Coronavirus Reproduktionszahl steigt auf 2,88 - was das bedeutet

Die Zahl der Corona-Infektionen steigt in Deutschland wieder: Ein Betroffener gibt das Virus aktuell an zwei bis drei weitere Personen weiter. Kommt jetzt die zweite Welle?
Mitarbeiter im Schlachthof Tönnies (Archivbild): Deutschlands Corona-Hotspot

Mitarbeiter im Schlachthof Tönnies (Archivbild): Deutschlands Corona-Hotspot

Foto: marco stepniak/ imago images/biky

Wochenlang lag die Reproduktionszahl R in Deutschland unter dem kritischen Wert von 1, die Lage schien sich zumindest hierzulande langsam zu entspannen. Nun ist die Zahl der Neuinfektionen und damit auch R wieder deutlich gestiegen - auf ein scheinbar bedenkliches Niveau: Im aktuellen Corona-Lagebericht des Robert Koch-Instituts (RKI)  wird der sogenannte 4-Tage-R-Wert mit 2,88 angegeben. Das heißt, dass ein Infizierter im Schnitt zwei bis drei weitere Personen ansteckt - das Virus verbreitet sich exponentiell. Kommt nun die befürchtete zweite Welle?

Vermutlich nicht. Zumindest jetzt nicht in Deutschland.

Um zu verstehen, warum R so sprunghaft angestiegen ist, muss man sich zunächst ansehen, wie der Wert berechnet wird. Die Reproduktionsrate galt bisher als eine der wichtigsten Maßzahlen zur Steuerung der Corona-Maßnahmen. R gibt an, wie viele Menschen eine infizierte Person durchschnittlich ansteckt. Wenn der Wert über 1 liegt, breitet sich die Krankheit rechnerisch aus, liegt er darunter, gehen die Infektionszahlen zurück.

Deutlicher Anstieg innerhalb einer Woche

R wird dabei unter anderem von Maßnahmen wie Abstand halten, der Immunität in der Bevölkerung oder der Übertragungsfähigkeit eines Virus beeinflusst. Sie ist also keine Eigenschaft des Erregers, sondern hängt von verschiedenen äußeren Faktoren ab.

Das RKI schätzt die aktuelle Pandemie-Entwicklung in einem komplizierten Verfahren  namens "Nowcasting". Um die Reproduktionszahl zu berechnen, verwendet das Institut die Zahl der Neuinfektionen und setzt diese miteinander ins Verhältnis (lesen Sie hier mehr dazu, welche Daten der SPIEGEL in der Coronakrise nutzt).

Zwischen dem 23. Mai und dem 15. Juni bewegte sich die Zahl der täglichen Neuinfektionen, aus denen sich der R-Wert berechnet, laut RKI zwischen 300 und 450. Dann stieg die Zahl deutlich an.

Verantwortlich dafür sind vor allem der Ausbruch bei Tönnies im nordrhein-westfälischen Kreis Gütersloh sowie kleinere Ausbrüche im niedersächsischen Landkreis Göttingen und in einem Wohnblock in Berlin-Neukölln. Die drei Hotspots sorgten für mehr als ein Drittel der bestätigten neuen Corona-Infektionen in den vergangenen sieben Tagen. Die verbleibenden 2341 Neuinfektionen im Rest des Landes entsprechen umgerechnet 334 neuen Fällen pro Tag - also einem ähnlichen Niveau wie zuvor.

Vor allem die bei Tönnies gemeldeten Neuinfektionen dürften den 4-Tage-R-Wert maßgeblich in die Höhe getrieben haben. Der Ausbruch gilt als bisher größter Corona-Hotspot in Deutschland. Das Ausmaß des Ausbruchs in der Schlachterei wurde vor rund einer Woche bekannt. Aufgrund der Inkubationszeit müssen sich die Mitarbeiter jedoch mindestens fünf bis sechs Tage vorher infiziert haben - und könnten in dieser Zeit auch unbemerkt andere angesteckt haben.

Mittlerweile liegen mehr als 1300 positive Corona-Befunde vor. Die Test-Ergebnisse müssen an die Gesundheitsämter gemeldet werden, diese wiederum geben sie ans RKI weiter. Bei der Berechnung des Pandemie-Geschehens werden all diese zeitlichen Verzögerungen mit einbezogen. Dennoch könnte der 4-Tage-R-Wert vor allem wegen der Massentests bei Tönnies und der anderen lokalen Ausbruchsgeschehen so hoch liegen.

Um solche starken Schwankungen auszugleichen, gibt das RKI inzwischen noch eine weitere Zahl an, den 7-Tage-R-Wert. Dieser bildet das Infektionsgeschehen vor etwa einer bis etwas mehr als zwei Wochen ab. Doch auch der 7-Tage-R-Wert lag am Montag bei 2,03 und damit deutlich über der kritischen Marke.

R-Wert nur bedingt aussagekräftig

Auch das ist nicht verwunderlich: Die Ausbrüche bei Tönnies, in dem Hochhaus in Göttingen und im Wohnkomplex in Berlin-Neukölln wurden allesamt in der vergangenen Woche bekannt. Überall wurden sofort Massentestungen vorgenommen, damit wurden vermutlich viele Fälle entdeckt, die sonst nicht aufgefallen wären. Die positiven Ergebnisse wurden dann fast zeitgleich an das RKI gemeldet.

Die hohe Zahl der Neuinfektionen ist also sehr wahrscheinlich stark durch die lokalen Ausbrüche geprägt. Die hohe Reproduktionszahl ist es folglich auch.

Das Institut schaut sich bei der Beurteilung der Lage aber nicht nur den R-Wert an, denn dieser ist aufgrund der vielen Einflussfaktoren nur bedingt aussagekräftig. Wichtig sind auch die Zahl der Neuinfektionen im Tagesvergleich, die Zahl positiv ausgefallener Tests sowie die Be- und Auslastung des Gesundheitswesens.

Am Sonntag hieß es, das RKI schätze die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland derzeit weiter insgesamt als "hoch" und für Risikogruppen als "sehr hoch" ein.

Mitarbeit: Marcel Pauly