Neue Analysen Wie sicher schützt der AstraZeneca-Impfstoff gegen Infektionen?

Neue Daten von AstraZeneca und der Uni Oxford machen Hoffnung, dass ihr Impfstoff nicht nur schwere Krankheitsverläufe verhindert, sondern auch das Infektionsgeschehen bremst. Es bleiben allerdings noch Fragen offen.
Covid-19-Impfstoffs von AstraZeneca: Hinweis auf Schutz vor Infektionen

Covid-19-Impfstoffs von AstraZeneca: Hinweis auf Schutz vor Infektionen

Foto: Ben Stensall / AFP

Kurz nach der Zulassung des Covid-19-Impfstoffs von AstraZeneca und der Universität Oxford in der Europäischen Union (EU) haben Hersteller und Entwickler neue Daten zur Effektivität des Mittels bei verschiedenen Impfschemata veröffentlicht.

Demnach reduzierte der AstraZeneca-Impfstoff das Risiko einer Covid-19-Erkrankung im Durchschnitt mehrerer Analysen um zwei Drittel (67 Prozent). Die Wirksamkeit könnte zudem durch einen längeren Zeitraum zwischen Erst- und Zweitimpfung auf um die 80 Prozent erhöht werden.

Die Daten liefern auch Hinweise zur Wirksamkeit nach nur einer Impfdosis und zum Schutz, den der Impfstoff vor Infektionen und damit auch vor der Ausbreitung des Virus bietet. Allerdings gibt es hier noch einige Unsicherheiten. Die Studie wurde vorab auf der Seite  des Fachmagazins »The Lancet« veröffentlicht, aber noch nicht unabhängig geprüft.

Neue Daten, altes Datenchaos

Basis der Auswertung sind die Zulassungsstudien des Herstellers, aus denen erstmals im November 2020 Informationen öffentlich wurden. Inzwischen sind die Prüfungen abgeschlossen. Knapp 20.000 Probandinnen und Probanden haben im Rahmen der Analysen entweder den AstraZeneca-Wirkstoff oder ein wirkungsloses Placebo erhalten.

Klinische Prüfung der Impfstoffentwicklung in drei Phasen

Bis ein Impfstoff zugelassen wird, muss er in drei Phasen klinisch geprüft werden. Damit das Paul-Ehrlich-Institut einen potenziellen Impfstoff für eine klinische Studie am Menschen zulässt, muss ein Hersteller zunächst Daten vorlegen, dass der Stoff bereits ausreichend präklinisch getestet wurde – etwa in Tierversuchen.

Phase I: Der Impfstoff wird einer kleinen Gruppe von freiwilligen Gesunden verabreicht. Es wird beobachtet, ob das Mittel den Zielbereich im Körper erreicht und dabei keine akuten Nebenwirkungen auftreten.

Phase II: Erst wenn die Phase I erfolgreich war, kann der Impfstoff in Phase II einer größeren Teilnehmerzahl verabreicht werden, die der Risikogruppe entstammen. Im Fall von Covid-19 wären das ältere Personen oder Menschen mit Vorerkrankungen. In dieser Phase werden die Wirksamkeit des Impfstoffs bei der Verhinderung der Krankheit und die geeignete Dosierung getestet.

Phase III: Danach kann der Impfstoff an einer repräsentativen Gruppe von Freiwilligen getestet werden – bis zu 10.000 Probanden werden dabei geimpft. In Phase III werden die Wirksamkeit, die Sicherheit sowie die Dosierung der Impfung bestätigt. Unerwünschte Ereignisse, wie etwa ein besonders schwerer Krankheitsverlauf durch die Gabe des Impfstoffs, können ausgeschlossen werden.

Insgesamt gab es 332 Covid-19-Fälle – 84 davon traten unter den mit Wirkstoff Geimpften auf, 248 in der Placebogruppe. Daraus ergibt sich die oben erwähnte Wirksamkeit von 67 Prozent. Geimpft wurde allerdings in verschiedenen Schemata, was die Auswertung der Daten erschwert und teils zu Unsicherheiten führt.

