Corona-Pandemie Neue Virusvariante erstmals in Deutschland nachgewiesen

Die zunächst in Großbritannien entdeckte, möglicherweise ansteckendere Corona-Variante wurde erstmals hierzulande nachgewiesen. Betroffen ist eine Frau, die Angehörige in Deutschland besuchen wollte.
Corona-Schnelltest in Stuttgart (am 23. Dezember)

Corona-Schnelltest in Stuttgart (am 23. Dezember)

Foto: Marijan Murat / dpa

Die zunächst in Großbritannien aufgetretene Variante des Coronavirus ist erstmals auch in Deutschland nachgewiesen worden.

Bei einer Frau, die am 20. Dezember aus Großbritannien nach Baden-Württemberg einreiste, wurde am Donnerstag die mutierte Variante B.1.1.7 festgestellt. Dies teilte das Gesundheitsministerium in Stuttgart mit. Die Frau habe milde Krankheitssymptome und befinde sich in häuslicher Isolation. Drei enge Kontaktpersonen seien ebenfalls in Quarantäne, hieß es.

Die Frau war von London-Heathrow nach Frankfurt am Main geflogen, um Angehörige im Landkreis Freudenstadt zu besuchen. »Bereits bei der Einreise erfolgte am Flughafen ein Schnelltest aller Passagiere auf Sars-CoV-2, der bei der betreffenden Person positiv ausfiel«, sagte ein Ministeriumssprecher. Sie sei dann von Verwandten mit einem Auto abgeholt worden.

»Zur Diagnosesicherung erfolgte am 21. Dezember 2020 ein PCR-Test, der ebenfalls positiv ausfiel.« Die engen Kontaktpersonen seien bisher nicht erkrankt. Eine Abstrichuntersuchung der Kontaktpersonen wurde in die Wege geleitet.

Großbritannien sequenziert viel mehr als Deutschland

Die erste bekannte Probe, in der die B.1.1.7-Virussequenz zu finden war, wurde am 20. September in der englischen Grafschaft Kent genommen. Bis zum 15. Dezember wurden in Großbritannien laut Behördenangaben 1623 Genome der B.1.1.7-Linie bekannt. Von den Ausbrüchen betroffen ist neben Kent vor allem auch der Großraum London. Vielerorts kommt die Linie dort inzwischen häufiger vor als frühere Formen.

Dass Viren mutieren, ist ganz normal. Auch vom Coronavirus Sars-CoV-2 gibt es inzwischen zahlreiche Varianten. Die zunächst in Großbritannien nachgewiesene Linie bereitet Forschern im Gegensatz zu ihren Vorgängern allerdings Sorge, weil sie mit einem sehr schnellen Anstieg von Infektionszahlen in Verbindung steht.

Experten gehen inzwischen davon aus , dass die neue Linie die Übertragbarkeit »mit hoher Sicherheit wesentlich erhöht«. »Das sieht leider nicht gut aus«, twitterte der Berliner Virologe Christian Drosten am Dienstag, nachdem neue Daten zur Infektiosität des neuen Erregers bekannt geworden waren.

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Drosten schrieb dennoch, es sei »positiv«, dass Fälle mit der Mutante bisher nur in Gebieten zunahmen, wo die Gesamtinzidenz hoch oder ansteigend war. »Kontaktreduktion wirkt also auch gegen die Verbreitung der Mutante.«

Auch in anderen europäischen Staaten war die neue Virusvariante zuvor nachgewiesen worden, etwa in Dänemark und den Niederlanden. Experten gingen daher früh davon aus, dass auch Deutschland bereits betroffen sein könnte.

Hierzulande werden nur sehr wenige Virusgenome genau analysiert. Neue Sars-CoV-2-Linien können sich daher leichter ausbreiten, ohne dass es auffällt.

