Erster Coronavirus-Patient "Wir nehmen die Lage sehr ernst"

Dem ersten Coronavirus-Patienten in Deutschland gehe es gut, seine Kontaktpersonen würden nun geprüft. Wie die Behörden jetzt reagieren.
Staatsministerin Melanie Huml bei der Pressekonferenz zum ersten Coronavirus-Fall in Deutschland

Staatsministerin Melanie Huml bei der Pressekonferenz zum ersten Coronavirus-Fall in Deutschland

Foto: Matthias Schrader/ AP

Ein runder verglaster Raum im Erdgeschoss des Bayerischen Gesundheitsministeriums, draußen rattern die Straßenbahnen vorbei, für die wartenden Journalisten stehen Schneckennudeln und Saftschorlen bereit. Gelegentlich hüstelt jemand im Publikum, auch in Bayern grassiert gerade eine Erkältungswelle.

Ministerin Melanie Huml (CSU) begrüßt die zahlreich erschienenen Medienvertreter mit einem „herzlichen Grüß‘ Gott“ und setzt gleich den Ton für die Pressekonferenz: „Wir nehmen die Lage sehr ernst, aber wir sind gut vorbereitet.“

Eher unaufgeregt fiel der Termin am Dienstagvormittag in München aus, bei dem die Ankunft des gefürchteten Coronavirus in Deutschland offiziell verkündet wurde. Am Montagabend hatte das bayerische Gesundheitsministerium den ersten Fall des neuartigen Coronavirus in Deutschland bestätigt. Ein Mann aus dem Landkreis Starnberg wurde positiv auf das Virus getestet. Bislang hatte es in Deutschland lediglich Verdachtsfälle gegeben, die sich nicht bestätigt hatten.

Aktuell laufe die Ermittlung der Kontaktpersonen auf Hochtouren, sagte Huml, es seien insgesamt rund 40. Dem deutschen 33-jährigen Patienten, der im Klinikum Schwabing in München behandelt werde, gehe es gut. Sein behandelnder Chefarzt, der Infektiologe Clemens Wendtner berichtet: „Er ist wach, ansprechbar.“ Er sei fieberfrei, Lebensgefahr bestehe nicht. Der Patient sei in einem Isolationszimmer untergebracht, in dem Unterdruck bestehe, und dort von anderen Patienten getrennt.

Tröpfcheninfektion beim Meeting

Der Familienvater arbeitet im Landkreis Starnberg. Dort ist auch die Übertragung passiert: Der Mann steckte sich bei einer Schulung seines Arbeitgebers am 21. Januar an, die Seminarleiterin war eine Kollegin aus Shanghai. Deren Eltern, die sie Tage zuvor in China getroffen hatte, stammen wiederum aus der Region Wuhan. So reicht auch der deutsche Fall in einer Kette zurück in die Ursprungsregion.

Die Firma, der Cabriodach-Hersteller Webasto aus Stockdorf in Bayern, bestätigte den Fall. Webasto hat zehn große Niederlassungen in China, darunter auch eine Fabrik in Wuhan. Die chinesische Kollegin war demnach am 19. Januar symptomfrei nach Deutschland eingereist und fühlte sich erst auf der Rückreise am 23. Januar krank.

In China hatte sie sich dann in ärztliche Behandlung begeben und sei positiv auf das Coronavirus getestet worden. Diese Information hatte Webasto am Montag erreicht, die Firma habe daraufhin sofort das Gesundheitsamt informiert.

Der 33-jährige erkrankte Mitarbeiter habe sich am Wochenende "grippig" gefühlt mit Symptomen ähnlich einer Bronchitis. Am Montag sei es ihm jedoch schon wieder besser gegangen, er sei sogar bei der Arbeit erschienen. Die Firma hatte dennoch beschlossen, ihn vorsichtshalber testen zu lassen.

Kindergarten in Landsberg wird überprüft

Der Fall gilt nun als erste Mensch-zu-Mensch-Übertragung außerhalb Asiens. Anders als in anderen Fällen außerhalb Chinas erfolgte die Übertragung zudem nicht im Verwandtenkreis, sondern im Arbeitsumfeld – außerdem zu einem Zeitpunkt, als die chinesische Mitarbeiterin noch symptomfrei war. Ein längerer Kontakt von mehr als 15 Minuten von Angesicht zu Angesicht sei nach derzeitigem Wissensstand am gefährlichsten, erklärte Martin Hoch, der Leiter der "Task Force Infektiologie". So könne eine Tröpfcheninfektion erfolgen.

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Die Behörden prüfen nun das nähere Umfeld des Betroffenen und der Chinesin, die mit insgesamt rund 40 Personen aus der Familie und dem Arbeitsumfeld engen Kontakt hatten. Diese Kontaktpersonen werden nun für voraussichtlich 14 Tage häuslich isoliert. Auch der Kindergarten der Kinder des 33-Jährigen im Landkreis Landsberg am Lech werde überprüft, sagte der Präsident des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Andreas Zapf. „Wir wollen Infektketten nicht entstehen lassen.“ Ebenso sei es am Dienstag Aufgabe der Taskforce zu ermitteln, mit wem die Chinesin während ihres Aufenthalts engeren Kontakt hatte. Es gelte insgesamt aber, das richtige Maß zu wahren, sagte Zapf, schließlich laufe derzeit auch noch die Influenza-Welle. Zum Vergleich: Bei der - besonders schweren - Grippewelle 2017/18 starben in Deutschland rund 25.000 Menschen an der Grippe.

