Wirksamkeit der Kontaktsperre Deutschlands größter Corona-Test startet in München

München ist so stark vom Coronavirus betroffen wie keine andere Region in Deutschland. Dort startet nun die bislang größte Querschnittsstudie mit Tausenden Tests. Erste Erkenntnisse, wie weit sich der Erreger bereits ausgebreitet hat, sollen zeitnah vorliegen.

Bevölkerungsquerschnitt: Repräsentative Studien geben Aufschluss, wie viele Menschen sich mit dem neuen Coronavirus infiziert haben

Bevölkerungsquerschnitt: Repräsentative Studien geben Aufschluss, wie viele Menschen sich mit dem neuen Coronavirus infiziert haben

Foto: Classen Rafael/ EyeEm/ Getty Images

Forscher mahnen seit Wochen, dass die Faktenlage beim Coronavirus zu dünn ist. Es brauche mehr und vor allem bessere Informationen, um entscheiden zu können, wann und in welchem Ausmaß die derzeit geltenden Kontaktbeschränkungen aufgeweicht werden könnten, ohne dass die weitere Ausbreitung des Virus zum Kollaps des Gesundheitssystems führt.

Grundlegende Fragen sind ungeklärt: Wie viele Menschen haben sich infiziert? Wie viele sind im Zusammenhang mit einer Infektion gestorben?

Jeden Tag gibt es dazu neue Informationen, doch diese geben lediglich an, wer sich nachgewiesenermaßen angesteckt hat und das Virus in sich trug, als er starb. Wie viele Menschen sich tatsächlich infiziert haben, sich jeden Tag infizieren und ursächlich am Erreger gestorben sind, ist unklar (ein ausführliches Interview dazu lesen Sie hier).

Was die Corona-Statistik verrät – und was nicht

Die offiziell gemeldete Zahl der Infizierten bezieht sich ausschließlich auf mit Labortests nachgewiesene Infektionen. Wie viele Menschen sich tatsächlich täglich neu infizieren und bislang infiziert waren, ohne positiv getestet worden zu sein, ist unklar. Antikörperstudien zeigen, dass es eine erhebliche Dunkelziffer an unentdeckten Infektionen gibt.

Die offizielle Zahl der Toten beschreibt, wie viele Menschen mit dem Virus gestorben sind. In wie vielen Fällen die Infektion ursächlich für den Tod war, lässt sich daraus nicht unmittelbar ablesen. Obduktionsstudien zeigen aber, dass bei den meisten Toten die Covid-19-Erkrankung auch die Todesursache war.

Mehr Informationen dazu, was im Umgang mit Corona-Daten zu beachten ist und welche Quellen der SPIEGEL nutzt, lesen Sie hier.

Forscher versuchen nun, in mehreren kurzfristig aufgesetzten repräsentativen Querschnittsstudien schnellstmöglich Antworten zu finden.

So haben Wissenschaftler angekündigt, in den nächsten Wochen bei 100.000 Probanden nach Antikörpern gegen das neue Virus suchen zu wollen. Diese Studie hat bislang allerdings noch nicht begonnen. Im besonders stark vom Virus betroffenen Landkreis Heinsberg untersucht der Virologe Hendrik Streeck bereits, wie sich das Virus im Detail ausbreitet. In München kommt nun ein neues Projekt hinzu, es ist das bislang größte seiner Art in Deutschland.

Wie viele Infizierte verkraftet das Gesundheitssystem?

Wissenschaftler unter der Leitung von Michael Hölscher, Direktor des Tropeninstituts der Uniklinik München, wollen dort Menschen in 3000 Haushalten auf Antikörper gegen Sars-CoV-2 testen. Das haben der bayerische Ministerpräsident Markus Söder und die Uniklinik München auf einer Pressekonferenz am Freitag bekannt gegeben. Zudem wird Bayern einen interdisziplinären Expertenrat einrichten.

Die Stichprobe der Studie wird repräsentativ sein, sodass sich das Ergebnis auf ganz München übertragen lässt und zumindest Hinweise liefert auf die Lage in anderen deutschen Großstädten und Regionen, in denen es ähnlich wie in München viele verschiedene Infektionsherde gab. Erste Ergebnisse sollen bereits in wenigen Tagen und Wochen zur Verfügung stehen.

