Coronavirus Schnelltests statt Lockdown?

Massenhafte Schnelltests könnten die Verbreitung des Coronavirus stark eindämmen, das zeigen mehrere Studien. Manche Forscher sagen gar, sie könnten einen neuen Lockdown verhindern. Kann das funktionieren?
Coronavirus-Antigentests: Ergebnis in 15 Minuten - aber wie zuverlässig?

Coronavirus-Antigentests: Ergebnis in 15 Minuten - aber wie zuverlässig?

Foto: LISI NIESNER / REUTERS

"Der Mensch verzweifelt leicht, aber im Hoffen ist er doch noch größer", hat einst Theodor Fontane gesagt. Auch in der Debatte über das Coronavirus tauchen regelmäßig neue Hoffnungsträger auf - zuletzt die sogenannten Schnelltests.

Der Winter naht. Die Infektionszahlen steigen. Und die Bundesregierung fürchtet, dass sich Infektionsketten bald nicht mehr nahtlos nachverfolgen lassen. Tests, die einem nach 15 Minuten sagen, ob man sich mit dem Coronavirus infiziert hat oder nicht, gelten als möglicher Weg, die kalte Jahreszeit ohne drastischere Maßnahmen zu überstehen.

Die Frage, die sich viele Forscher gerade stellen, geht in etwa so:

Was wäre, wenn...

  • ...die Mehrzahl der Bundesbürger...

  • ...alle paar Tage...

  • ...einen Antigen-Schnelltest macht und...

  • ...bei einem positiven Testergebnis einfach zu Hause bleibt?

Es gibt Studien, die nahelegen, dass das eine äußerst wirksame Strategie wäre - wenn man sie mit Mund-Nasen-Schutzmasken, Händewaschen, Abstandhalten und einer Tracking-Technik kombiniert. Das Aktivistennetzwerk Rapidtests, das sich für diese Anti-Corona-Strategie einsetzt, hat sieben Modellrechnungen ausgewertet (, , , , , , ), die entsprechende Effekte simulieren.

Die Ergebnisse machen zunächst Hoffnung:

  • Würde man drei Viertel der Bevölkerung alle drei Tage testen und die Positiven sofort isolieren, dürften die Infektionszahlen um bis zu 88 Prozent sinken, heißt es in einem internen Dokument, das dem SPIEGEL vorliegt.

  • Selbst wenn nur jeder Zweite einmal pro Woche einen Antigentest durchführen würde, ließen sich die Infektionszahlen noch um bis zu 42 Prozent drücken.

Der starke Effekt erklärt sich im Kern so: Derzeit werden hauptsächlich Personen getestet, die entweder Symptome haben oder mit einem Infizierten in Kontakt waren. Nun weiß man inzwischen, dass man oft schon ein bis zwei Tage vor Beginn der Symptome sehr infektiös ist. Menschen können also in der Zeit, in der sie am infektiösesten sind, andere anstecken, ohne es zu wissen. Regelmäßige Massentests könnten das verhindern.

Sie haben zudem noch einen weiteren Effekt: Wenn es - wie bislang - mehrere Tage dauert, bis das Ergebnis für einen PRC-Test vorliegt, harren viele Getestete möglicherweise umsonst in Quarantäne aus. Auch das soll sich durch massenhafte Antigentests ändern.

"Lockdown ohne Lockdown"

Rapidtests merkt an, dass einige der zitierten Studien sogenannte Preprints sind, also noch nicht offiziell auf ihre faktische Richtigkeit überprüft worden sind. Dennoch stilisieren die Aktivisten Massenschnelltests schon zum Allheilmittel. Sie würden wie ein "Lockdown ohne Lockdown" wirken, werbetexten sie. "Schnelltests können uns unsere Freiheit zurückgeben."

Hinter Rapidtests stecken vor allem ehrenamtliche Virologen, Ärzte und IT-Experten, die Antigentests schlicht sinnvoll finden und sich deshalb dafür einsetzen. Zwei Mitglieder des Netzwerks arbeiten allerdings bei Bosch und Roche - bei Konzernen also, die von einem Schnelltest-Boom profitieren können. Das Netzwerk betont auf seiner Website , dass die beiden durch ihr Engagement keinerlei persönlichen Vorteil anstrebten.

Im Forscherlager, das sich für Schnelltests starkmacht, gibt es teils ähnliche Querverbindungen. So ist zum Beispiel der Wissenschaftler Daniel Larremore, der sich öffentlich für Schnelltests einsetzt, Berater des Antingentest-Herstellers Darwin BioSciences.

Angesichts von Homeoffice-Chaos, Existenzsorgen, komplizierten Anti-Corona-Schulregeln und kräftezehrenden Maskenstreits dürfte das vielen Menschen jedoch egal sein. Wären Schnelltests ein "Star Wars"-Film, dann wären sie wohl Teil IV: "Eine neue Hoffnung".

Fragt sich nur, inwieweit sich die Rechenutopien der Wissenschaftler verwirklichen lassen. In der Realität gibt es mindestens drei große Hürden, um rund 61 Millionen Deutsche alle drei Tage zu testen.

1. Unpraktikable Selbsttests

Massenschnelltests würden eine sehr hohe Disziplin seitens der Bevölkerung erfordern. Denn für die Auswertung von Antigen-Schnelltests benötigt man bisher einen Rachenabstrich. In Deutschland darf den aktuell allerdings nur medizinisch geschultes Personal durchführen.

