Coronavirus Kritik an Impfstoffstudie von AstraZeneca wächst

Experten bemängeln das Verfahren von AstraZenecas Studie für einen Impfstoff gegen das Coronavirus. Sogar die Börse reagiert bereits. Einem Bericht zufolge erwägt der Konzernchef, die Wirksamkeit erneut zu prüfen.
Freiwillige bei Impfung

Freiwillige bei Impfung

Foto: John Cairns / AP

Die Nachricht vom britisch-schwedischen Pharmakonzern AstraZeneca vom Montag klang gut: Der von der Firma gemeinsam mit der Uni Oxford entwickelte Impfstoff gegen das Coronavirus verhindert mit einer im Mittel 70-prozentigen Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu erkranken. Laut dem Unternehmen habe die Zwischenauswertung der Phase-III-Studie ergeben: Das Mittel AZD1222 bot einen 90-prozentigen Schutz, wenn die Studienteilnehmer zunächst eine halbe Dosis erhielten und einen Monat später eine ganze. Dabei wurden rund 2700 Versuchspersonen in Großbritannien geimpft.

Einer zweiten Gruppe von etwa 8900 Probanden wurden hingegen zwei volle Impfdosen verabreicht. Diese Variante kam aber nur auf eine Wirksamkeit von 62 Prozent. Rechnet man die beiden Ergebnisse zu einem Gesamtresultat zusammen, ergibt sich der Wert von 70 Prozent Wirksamkeit.

An dem Weg, den der Pharmakonzern bei der Studie gegangen ist, entzündet sich nun aber immer mehr Kritik.

Zunächst war unklar, warum die Wissenschaftler im Dienste des Pharmakonzerns in der Studie mit einer halben Dosis agierten. Später räumte das Unternehmen ein, dass es sich dabei um ein Versehen gehandelt habe. Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Kopf- oder Armschmerzen waren bei den Probanden geringer ausgefallen. Dann stellte sich heraus, dass die Dosierung nur halb so hoch wie vorgesehen war. Das basierte offenbar auf einem Verpackungsfehler, hieß es laut einem Medienbericht .

Immerhin ein Fehler, der zu einem positiven Resultat geführt hat. »Der Grund, warum wir die halbe Dosierung genommen haben, ist ein glücklicher Zufall«, sagte Mene Pangalos, Chef der nicht krebsbezogenen Forschung und Entwicklung bei AstraZeneca, der Nachrichtenagentur Reuters. Er sehe keine Probleme. Der Fehler sei korrigiert worden und die Studie sei ohne Änderungen fortgesetzt worden. Darauf habe man sich mit der Aufsichtsbehörde geeinigt.

AstraZenecas Konzernchef Pascal Soriot sagte jedoch einem Bericht der Agentur Bloomberg zufolge , dass der Pharmakonzern eine komplett neue weltweite Studie zur Wirksamkeit des Medikaments erwäge. Es müsse bestätigt werden, dass eine niedrigere Dosis offenbar zu einem besseren Ergebnis führe, sagte Soriot demnach. Ein Firmensprecher äußerte sich laut Reuters nicht zur Möglichkeit einer neuen Studie. Er sagte, das Unternehmen bewerte die Daten und arbeite dabei mit den Aufsichtsbehörden zusammen. Es gehe darum, den bisher gewonnenen Daten neue hinzuzufügen.

Ein zweiter Punkt, den Experten kritisch bewerten: In dieser Gruppe war kein Proband älter als 55 Jahre. Auf diesen Umstand hatte Moncef Slaoui aufmerksam gemacht. Der Immunologe leitet das Programm für Impfstoffentwicklung der US-Regierung. Pangalos hat diese Angaben am Mittwoch laut der »New York Times«  bestätigt. Dabei sind Menschen besonders anfällig für schwere Covid-19-Verläufe, je älter sie sind.

Möglicherweise könnten diese Umstände die Chancen des Mittels auf eine Notfallzulassung mindern. Aber das ist zu diesem Zeitpunkt spekulativ. Noch fehlen weitere Daten, um zu einer validen Aussage zu kommen. Am Montag wurden nur Zwischenergebnisse einer kombinierten Phase-II- und Phase-III-Prüfung mitgeteilt.

Für Kritik sorgt auch, dass AstraZeneca die Ergebnisse der beiden unterschiedlich gestalteten klinischen Studien zu einer Gesamtwirksamkeit von 70 Prozent zusammenfasst. »Sie haben zwei Studien durchgeführt, für die unterschiedliche Dosierungen verwendet wurden. Am Ende kommen sie zu einem Ergebnis, das keines der beiden Dosen repräsentiert«, sagt David Salisbury vom britischen Thinktank Chatham House der Nachrichtenagentur AP. »Ich glaube, damit haben viele Leute ein Problem.« Laut Pangalos plane die Firma eine globale Studie, um die beiden Ergebnisse besser vergleichen zu können.

Blockbuster oder Börsenhemmer?

Der AstraZeneca-Impfstoff funktioniert anders als die beiden mRNA-Mittel der Pharmahersteller Pfizer/Biontech und Moderna. Es handelt sich dabei um einen Vektorimpfstoff, ein lange bekanntes Verfahren. Die Forscher haben ein Schimpansenvirus verwendet, um eine Immunantwort auf das Coronavirus auszulösen. Die Entwicklung von AZD1222 galt als äußerst vielversprechend. Es kann demnach in Massenproduktion hergestellt werden und ist sehr günstig. Pro Dosis soll es weniger als einen Euro kosten. Und im Gegensatz zu den Impfstoffen von Pfizer/Biontech und Moderna kann es monatelang in normalen Kühlschränken gelagert werden.

Obwohl der AstraZeneca-Impfstoff als Blockbuster gehandelt wurde – so heißen in der Pharmabranche besonders erfolgreiche Mittel – hat die jüngste Entwicklung die Anleger nicht überzeugt. Die Aktie des Unternehmens ist diese Woche um etwa fünf Prozent gefallen.

joe/Reuters