-Jährigen, bei dem im Zuge einer Covid-19-Erkrankung Diabetes diagnostiziert wurde. Er war mit Fieber, Durchfall und dem Drang, ständig Wasser trinken zu müssen, ins Krankenhaus eingeliefert worden. Um dem Verdacht nachzugehen, hat ein internationales Team führender Diabetologen ein Melderegister für Verdachtsfälle  aufgebaut.

Da sich mittlerweile weltweit nachweislich Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert haben, könnte der Zusammenhang auch zufällig sein. "Trotzdem ist es wichtig dem Verdacht nachzugehen und zu verstehen, wer möglicherweise besonders gefährdet ist", sagt Gallwitz.

Über welchen Mechanismus Covid-19 Diabetes auslösen könnte, ist jedoch noch spekulativ.

Zwei Theorien über Covid-19-Diabetes

Denkbar wäre, dass das Virus die Betazellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört, die Insulin produzieren. Sie verfügen nachweislich über die ACE-2-Rezeptoren, die das Coronavirus als Eintrittstor nutzt. Einmal eingedrungen, bringt der Erreger die Zelle dazu, unzählige Kopien des Virus herzustellen bis diese schließlich zerstört wird. "In diesem Fall könnte sich der Typ-1-Diabetes theoretisch sogar zurückbilden, wenn nach ausgestandener Covid-19 Erkrankung noch ausreichend Betazellen vorhanden sind", sagt Gallwitz.

Auch bei dem eng verwandten Coronavirus SARS entwickelten einige Patienten einen Diabetes . In vielen Fällen bildete sich die Erkrankung nach drei Jahren zurück. In zehn Prozent der Fälle blieb sie jedoch bestehen.

Eine andere mögliche Erklärung wäre, dass das Immunsystem bei dem Versuch das Virus loszuwerden, auch versehentlich die körpereigenen Betazellen angreift. Eine solche Autoimmunreaktion gilt als die wahrscheinlichste Ursache für Diabetes Typ 1 und ist nicht heilbar. "Diese Reaktion ließe sich mit einem Test auf bestimmte Antikörper nachweisen", erklärt Gallwitz weiter.

"Nicht die einzige Krankheit, mit der Deutschland zu kämpfen hat"

Ein Zusammenhang, der sich bereits deutlich in Corona-Studien zeigt, ist, dass Patienten mit Diabetes Typ 2 ein höheres Risiko haben, schwer an Covid-19 zu erkranken. Bei den Betroffenen reagieren die Organe weniger sensibel auf Insulin. Die Betazellen müssen deshalb mehr produzieren, bis sie überfordert sind und absterben. Neben erblicher Veranlagung gehören auch Übergewicht und Bewegungsmangel zu den Risikofaktoren.

Welchen Einfluss der Diabetes allein auf den Verlauf einer Covid-19-Erkrankung hat, lässt sich jedoch nur schwer einschätzen. Häufig liegen bei den Betroffenen Begleiterkrankungen vor wie starkes Übergewicht oder Bluthochdruck, die ebenfalls zu den Risikofaktoren gehören.

Vor Kurzem berichteten britische Forscher, Dexamethason könne die Sterblichkeit bei schwer erkrankten Covid-19 Patienten deutlich senken. Allerdings erhöht das Mittel auch den Blutzuckerspiegel. "Diabetes-Patienten müssen bei dieser Behandlung deshalb aufmerksam überwacht werden", sagt Gallwitz, der auch als stellvertretender ärztlicher Direktor für Innere Medizin an der Uniklinik Tübingen arbeitet.

Für die gut sieben Millionen Diabetes-Patienten in Deutschland sei die Pandemie ohnehin eine zusätzliche Belastung. Da viele Kliniken zwischenzeitlich in den Notbetrieb wechseln mussten, waren sie gezwungen, Vorsorgeuntersuchungen zu verschieben. Dabei geht Diabetes mit Folgeerkrankungen einher, die möglichst früh erkannt werden sollten.

Gerade jetzt sei es umso wichtiger, den Blutzuckerspiegel stabil zu halten, betont Gallwitz. Schon eine Online-Sprechstunde könne den Betroffenen helfen. "Wir müssen alles tun, um die Pandemie einzudämmen", sagt der Mediziner. "Aber Covid-19 ist nicht die einzige Krankheit, mit der Deutschland zu kämpfen hat." Ziel des Gesundheitssystems müsse es sein, möglichst alle Patienten bestmöglich zu versorgen.

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