Schicken Sie uns Hinweise

Kettenbriefe und Audionachrichten: Über das Coronavirus kursieren viele Falschmeldungen und Gerüchte, zum Beispiel auf WhatsApp oder Facebook. Welche sind Ihnen begegnet? Schreiben Sie uns eine E-Mail an corona.faktencheck@spiegel.de . Wir überprüfen ausgewählte Fälle und veröffentlichen das Ergebnis auf spiegel.de/thema/coronavirus-faktencheck.

 

Antikörper entstehen, wenn das Immunsystem in Kontakt mit einem Krankheitserreger kommt und bleiben auch anschließend im Blut nachweisbar. Mithilfe der Untersuchung können die Forscher also prüfen, wie viele Menschen sich in München bislang tatsächlich mit dem neuen Coronavirus infiziert haben und abschätzen, wie weit sich der Erreger dort inzwischen ausgebreitet hat.

Auch lässt die Untersuchung Schlüsse zu, wie stark die aktuelle Ausbreitung des Virus die Krankenhäuser belastet und wie weit sie eingedämmt werden muss, um Zustände wie in Italien zu verhindern.

Weiß man, wie viele Menschen insgesamt infiziert sind, können Experten grob ableiten, wie hoch der Anteil der Leute ist, die auf Intensivstationen behandelt werden müssen und wie viele Plätze dort nötig sind, abhängig davon, wie schnell sich das Virus weiter ausbreitet.

Wie schnell stecken Kinder ihre Eltern an - und umgekehrt?

Das Projekt soll zudem Hinweise liefern, wie schnell Kinder ihre Eltern anstecken und umgekehrt. Die Information ist nützlich, um zu entscheiden, wann Kinder wieder in die Schule und in den Kindergarten gehen können.

"Um der Pandemie intelligent begegnen zu können, müssen wir die Ausbreitung von Sars-CoV-2 genau verstehen. Dies wird in den nächsten Monaten einer der wichtigsten Parameter für die Steuerung der Maßnahmen zum Social Distancing sein", sagt Hölscher.

Geht man nach der Anzahl der nachweislich Infizierten, gibt es in München so viele Corona-Fälle wie in keiner anderen Stadt und keinem anderen Landkreis in Deutschland. Laut der Statistik des Robert Koch-Instituts (RKI) wurden dort Stand Freitag bislang gut 3000 Infektionen bestätigt. Fünf Menschen sind im Zusammenhang mit einer Sars-CoV-2-Infektion gestorben.

In Gesamtdeutschland haben sich laut RKI nachweislich bislang knapp 80.000 Menschen mit dem neuen Virus infiziert, mehr als 1000 Todesfälle wurden im Zusammenhang mit ihm dokumentiert.

Wiederholungen verraten, wie schnell sich das Virus ausbreitet

Beginnen soll das Münchner Großprojekt bereits am Sonntag. Hölschers Team, zu dem auch 70 Medizinstudenten gehören, wird Hausbesuche bei den repräsentativ ausgewählten Haushalten in verschiedenen Stadtgebieten und aus allen Altersgruppen machen.

Die möglichen Probanden erhalten zunächst Informationsmaterial, können Fragen stellen und bei Interesse ihre Kontaktinformationen hinterlegen. Ihnen wird später Blut abgenommen. Wenn sie Symptome haben, die auf eine Corona-Infektion hinweisen, nehmen die Forscher außerdem einen Abstrich im Rachen. Er zeigt, ob dort zur Zeit des Tests Coronaviren vorhanden sind, also eine akute Infektion vorliegt.

Außerdem sollen möglichst viele Studienteilnehmer über 14 Jahren in Interviews zu ihren Alltagsgewohnheiten und zum Auftreten von Symptomen in den vergangenen Wochen befragt werden. Über die Zeitspanne von ungefähr einem Jahr werden die Tests mehrfach wiederholt.