Jeder, der schon einmal einen Corona-Test gemacht hat, kann sich vorstellen, warum: Der Abstrichtupfer muss sehr tief in den Rachen eingeführt werden, um dort eine für den Test ausreichende Virusmenge zu gewinnen. Das kann einen unangenehmen Würgereiz provozieren. Fragt sich also, wie viele Menschen bei sich selbst einen korrekten Rachenabstrich nehmen würden.

Wissenschaftler forschen deshalb an Heimtests, die mit Speichel- oder Gurgelproben funktionieren. Diese könnten die Zahl der Schnelltests irgendwann tatsächlich erhöhen - sind jedoch derzeit noch nicht zuverlässig genug, um eingesetzt zu werden.

Solange noch die Profis ran müssen, sind Massentests vermutlich utopisch. Denn das geschulte Personal stößt derzeit schon mit den PCR-Abstrichen teils an seine Grenzen. Davon gibt es wöchentlich rund eine Million, ein Bruchteil der in den Studien verlangten Antigentests.

Nun spart man bei den Schnelltests den Weg ins Labor, da diese direkt vor Ort auf Teststreifen ausgewertet werden können. Man könnte also durchaus mehr als eine Million Menschen pro Woche schnelltesten - aber eben nicht 61 Millionen Deutsche alle drei Tage.

2. Hohe Kosten

Massenhafte Schnelltests wären zudem vergleichsweise teuer. Derzeit halten sich die Hersteller mit den Preisen für die Antigentests in Deutschland noch bedeckt. Die US-amerikanische Pharmafirma Abbott wirbt indes mit einem Schnelltest für fünf Dollar  (4,25 Euro). Das bedeutet: Wenn man drei Viertel der Bevölkerung alle drei Tage testet, würde das monatlich rund 2,6 Milliarden Euro kosten - oder 42,50 Euro pro getestetem Bürger.

Zahlen müsste das vermutlich die Regierung. Denn die Krankenkassen übernehmen derzeit nur anlassbezogene Tests. Im Vergleich zu den gigantischen Rettungspaketen, die die Regierung wegen des ersten Corona-Lockdowns schnüren musste, wären monatlich 2,6 Milliarden Euro vergleichsweise günstig: Seinerzeit wurden, je nachdem wie man rechnet, weit mehr als 100 Milliarden Euro mobilisiert . Sollten Antigentests irgendwann in Masse hergestellt werden, könnten die Preise dank sogenannter Skaleneffekte zudem deutlich sinken.

Dennoch dürfte die Bundesregierung erst Milliarden in Massenschnelltests stecken, wenn sie diese als ausreichend zuverlässig erachtet.

3. Unsichere Testergebnisse

Und das ist, wie auch die Aktivisten von Rapidtests einräumen, eben die dritte Hürde: Zwar geben einige Hersteller, wie etwa Roche , eine Sensitivität von mehr als 95 Prozent an - jedoch nur, wenn ausreichend Virusmenge vorhanden ist. Das heißt, dass Infizierte mit einer geringeren Viruslast durch Schnelltests wahrscheinlich nicht entdeckt werden. Ein positives Testergebnis ist also mit einer recht hohen Wahrscheinlichkeit korrekt; ein negatives nur bedingt aussagekräftig.

Epidemiologen wie Michael Mina  von der Harvard T. H. Chan School of Public Health sind der Ansicht , dass die geringere Zuverlässigkeit nicht ins Gewicht fiele, wenn man genug Menschen oft genug teste. Wenn auch der letzte und der vorletzte Test, den man vor ein paar Tagen gemacht habe, negativ gewesen sei, könne man sich zumindest relativ sicher sein, kein Corona zu haben.

Doch in Kombination mit Hürde Nummer eins - der Schwierigkeit, sich selbst zu testen - bleiben berechtigte Zweifel, inwieweit man sich auf Massenschnelltests momentan verlassen kann.

Fazit

Massenhafte Antigentests scheinen - zumindest derzeit - kein Allheilmittel, keine Strategie für einen Lockdown-Effekt ohne Lockdown zu sein. Sie müssen erst noch zuverlässiger, praktikabler für Selbstanwender und idealerweise auch kostengünstiger werden. Dennoch können sie einen ergänzenden Beitrag zur Pandemie-Eindämmung leisten.

Nämlich dann, wenn schnelle Entscheidungen getroffen werden müssen, wie etwa in Notaufnahmen. Oder wenn man die Sicherheit in Einrichtungen mit Risikopatienten erhöhen möchte, wie etwa in Pflegeheimen. Dann könnte man potenziell hochinfektiöse Menschen ausfindig machen und ihnen etwa den Zutritt verwehren, um Superspreader-Events möglichst zu minimieren.

Genau das hat die Bundesregierung mit ihren Schnelltests in Kliniken und Pflegeheimen vor. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will Krankenhäuser, Pflegeheime und andere Risikoeinrichtungen ab Mitte Oktober mit Schnelltests fluten. Er glaube, dass diese "inzwischen relativ verlässliche Ergebnisse" lieferten, sagte er. Ihr Einsatz reduziere "die Ansteckungsgefahr erheblich".

Alle anderen müssen sich einstweilen weiter verhalten wie bisher: Abstandhalten, Händehygiene, Alltagsmaske.

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