Bei einer Analyse mit 14.200 Probanden und Probandinnen wurden in der Wirkstoffgruppe zwei volle Impfdosen verabreicht. 271 Probanden oder Probandinnen erkrankten an Covid-19, 74 davon unter den mit Wirkstoff geimpften, 197 in der Placebogruppe. Daraus ergibt sich eine Wirksamkeit in dieser Untergruppe von 63 Prozent. Das deckt sich mit der ersten Zwischenauswertung der Daten.

Schutz vor Infektionen?

In einem deutlich kleineren Studienarm mit knapp 2800 Probandinnen und Probanden und 61 Covid-19-Fällen haben Teilnehmerinnen und Teilnehmer dagegen statt zwei voller Impfdosen zunächst eine halbe Dosis erhalten und erst bei der Zweitimpfung eine volle. Laut der finalen Daten liegt die Wirksamkeit dort bei gut 80 Prozent.

Diese Angabe fußt allerdings auf der kleinen Datenbasis von lediglich 61 Covid-19-Fällen, zehn entfielen auf Menschen, die mit dem Wirkstoff geimpft worden waren, 51 auf die Placebogruppe. Laut Studie könnte sich die Wirksamkeit bei besserer Datenlage zwischen gut 60 und 90 Prozent bewegen.

Aus dieser Studiengruppe veröffentlichten AstraZeneca und die Uni Oxford nun auch erste Hinweise zur Frage, wie gut der Impfstoff nicht nur vor der Krankheit Covid-19 schützt, sondern auch vor Infektionen mit dem Virus Sars-CoV-2 und damit vor der Ausbreitung des Virus. Die Zahlen stimmen hoffnungsfroh: Der Impfstoff könnte das Infektionsrisiko demnach um zwei Drittel (67 Prozent) verringern.

Von 117 positiven PCR-Tests unter den Probanden und Probandinnen in dem Studienarm entfielen nur 29 auf die mit Wirkstoff geimpften Probandinnen und Probanden und 88 auf die Placebogruppe. Allerdings sind hier auch Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer eingerechnet, die Covid-19-Symptome entwickelt haben. Wie verlässlich der Impfstoff rein asymptomatische Fälle und somit zu einem großen Teil unbemerkte Übertragungen des Virus verhindert, bleibt unklar.

In den Studiengruppen, die zwei volle Dosen erhalten hatten, liegt die Schutzwirkung vor einer Sars-CoV-2-Infektion nur bei knapp 50 Prozent. Auch hier sind positiv Getestete mit Covid-19-Symptomen eingerechnet. Welche Rolle Geimpfte und möglicherweise zugleich unbemerkt Infizierte im Infektionsgeschehen genau spielen könnten, bleibt somit weiter offen.

Obwohl ein guter Infektionsschutz eine »äußerst willkommene Nachricht wäre, benötigen wir weitere Daten, bevor dies bestätigt werden kann«, sagte Doug Brown von der British Society for Immunology der »New York Times« . Es sei wichtig, dass alle nach der Impfung weiterhin die Abstands- und Hygieneregeln beachteten.

Unterstützung für Großbritanniens Impfstrategie

AstraZeneca und die Uni Oxford schlüsseln ihre Daten in der neuen Auswertung unabhängig davon auch danach auf, wie groß der Abstand zwischen erster und zweiter Impfung war. Hier flossen wieder Daten aus allen Studienarmen ein. Die beste Wirksamkeit zeigte sich demnach bei Probandinnen und Probanden, die frühestens zwölf Wochen nach der Erstimpfung die zweite Dosis erhalten hatten.

Unter 91 Fällen unter Personen, die frühestens drei Monate nach der ersten Dosis erneut geimpft wurden, entfielen demnach nur 15 auf Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer, die mit dem Wirkstoff geimpft wurden. Sie hatten demnach ein um gut 80 Prozent geringeres Risiko, an Covid-19 zu erkranken. In der Gruppe, die zwei volle Dosen erhalten hatte, war der Wert mit gut 82 Prozent noch etwas besser.

Die Daten stützen damit auch das Vorgehen Großbritanniens in seinem Impfplan, die zweite Impfdosis zwölf Wochen nach der ersten anzusetzen. Die Strategie soll ermöglichen, zunächst möglichst viele Menschen mit der Erstimpfung zu versorgen und damit zumindest schon mal irgendeinen Schutz vor Covid-19 zu erreichen.