Auf diese Weise verraten die Daten auch, wie schnell sich das Virus in München im jeweiligen Zeitraum ausgebreitet hat. Alle Studienteilnehmer können zudem freiwillig in einer Tagebuch-App dokumentieren, ob sie Symptome entwickeln, mit wem sie Kontakt haben und wo sie sich aufhalten. Die Forscher hoffen auf diese Weise Hinweise zu finden, welche Verhaltensweisen das Risiko für eine Infektion erhöhen.

Außerdem wollen sie ermitteln, wie viele Menschen sich infizieren, ohne Symptome zu bekommen. Auch diese Personen sind ansteckend und können die Ausbreitung des Virus deutlich beschleunigen, ohne es zu wissen. Je nachdem, wie groß der Anteil der Symptomlosen ist, zeigt die Studie auch, inwiefern es sinnvoll ist, dass alle einen einfachen Mundschutz tragen, um niemanden anzustecken (mehr dazu lesen Sie hier).

Probelauf für deutschlandweite Corona-Studie

Finanziert wird die Untersuchung vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, der Uniklinik München und dem Helmholtz Zentrum München. Auch der Blutspendedienst des Bayerisches Rotes Kreuz ist beteiligt.

Ein absolut sicheres Ergebnis wird allerdings auch diese Studie zunächst nicht liefern können. Noch gibt es keine ausreichend verlässlichen Antikörpertests. Manchmal zeigen sie eine Immunität an, auch wenn gar keine Antikörper gegen Sars-CoV-2 vorliegen.

DER SPIEGEL

Dabei reagieren sie auf andere Coronaviren, die seit Jahrzehnten breit in der Bevölkerung zirkulieren, vor allem harmlose Erkältungen auslösen und sich nicht exponentiell ausbreiten. Etwa 90 Prozent der Bevölkerung trägt Antikörper gegen sie im Blut.

Nach und nach lassen sich Firmen nun neue, sicherere Tests zertifizieren, die eine überstandene Infektion mit dem neuen Coronavirus ermitteln können. Bis sie in großer Zahl zur Verfügung stehen, wird es aber wohl noch einige Wochen dauern.

Die Münchner Wissenschaftler wollen ihre Untersuchung daher auch nutzen, um Erfahrungen für noch größere Corona-Projekte zu sammeln.

So haben Forscher um Gérard Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig Ende März 2020 bekannt gegeben , bundesweit 100.000 Menschen auf Sars-CoV-2-Antikörper testen zu wollen. An dem Projekt beteiligt sind unter anderem auch das RKI, die Berliner Charité und die Blutspendedienste.

Diese Untersuchung wäre repräsentativ für ganz Deutschland und soll ebenfalls mehrmals wiederholt werden, um zu verstehen, wie schnell sich das neue Coronavirus tatsächlich ausbreitet. Allerdings ist die Finanzierung noch nicht abschließend geklärt. Beginnen soll die Feldforschung möglichst aber auch im April.

Der Partythese auf der Spur

Im Landkreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen haben Forscher dagegen bereits mit der Arbeit begonnen. Fast seit Beginn des Ausbruchs erforscht Hendrik Streeck, Virologe an der Uniklinik Bonn, dort Symptome und Ansteckungswege des Virus.

Unter anderem ist ihm in einer Untersuchung mit rund hundert leicht an Covid-19 Erkrankten aufgefallen, dass einige Infizierte Gerüche gar nicht mehr oder nur noch vermindert wahrnehmen konnten. Das Symptom hat es bislang allerdings nicht in die offizielle Symptom-Liste des RKI geschafft (mehr dazu lesen Sie hier).

Inzwischen hat die Landesregierung  in Nordrhein-Westfalen Streeck beauftragt, den Corona-Ausbruch in der Gemeinde Gangelt im Detail nachzuvollziehen. Dort hatte sich das Virus nach einer Karnevalssitzung Mitte Februar rasant ausgebreitet.

Insgesamt sind Antikörpertests und Interviews mit bis zu 1000 repräsentativ ausgewählten Bürgern geplant. Gemeinsam mit 20 Studenten will Streeck außerdem die Infektionsketten in Gangelt nachvollziehen, also untersuchen, wie das Coronavirus in den Ort kam und immer mehr Menschen infiziert hat.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Im Landkreis Heinsberg gibt es laut RKI bislang ungefähr 1400 bestätigte Corona-Infektionen, nur in den Großstädten wie München, Hamburg und Köln sind es mehr.