Die Behörden sehen das Risiko, dass sich das Virus in größerem Ausmaß in Deutschland ausbreitet, als eher gering an. Es wurde eine Hotline eingerichtet, die Kontaktpersonen werden aufgefordert, vorerst zu Hause zu bleiben. „Es ist wichtig, die Menschen zu sensibilisieren, aber auch nicht in Panik zu geraten“, sagte Zapf. Für Patienten sei keine Behandlung in einer Hochsicherheits-Infektionsstation notwendig. Sie könnten in normalen Krankenhäusern in Schleuseninfektionszimmerbehandelt werden. Schließungen von Einrichtungen stünden derzeit nicht an.

Vorgehen bei einem Coronaverdacht in Deutschland

Als Verdachtsfall gilt in Deutschland:

  • Wer irgendeine Form von akuten Atemwegsbeschwerden entwickelt und innerhalb der vergangenen 14 Tage mit einem bestätigten Coronapatienten Kontakt hatte oder

  • wer klinische oder radiologische Hinweise auf eine akute Infektion der unteren Atemwege, also zum Beispiel eine Lungenentzündung, und sich bis maximal 14 Tage vor Beginn der Erkrankung in einem Risikogebiet aufgehalten hat. Als Risikogebiet gilt aktuell nur die chinesische Provinz Hubei.

Der Patient sollte in einem Zimmer isoliert werden, bis der Verdacht abgeklärt ist. Wer mit ihm in Kontakt tritt, muss einen Schutzkittel, Handschuhe, eine Schutzbrille sowie eine geeignete Atemmaske tragen. Parallel wird das Gesundheitsamt informiert und eine Probe an ein geeignetes Labor geschickt.

Gezielte Medikamente gegen den Erreger selbst gibt es bislang noch nicht. Bestätigt sich der Verdacht, versuchen Ärzte deshalb vor allem, die Beschwerden des Erkrankten zu lindern. Für die gesamte Erkrankungszeit bleibt der Patient in einem Isolierzimmer mit einem Vorzimmer, im besten Fall einer Schleuse.

Mehr als 2700 Infizierte allein in Hubei

Weltweit sind mittlerweile mehr als 4500 Infektionen mit dem neuen Virus 2019-nCoV bestätigt. Aktuellen Angaben der chinesischen Regierung zufolge stieg die Zahl der Todesopfer in dem Land auf mindestens 106. China hat im Kampf gegen eine weitere Ausbreitung inzwischen drastische Maßnahmen ergriffen: In der Provinz Hubei wurden mehr als 45 Millionen Menschen weitgehend von der Außenwelt abgeschottet. Fern- und Nahverkehr wurden gestoppt. Die Behörden in Hubei meldeten in der Nacht zu Dienstag, dass allein in der Provinz 2714 Menschen mit dem Virus infiziert seien.

Wegen der neuen Lungenkrankheit wollen immer mehr Länder ihre Staatsangehörigen aus den besonders betroffenen Regionen zurückholen, so etwa Großbritannien und Belgien, Japan, Frankreich und die USA. Auch die Bundesregierung erwägt, ausreisewillige Deutsche aus China auszufliegen. Eine mögliche Evakuierung werde in Betracht gezogen, sagte Außenminister Heiko Maas (SPD).

Wie ansteckend das neue Virus ist, lässt sich bisher nur schwer beurteilen. Chinesische Behörden gehen davon aus, dass ein Infizierter durchschnittlich 1,4 bis 2,5 Menschen ansteckt. Nach aktuellem Kenntnisstand hatte das Sars-Virus, an dem 2002/2003 rund 8000 Menschen erkrankten und 800 starben, relativ gesehen mehr Todesfälle nach sich gezogen als das derzeitige Coronavirus.

Wie ansteckend ist Covid-19 im Vergleich?

Krankheit

R0*

Masern

12-18

Pocken

5-7

Polio

5-7

Mumps

4-7

HIV/Aids

2-5

Influenza

2-3

Sars-CoV-2

2,4-3,3 (laut aktuellen Schätzungen des RKI)

Ebola

1,5-2,5

*Die Basisreproduktionszahl R0 gibt an, wie viele Menschen eine erkrankte Person durchschnittlich infiziert, wenn in der Bevölkerung keine Immunität gegen den Erreger vorhanden ist.

Quelle: Weltgesundheitsorganisation WHO, Stand: 23. Januar 2019; Robert Koch-Institut RKI, Stand: 16. April 2020

"Solche Zahlen sind extrem unzuverlässig", sagt der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité. Demnach hängt die Übertragungsrate von sehr vielen Faktoren ab - etwa ob Menschen sozial aktiv sind oder eher zu Hause bleiben. Genau darauf zielen nach Ansicht Drostens die Maßnahmen in China ab. "Ich denke, diese Maßnahmen bringen etwas."