Corona-Pandemie Mehr als 4000 Neuinfektionen in Deutschland - was die Zahl bedeutet

Noch nie in diesem Halbjahr haben deutsche Behörden so viele Corona-Neuinfektionen gemeldet. Liegt das allein am vermehrten Testen? Und wie entwickelt sich die Zahl der Schwerkranken? Der Überblick.
Menschenansammlung in der Berliner U-Bahn: Mehr als 1600 Neuinfektionen

Menschenansammlung in der Berliner U-Bahn: Mehr als 1600 Neuinfektionen

Foto: Christoph Soeder / dpa

4058 neue Corona-Infektionen wurden in Deutschland in den vergangenen 24 Stunden nachgewiesen, fast anderthalbmal mehr als am Vortag. Die Fallzahl vom Donnerstag erregt die Gemüter. Es wächst die Sorge, dass nun die für den Herbst befürchtete zweite Welle Fahrt aufnimmt - und das Bedürfnis nach einer genaueren Einordnung der Lage.

Was bedeutet der Anstieg im Kontext des bisherigen Verlaufs der Pandemie in Deutschland? Wird nicht auch mehr getestet? Wie voll ist es auf den Intensivstationen? Und breitet sich das Virus örtlich begrenzt oder flächendeckend aus? Unter Berücksichtigung zentraler Messgrößen ergibt sich eine klare Tendenz: Die Ausbreitung des Virus beschleunigt sich.

Monatelanger Trend nach oben

Allein die Zahl von mehr als 4000 nachgewiesenen Neuinfektionen an einem Tag verrät allerdings wenig über das tatsächliche Infektionsgeschehen. Denn niemand weiß, wie hoch die Dunkelziffer ist. Zudem sind die vom RKI jeden Morgen veröffentlichten Fallzahlen starken Schwankungen unterworfen. Das hängt unter anderem mit der Meldekette zusammen.

Die Gesundheitsämter vor Ort melden entdeckte Infektionen zunächst der zuständigen Landesbehörde, die wiederum an das RKI. Vom positiven Test bis zur Veröffentlichung durch das Robert Koch-Institut (RKI) können so zwischen einem und mehreren Tagen vergehen, in selteneren Fällen sind Meldungen noch länger unterwegs (mehr dazu lesen Sie hier).

Unter den an diesem Donnerstag veröffentlichten 4058 Neuinfektionen finden sich jedoch nur wenige Altfälle. Gut 97 Prozent der Infektionen wurden von den örtlichen Gesundheitsämtern innerhalb der vergangenen drei Tage erfasst.

Aber auch andere Faktoren können Schwankungen der Tageswerte verursachen, etwa das verzögerte Abarbeiten von Proben in Testlabors. Aussagekräftiger als die rohe Zahl täglich neu bekannt gegebener Fälle ist daher eine andere Größe: die Fälle nach Erkrankungsbeginn.

Das RKI bereitet seine Daten dafür statistisch auf und glättet sie. Dieser Wert schwankt weniger stark, doch auch seine Entwicklung hat seit drei Monaten einen klaren Trend: nach oben (siehe Grafik).

Mehr Tests allein können Anstieg nicht erklären

Die derzeitigen Werte lassen sich dabei kaum mit den Höchstwerten von mehr als 6500 Neuinfektionen an einem Tag in der ersten großen Welle vergleichen. Die Teststrategie, also die Kriterien, wer sich testen lassen kann, hat sich im Vergleich zum ersten Halbjahr des Jahres verändert. Außerdem ist die Zahl der Tests seit Juni in Deutschland deutlich gestiegen.

In den vergangenen sieben Wochen lag das Testvolumen bei kontinuierlich rund 1,1 Millionen Tests pro Woche (siehe Grafik oben). Dadurch ist es möglich, einen größeren Anteil der Fälle zu erkennen. Das bedeutet aber nicht, dass die Zahlen nur steigen, weil mehr getestet wird. Sie wachsen auch unabhängig davon.

Das verrät die sogenannte Positivrate. Sie gibt an, wie groß der Anteil positiver Tests unter allen Proben ist. Sie ist jüngst zum fünften Mal in Folge gestiegen und lag zuletzt bei 1,6 Prozent, dem höchsten Wert seit Mitte Juni (siehe Reiter "Positivrate", Grafik oben).

