Long Covid Von Covid-19 genesen – aber noch sechs Monate später Symptome

Eine Studie mit Hunderten der ersten Covid-19-Patienten aus Wuhan zeigt: Auch ein halbes Jahr nach der Erkrankung leiden drei Viertel von ihnen noch unter Symptomen wie Müdigkeit, Schlafstörungen, Depressionen.
Corona-Test in Wuhan (im April 2020): Viele Infizierte haben auch Monate nach der Genesung noch Symptome

Corona-Test in Wuhan (im April 2020): Viele Infizierte haben auch Monate nach der Genesung noch Symptome

Foto: China News Service / Getty Images

Gut ein Jahr ist es her, dass die ersten Coronavirus-Fälle in der chinesischen Metropole Wuhan bekannt geworden sind. Zunächst war die neuartige Krankheit ein Rätsel. Mittlerweile wissen Mediziner und Forscherinnen immer mehr darüber, was das Virus im Körper anrichtet – auch lange Zeit, nachdem die Infektion abgeklungen ist.

Eine Studie mit einigen der ersten Covid-19-Patienten aus Wuhan hat nun gezeigt: Mehr als drei Viertel von ihnen weisen auch noch ein halbes Jahr nach ihrer Erkrankung mindestens ein Symptom auf.

Schon länger ist bekannt, dass offenbar ein relevanter Teil der Infizierten – auch mit milden Verläufen – noch Wochen und Monate Beschwerden hat. Es gibt sogar bereits einen Namen dafür: Long Covid. Auch junge und körperlich fitte Menschen berichten teilweise von lang anhaltenden Beschwerden nach einer Infektion.

Die Studie der chinesischen Forscher ist allerdings die erste Untersuchung, die sich über einen Zeitraum von sechs Monaten mit einer großen Anzahl von Patientinnen und Patienten befasst hat, sie wurde in der Fachzeitschrift »The Lancet« veröffentlicht . Die Forscher haben 1733 Patientinnen und Patienten aus Wuhan von Anfang Januar bis Ende Mai 2020 beobachtet, alle waren wegen eines schweren Verlaufs von Covid-19 im Krankenhaus behandelt worden. Die Teilnehmenden waren im Mittel 57 Jahre alt, weitere Folgeuntersuchungen fanden im Juni und September statt.

Die Forscher fanden heraus, dass 76 Prozent der Genesenen noch sechs Monate nach der Infektion mindestens ein Symptom aufwiesen:

  • Die meisten litten unter Müdigkeit oder Muskelschwäche (63 Prozent),

  • rund ein Viertel unter Schlafstörungen (26 Prozent),

  • 23 Prozent der Genesenen litten ein halbes Jahr nach der Erkrankung an Depressionen oder Angststörungen.

Von den Patientinnen und Patienten mit schwerem Verlauf war bei einigen auch nach sechs Monaten die Lungenfunktion noch beeinträchtigt: Auf Bildern der Lunge fanden Ärzte Anomalien, die laut den Studienautoren auf Schädigungen des Organs hindeuten könnten.

Die Patientinnen und Patienten, die einen schwereren Verlauf der Erkrankung hatten, zeigten der Studie zufolge häufig eine verminderte Lungenfunktion. Wobei 56 Prozent jener Infizierten, die beatmet werden mussten, eine Diffusionsstörung aufwiesen – ein verringerter Sauerstofffluss von der Lunge zum Blutkreislauf. 29 Prozent dieser Patienten schnitten außerdem unterdurchschnittlich schlecht in einem Test ab, bei dem sie sechs Minuten gehen mussten.

Weiterhin fanden die Autoren heraus, dass einige Patientinnen und Patienten nach der Entlassung Nierenprobleme entwickelten. Neben der Lunge wirkt sich Covid-19 bekanntermaßen auch auf andere Organe aus, einschließlich der Niere. Labortests ergaben, dass 13 Prozent der untersuchten Patientinnen und Patienten, deren Nierenfunktion im Krankenhaus normal war, bei der Nachuntersuchung eine verminderte Nierenfunktion hatten.

Die Forscher untersuchten bei den ehemaligen Patienten auch die Antikörper gegen Sars-CoV-2. Dabei fanden sie heraus, dass bei 94 Teilnehmenden, bei denen die Immunantwort zum Höhepunkt ihrer Erkrankung getestet worden war, die Konzentration der Antikörper nach einem halben Jahr um mehr als die Hälfte (52,5 Prozent) gesunken war.