Behörden in Deutschland  empfehlen mit Blick auf den AstraZeneca-Impfstoff einen Abstand von neun bis zwölf Wochen zwischen erster und zweiter Impfung. Laut der aktuellen Analyse reduzierte das Mittel das Erkrankungsrisiko bei einem Abstand von neun bis elf Wochen zwischen erster und zweiter Impfung bei allen Probandinnen und Probanden um gut 70 Prozent. In der Gruppe, die zwei volle Dosen bekommen hatte, lag der Wert bei gut 60 Prozent.

Auch die Angaben sind allerdings noch mit Unsicherheiten behaftet, da sie nur auf ein paar Dutzend Covid-19-Fällen in den Untergruppen der Studie beruhen. Sie liefern derzeit somit in erster Linie eine Tendenz, aber keine finalen Ergebnisse.

Die Wirksamkeit einer Dosis

Noch unsicherer wird die Auswertung mit Blick auf die Wirksamkeit des Impfstoffs nach nur einer Dosis. In der Zeit von 22 Tagen bis 90 Tagen nach Gabe der ersten Dosis bestehe demnach durchschnittlich eine 76-prozentige Wirksamkeit gegen eine Covid-19-Erkrankung, berichten die Fachleute unter Berufung auf Daten aus verschiedenen Teilstudien. Schon eine Dosis könnte das Erkrankungsrisiko demnach für drei Monate deutlich reduzieren.

Auf den ersten Blick erscheint die Datenbasis dafür valide. Es gab 88 Krankheitsfälle unter Probandinnen und Probanden, die erst eine Impfdosis erhalten hatten. 17 davon traten in der Gruppe der mit Wirkstoff geimpften auf, 71 in der Placebogruppe. Allerdings fanden die meisten Erkrankungen zu einem recht frühen Zeitpunkt statt. Je länger also die Erstimpfung zurückliegt, desto unsicherer werden die Daten.

Unter knapp 6000 Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern, die nach 61 bis 90 Tagen nur eine Impfdosis erhalten hatten, gab es nur 23 Covid-19-Fälle. Vier davon traten unter den mit dem Wirkstoff geimpften Personen auf, 19 in der Placebogruppe. Die Fallzahl ist somit zu gering, um verlässlich Auskunft über die Wirksamkeit der Erstdosis nach zwei bis drei Monaten zu geben.

Zur Einordnung: Die Forscher machen in ihrer Auswertung Angaben dazu, wie groß die Unsicherheit in ihren Daten ist und welche Rolle der Zufall darin spielt. Demnach könnte die Wirksamkeit des Impfstoffs nach 61 bis 90 Tagen auch nur bei 36 Prozent liegen, vielleicht aber auch bei 93 Prozent.

Hoffnung macht allerdings die Zahl der Antikörper, die nach der Impfung nach Angabe der Fachleute relativ stabil blieb, mit leicht abnehmender Tendenz an Tag 90 nach der Erstdosis. Was das für die Wirksamkeit bedeutet, muss nun noch genauer untersucht werden.

Auch bei den mRNA-Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna ist noch nicht abschließend geklärt, wie verlässlich die Mittel nach der Erstimpfung vor Covid-19 oder einer Infektion mit Sars-CoV-2 schützen. Der Impfstoff von AstraZeneca ist der erste in der EU zugelassene Corona-Impfstoff, der nicht auf mRNA, sondern auf Vektorviren basiert.

AstraZeneca hat dazu den genetischen Bauplan eines typischen Sars-CoV-2-Proteins in ein für den Menschen harmloses Schimpansenvirus integriert. Das Virus transportiert den Bauplan in menschliche Zellen, die das Spike-Protein des Virus herstellen. Der Körper entwickelt dann Antikörper dagegen.

»Die in diesem Bericht vorgestellten Analysen unterliegen einigen Einschränkungen«, räumt das Forscherteam in der aktuellen Studie selbst ein. So seien die Studien eigentlich nicht darauf ausgelegt gewesen, die Wirksamkeit des Impfstoffs nach Dosis-Intervall zu untersuchen. Auch hätten Daten aus verschiedenen Studiengruppen kombiniert werden müssen, die teils nicht unter den gleichen Ausgangslagen entstanden seien. Es gebe daher Potenzial für Verzerrungen.