Wieder mehr Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen

Auch die Belegung der Intensivstationen spricht eher gegen die Annahme, der Anstieg habe ausschließlich mit den vielen Tests zu tun. Denn auch die Zahl der Menschen mit einem so schweren Krankheitsverlauf, dass sie in intensivmedizinische Behandlung müssen, steigt seit Wochen.

Zuletzt befanden sich laut der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) 487 Menschen in Intensivbehandlung, 239 von ihnen müssen beatmet werden. So viele waren es seit Juni nicht mehr. Dabei gilt es zu beachten, dass sich die Patientenzahlen in der Pandemie immer erst mit einiger Verzögerung verändern, denn nach der Infektion vergehen mehrere Tage bis Wochen bis zu einem schweren Verlauf.

Allerdings gibt es auch einen weiteren Faktor, der die Belegung der Intensivstationen beeinflussen dürfte: Zuletzt wurden wieder mehr Neuinfektionen bei älteren Menschen bekannt, die anfälliger für schwere Krankheitsverläufe sind.

Das Virus breitet sich in der Fläche aus

Besorgt zeigen sich Experten auch, weil der derzeitige Anstieg der Infektionszahlen nicht primär auf einzelne lokale Ausbrüche zurückgeht, die sich vergleichsweise leicht kontrollieren und eindämmen lassen. Stattdessen steigen die Zahlen fast überall im Land. Es gibt nur noch wenige Landkreise, für die das RKI keine bestätigten Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen aufführt.

Aktuell liegen sieben Städte und Landkreise über der Schwelle von 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner in sieben Tagen, ab der verschärfte Maßnahmen zur Eindämmung ergriffen werden müssen. Mehr als 20 Städte und Landkreise liegen über einer Inzidenz von 35, ab der bereits Einschränkungen für private Feiern gelten.

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Berlin hat nach Bremen mit mehr als 1600 Neuinfektionen in sieben Tagen die meisten neuen Fälle gemessen an der Größe der Bevölkerung. Zwar entspricht der Wert weniger als 50 je 100.000 Einwohnern, allerdings nur bezogen auf die gesamte Stadt. Für die Bezirke Mitte, Tempelhof-Schöneberg, Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg gibt das RKI Inzidenzen über 50 an, für Neukölln liegt der Wert bei rund 90.

Die Statistik der Stadt, die jedoch nicht ausschlaggebend für die Überschreitung der Inzidenz-Grenzen ist, zeigt inzwischen  52,8 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen an.

"Beschleunigungsphase in fast ganz Europa"

"Es ist möglich, dass wir mehr als zehntausend neue Fälle pro Tag sehen und dass sich das Virus unkontrolliert verbreitet", sagte RKI-Präsident Lothar Wieler am Donnerstag bei einer Pressekonferenz. Der R-Wert liegt seit Anfang Juli mit wenigen Ausnahmen über eins (siehe Grafik unten). Jeder Infizierte steckt im Schnitt also mehr als eine weitere Person an, das Virus breitet sich exponentiell aus.

"In fast ganz Europa befinden wir uns gerade in der Beschleunigungsphase. Und das bereits Anfang Oktober - nicht mal drei Wochen nach Herbstbeginn", schrieb die Virologin Sandra Ciesek vom Universitätsklinikum Frankfurt am Donnerstag auf Twitter. Dazu postete sie einen Text des Arztes und Strategieberaters Philipp S. Holstein, in dem dieser die Ausbreitung des Virus mit der Beschleunigung eines Porsche vergleicht.

Was viele nicht verstünden, wenn es um die Zahlen der Neuinfektionen, der Menschen in Kliniken und auf Intensivstationen gehe, sei, dass es sich um eine Momentaufnahme in einem dynamischen Prozess handele, so Holstein. Es gelte zu unterscheiden, ob der Prozess sich verlangsame, stabil bleibe oder sich beschleunige.

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"Man kann es sich so vorstellen: Ein Porsche wird mit 33 Kilometern pro Stunde zwei Meter nach Beginn der Spielstraße gemessen. 33 ist wirklich kein Drama. Wenn zu dem Zeitpunkt das Gaspedal aber voll durchgedrückt ist, wird voraussichtlich vier Sekunden später eine Geschwindigkeit von 100 Kilometern pro Stunde erreicht sein", schreibt Holstein.

Zwar übersieht er dabei, dass in Spielstraßen Schrittgeschwindigkeit gilt, 33 Kilometer pro Stunde wären also durchaus zu viel. Doch die Botschaft ist klar: "Die Pandemie beschleunigt gerade."

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