»Fangen erst an, Krankheit zu verstehen«

Die Studie ist eine der ersten, die sich bei einer großen Anzahl von Probandinnen und Probanden mit den Langzeiteffekten von Covid-19 auseinandergesetzt hat. »Weil Covid-19 so eine neue Krankheit ist, fangen wir erst damit an zu verstehen, wie sie sich langfristig auf die Gesundheit der Menschen auswirkt«, sagte der Studienautor Bin Cao vom National Center for Respiratory Medicine.

»Unsere Analysen zeigen, dass die meisten Patienten auch nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus noch mit den Auswirkungen des Virus weiterleben.« Daher erfordere es eine Betreuung der Covid-19-Patientinnen und -Patienten auch nach der offiziellen Genesung – insbesondere für diejenigen, die einen schweren Verlauf hatten. Weiterhin machten die Ergebnisse deutlich, dass die Langzeitfolgen in weiteren Studien untersucht werden müssten, um das volle Ausmaß einer Covid-19-Erkrankung zu begreifen.

Einschränkend bemerken die Autoren, dass ihnen keine Daten der untersuchten Patientinnen und Patienten vor deren Virusinfektion vorgelegen hätten. Man könne also keine objektive Aussage darüber treffen, ob diese etwa bereits vor Covid-19 an Depressionen gelitten oder sich schlapp gefühlt hätten – und inwiefern sich dieser Zustand durch die Krankheit verschlimmert haben könnte. Umso mehr erfordere es weiterführende Langzeitstudien.

Studie bestätigt vorherige Untersuchungen

Bisherige Studien haben eine kleinere Anzahl von Betroffenen über einen kürzeren Zeitraum untersucht, auch solche mit milden Verläufen. Dennoch kamen sie zu ähnlichen Ergebnissen wie die chinesische Studie: Patientinnen und Patienten haben oft noch monatelang mit den Folgen von Covid-19 zu kämpfen.

Eine Untersuchung aus den Niederlanden stellte etwa fest, dass bei 16 Prozent der Teilnehmenden auch drei Monate nach Beginn der Erkrankung die Sauerstoffsättigung im Blut bedenklich absank, nachdem sie sechs Minuten schnell umhergegangen waren. Viele Betroffene berichteten von anhaltenden Problemen wie Atemnot, Müdigkeit und Brustschmerzen. Mehr als ein Drittel litt unter mentalen Problemen und hatte etwa Schwierigkeiten mit der Konzentration oder dem Gedächtnis.

Gerade über die psychischen Folgen von Covid-19 ist bisher noch wenig bekannt. Zwar weiß man, dass das Virus auch das Gehirn befallen und in der Folge neurologische Schäden verursachen kann. Doch Symptome wie Angststörungen und Depressionen könnten auch durch die allgemeinen Lebensumstände während der Coronakrise ausgelöst werden, etwa das Leben im Shutdown oder existenzielle Ängste.

Und gerade in Wuhan dürften Menschen unter dem monatelangen harten Lockdown mit Ausgangsbeschränkungen gelitten haben – auch wenn sie nicht an Covid-19 erkrankt waren.

Darauf deutet zum Beispiel auch eine Befragung von Psychiatern und Psychiaterinnen in Deutschland hin: 82 Prozent der Befragten beobachteten bei ihren Patienten häufiger Probleme mit Angstzuständen als vor der Coronakrise. Knapp 80 Prozent diagnostizierten dem »Tagesspiegel«  zufolge öfter als zuvor Depressionen. Auch die Fälle somatischer Beschwerden nehmen demnach zu: Müdigkeit, Erschöpfung und Schmerzen ohne organische Ursache. 70 Prozent der befragten Ärzte beobachteten eine Zunahme von Schlafstörungen.

Ist es das Virus selbst – oder die Umstände der Pandemie?

Der Lungenfacharzt Gernot Rohde sagte Anfang Dezember im NDR-Podcast  zu Long Covid: »Es ist natürlich ungeklärt, ob jetzt das Virus selbst zu einer dauernden Stoffwechselstörung im Gehirn führt, dass man dadurch vielleicht ein erhöhtes Risiko für eine Angststörung oder eine Depression oder was auch immer hat und die sich auch tatsächlich manifes­tiert. Oder ob es einfach diese Pandemie und die Krise an sich ist, die hier dann auch eine entsprechende Auswirkung hat.« Unterm Strich sei es jedoch nicht erheblich, ob es sich um somatische oder psychische Veränderungen handle. Denn: Menschen mit Beschwerden müsse geholfen werden.

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