Virologe Drosten Mutierte Corona-Variante vermutlich schon in Deutschland

Die in Großbritannien entdeckte Variante des Coronavirus ist laut Christian Drosten vorerst kein Grund, in Panik zu verfallen. Bisher sei die Datenlage noch zu lückenhaft, um verlässliche Werte zu nennen.
Das Virus Sars-Cov-2 unter dem Elektronenmikroskop (Archiv): Im Schnitt zwei Mutationen pro Monat

Das Virus Sars-Cov-2 unter dem Elektronenmikroskop (Archiv): Im Schnitt zwei Mutationen pro Monat

Foto: NIAID-RML / AP / dpa

Der Virologe Christian Drosten geht davon aus, dass die in Großbritannien zirkulierende neue Variante des Coronavirus Deutschland bereits erreicht hat. »Ich denke, dass das schon in Deutschland ist«, sagte Drosten am Montagmorgen im Deutschlandfunk . »Dieses Virus ist ja jetzt gar nicht so neu. Davon darf man sich jetzt wirklich nicht irgendwie aus der Ruhe bringen lassen.«

Premierminister Boris Johnson hatte am Samstag behauptet, die kürzlich entdeckte Variante sei um bis zu 70 Prozent ansteckender als die bisher bekannte Form. Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock hatte gesagt, die neue Variante sei »außer Kontrolle«. Mehrere Staaten hatten daraufhin am Wochenende die Einreise aus Großbritannien gestoppt. Der wichtige britische Hafen Dover am Ärmelkanal sowie der Eurotunnel wurden um Mitternacht geschlossen. In Deutschland dürfen zunächst bis zum 31. Dezember keine Flugzeuge aus dem Vereinigten Königreich mehr landen (alle aktuellen Entwicklungen lesen Sie hier).

Drosten äußerte Zweifel an der wissenschaftlichen Gewissheit des von Johnson genannten Wertes: »Diese Zahl ist einfach so genannt worden.« Politiker würden solche Zahlen nennen, Medien nähmen diese auf. »Plötzlich steht so ein Wert im Raum – 70 Prozent – und keiner weiß überhaupt, was damit gemeint ist.«

Mutation an Rezeptorbindungsstelle

Um zu wissen, ob ein Virus besser oder schneller übertragbar sei, müsse man schauen, wer wen infiziert habe und wie lange das gedauert habe. »Bei aller Kenntnis über dieses Virus würde einen das wundern, wenn sich so ein Parameter jetzt noch erheblich verändern würde«, sagte Drosten. An der Sequenz des Virus sehe man, dass es eine Mutation in der Rezeptorbindungsstelle gebe. Die Bindung an den Rezeptor sei stärker. Das müsse aber nicht unbedingt besser sein für das Virus. 

Die neue Variante komme seit Ende September in England vor und sei im Oktober noch überhaupt nicht im Fokus gewesen. »Wir wissen jetzt: Es ist schon in Italien, in Holland, in Belgien, in Dänemark – sogar in Australien. Warum sollte es nicht in Deutschland sein?«

Dass Viren mutieren, ist zunächst nicht unbedingt besorgniserregend. Auch Sars-CoV-2 ist bereits mehrfach mutiert. Im Sommer hatte sich etwa eine Variante, die vermutlich in Spanien entstanden ist, in Europa verbreitet. »Wir wissen, dass Sars-CoV-2 pro Genom pro Monat im Schnitt zwei Mutationen ansammelt, was für ein Coronavirus nicht ungewöhnlich ist«, sagte die Epidemiologin Emma Hodcroft Anfang November dem SPIEGEL . Bedenklich werde es erst, wenn es um Bereiche des Virus gehe, die für die Immunantwort und die Impfstoffentwicklung wichtig seien.

Dokumente lückenhaft

Zur neuen Virusvariante sagte Drosten: »Ich bin darüber nicht so sehr besorgt im Moment. Ich bin allerdings auch – genau wie jeder andere – in einer etwas unklaren Informationslage.« Die öffentlich bekannten Dokumente seien noch lückenhaft, das würden britische Wissenschaftler genauso sehen. »Die sagen auch, sie müssen zumindest mal noch bis diese Woche warten, bis ein paar vorläufige Datenanalysen abgeschlossen sind, um überhaupt zu sagen, dass der Verdacht, den sie da äußern, stimmt.«

DER SPIEGEL

Mit Blick auf erhöhte Infektionszahlen sei die Frage, ob überhaupt die neue Virusvariante daran Schuld habe, »oder ist das so, dass einfach lokal, wo dieses Virus gerade zufällig war, der Lockdown nicht so streng war, die Leute nicht gewusst haben, dass auch jetzt bei ihnen eine lokale Epidemie losgeht, und dass einfach Übertragungsmechanismen zum Tragen gekommen sind, die auch jedes andere Virus hochgespült hätten.«

Angesichts der zunehmenden Isolation seines Landes berief Premierminister Johnson für diesen Montag ein Krisentreffen seiner Regierung ein. Ein »steter Fluss von Fracht« aus und nach Großbritannien müsse sichergestellt werden. Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft hat für Montag ein Notfalltreffen mit Vertretern anderer Mitgliedstaaten einberufen. Auf der Tagesordnung stehe die Koordination der Europäischen Union in Bezug auf die neue Virusvariante.

kry/dpa
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