Auffällig ist, dass in Heinsberg bereits 39 Menschen mit einer nachgewiesenen Corona-Infektion gestorben sind - etwas mehr als in den drei meistbetroffenen Städten zusammen. Im Kreis Heinsberg leben gut 250.000 Menschen, in München sind es rund 1,5 Millionen, in Hamburg 1,8 Millionen und in Köln 1,1 Million.

Suche nach schützenden Faktoren

Insbesondere wollen die Forscher in Heinsberg die Frage klären, inwiefern Partys die Sars-CoV-2-Infektionsrate nach oben treiben. So stehen neben dem Karneval in Heinsberg auch Feiern im Skiort Ischgl und Fußballspiele in verschiedenen Regionen unter Verdacht, die Ausbreitung des Virus in Deutschland und Europa beschleunigt zu haben.

Hier könnte ein Infizierter auf engem Raum viele weitere Personen angesteckt haben, die das Virus dann wieder weitergetragen haben (mehr zu dieser Superspreader-Theorie lesen Sie hier).

Streeck hat sich die Teilnehmerliste der Karnevalssitzung in Gangelt organisiert, erklärte er kürzlich in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" . Dabei liegt sein Augenmerk auch auf den Gästen, die sich das Virus nicht eingefangen haben, obwohl sie auf der Veranstaltung waren. Er will verstehen, was sie von den anderen unterscheidet und damit möglicherweise vor einer Infektion geschützt hat. Erste Ergebnisse wollen die Forscher schon in der nächsten Woche bekannt geben.

Die schwere Frage nach der Zahl der Corona-Toten

Eine Frage werden allerdings auch die Feldstudien nicht abschließend beantworten können, nämlich wie viele Menschen ursächlich am neuen Coronavirus gestorben sind. Das Problem: Häufig erliegen bereits vorher schwer erkrankte Menschen der Infektion. Ob ihre Grunderkrankung die Todesursache war oder das neue Virus, lässt sich ohne Obduktion kaum nachvollziehen. Wie viele Menschen in diesem Jahr zusätzlich durch das Coronavirus gestorben sind, wird sich daher erst mit etwas Abstand sagen lassen.

Dann wird klar sein, ob 2020 mehr Menschen ihr Leben verloren haben als in den Vorjahren oder ob Covid-19 vor allem dazu geführt hat, dass ohnehin schwer kranke Menschen ihren Leiden erlegen sind. Kleinere Schwankungen werden dabei allerdings nicht auffallen.

Für den Großteil der EU-Staaten erfasst das Projekt Euromomo, wie viele Menschen pro Monat im Vergleich zum Durchschnitt sterben. Allerdings helfen auch diese Zahlen aktuell kaum weiter. Das Projekt weist auf seiner Internetseite ausdrücklich darauf hin, dass ein Anstieg der Todeszahlen, wie etwa aktuell in Italien, in der Gesamtstatistik aller Länder nicht auffällt. Hinzu kommt, dass die Daten insgesamt mit Vorsicht betrachtet werden müssen, da sie mit einigen Wochen Verzögerung gemeldet werden.

"Obwohl eine erhöhte Mortalität in den Euromomo-Zahlen möglicherweise nicht sofort erkennbar ist, bedeutet dies nicht, dass in einigen Gebieten oder in einigen Altersgruppen keine erhöhte Mortalität auftritt", schreiben die Forscher auf ihrer Website . Gelingt es zu verhindern, dass das Gesundheitssystem durch die sehr schnelle Ausbreitung des neuen Virus an seine Kapazitätsgrenze kommt, ist es gut möglich, dass auch langfristig in der nationalen Statistik keine erhöhte Todeszahl nachweisbar sein wird.

Zu verhindern, dass zu viele Menschen zur gleichen Zeit am Coronavirus erkranken und das Gesundheitssystem kollabiert, ist derzeit das oberste Ziel. Gelingt das nicht, wird es viele Tote geben - unabhängig davon, wie gefährlich das Virus ganz generell ist.