Michael Hölscher, Direktor des Tropeninstituts der Uniklinik München, erklärte am Montag im SPIEGEL , dass in Deutschland bei etwa 0,5 Prozent der positiv getesteten Proben eine Gensequenzierung durchgeführt werde. In Großbritannien führt der staatliche Gesundheitsdienst NHS dagegen systematisch Gensequenzierungen in großer Zahl durch.

Noch viele Fragen offen

Wie viel ansteckender die neue Viruslinie genau ist, wissen Forscher allerdings noch nicht. Derzeit gehen sie davon aus, dass sich der R-Wert, also die Anzahl der Personen, die ein Infizierter ansteckt, durch die neue Viruslinie um ungefähr 0,5 bis 0,7 erhöht.

Das würde bei einem wöchentlichen Durchschnitt von etwa 25.000 Neuinfektionen am Tag, wie derzeit in Deutschland, je Ansteckungsschritt ungefähr 15.000 zusätzlich Infizierte bedeuten. Im schlimmsten Fall müssten Kontakte noch stärker eingeschränkt werden, um die neue Viruslinie unter Kontrolle zu bringen. Hinweise, dass sie vermehrt schwere Verläufe auslöst, gibt es bislang nicht.

Es wird derzeit auch noch diskutiert, inwiefern Superspreading-Ereignisse zufällig dazu beigetragen haben könnten, dass sich die neue Linie in Großbritannien besonders ausgebreitet hat.

Zwei Mutationen bereiten Sorge

Am Erbgut des Erregers lässt sich nicht klar ablesen, ob er ansteckender geworden ist. Zwei Mutationen könnten dazu beitragen, eine andere könnte die Infektiosität des Virus dagegen sogar gesenkt haben.

Am meisten diskutiert wird über eine Mutation namens N501Y im sogenannten Spike-Protein des Erregers. Unabhängig von den Nachweisen in Großbritannien haben kürzlich auch Wissenschaftler aus Südafrika eine Viruslinie mit der Mutation entdeckt, die sich offenbar auch schneller ausbreitet. Eine Studie dazu  ist am Montag erschienen, wurde aber noch nicht fachlich geprüft.

Das Coronavirus bindet mithilfe des Spike-Proteins an menschliche Zellen und kann so in diese vordringen. Die Genveränderung N501Y sorgt dafür, dass die Verbindung zwischen Virus und menschlicher Zelle stabiler ist. Fachleute halten es daher für denkbar, dass allein diese Mutation das Virus ansteckender macht.

Zusätzlich dazu beitragen könnte eine zweite Mutation namens 69-70del. Durch sie werden Informationen für den Bau von zwei Aminosäuren im Erbgut gelöscht. Sars-CoV-2-Coronaviren mit der Genveränderung stehen im Verdacht, Patienten mit Immunschwäche besonders schwer zu treffen.

Impfung wahrscheinlich weiter wirksam

Experten sind zuversichtlich, dass sich die Mutationen nicht auf die Wirksamkeit der Corona-Impfstoffe auswirkt. Diese zielen darauf ab, dass Immunsystem gegen das Spike-Protein scharfzustellen, sodass Antikörper den Erreger unschädlich machen, bevor er menschliche Zellen befallen kann.

Da durch die Mutationen nur kleine Teile des genetischen Bauplans für das Protein betroffen sind, die Impfung das Immunsystem aber auf die gesamte Sequenz trainiert, sollten die Vakzinen weiterhin funktionieren.

Biontech und Pfizer haben ihren in der Europäischen Union zugelassenen Impfstoff bereits erfolgreich gegen verschiedene Virusvarianten getestet. Auch zu der neuen Linie sollen bald Daten vorliegen.

Dass die neue Linie des Erregers für den Anstieg der Infektionszahlen in Deutschland verantwortlich ist, lässt sich bislang nicht nachweisen. Experten gehen weiterhin davon aus, dass die große Aktivität der Menschen in der Vorweihnachtszeit dazu beigetragen hat. 

Mit Material von dpa