Chaos auf Intensivstationen, Notversorgung auf dem Gang, Pflegerinnen und Pfleger am Ende ihrer Kräfte. Es sind Bilder wie vor vielen Monaten, als noch kein oder nicht ausreichend Impfstoff verfügbar war.
Aber genau jetzt rollt in Rumänien die bisher heftigste Coronawelle über das Land.
Andi Nodit, Leiter im Bagdarsar-Arseni-Krankenhaus:
»Im Vergleich mit früheren Wellen ist es, als würde man einen Schneemann mit einem Eisberg vergleichen . Und die vierte Welle ist der Eisberg. Was passiert, ist gigantisch. Das Ausmaß und der Ernst der Situation in der Notaufnahme und im Krankenhaus gehen weit über das hinaus, was ich zu diesem Zeitpunkt beschreiben kann.«
Die landesweite Inzidenz liegt bei rund 550 und sie steigt weiter. Der bisherige Höhepunkt lag bei etwas über 300, im November.
Seit mehr als einem Dreivierteljahr sind Impfstoffe verfügbar. Wie also ist es möglich, dass die Situation in einem EU-Land so eskaliert wie noch nie zuvor?
Ion Dinu, Rentner, 69 Jahre:
»Ich bin nicht komplett überzeugt, dass der Impfstoff – wie drücke ich es aus, im Vergleich mit der Grippeimpfung – dass dieser Impfstoff wirkt.«
Denisa, Studentin, 18 Jahre:
»Ja, ich glaube, wir wären hier trotzdem krank geworden. Das glaube ich. Denn auch wenn man geimpft ist, wird man noch krank. Es ist nicht so, dass man sich impfen lässt und dann gar nicht krank wird.«
So wie diesen Menschen in einem kleinen Dorf nahe der Hauptstadt Bukarest geht es vielen in Rumänien. Sie sind skeptisch, was die Impfung angeht. Hinzu kommt eine unterentwickelte Infrastruktur in ländlichen Gebieten und eine schlechte Informationskampagne. Das Ergebnis: In der gesamten EU sind etwa 64 Prozent aller Menschen vollständig geimpft, in Rumänien sind es gerade einmal 30 Prozent. Nachbar Bulgarien ist das einzige EU-Land mit einem noch niedrigeren Wert.
Die Reue über die Entscheidung, sich nicht impfen zu lassen, kommt oft erst im Krankenhaus.
Elena Croitoru, Patientin:
»Ich hab gesagt, lasst uns abwarten und sehen. Aber das war nicht richtig. Ich bereue das jetzt. Wenn ich nochmal von vorn anfangen könnte, würde ich als erste in der Reihe stehen.«
Aber nicht nur die Krankenhäuser spüren die Auswirkungen. Mit der Anzahl der Fälle und schweren Verläufe steigen auch die Todeszahlen.
Sebastian Cocos, Inhaber eines Bestattungsunternehmens:
»Die erste Corona-Welle war noch okay. Die haben wir nicht so stark bemerkt. Aber die vierte Welle hat uns mit großer Kraft getroffen. Die Fälle sind alarmierend gestiegen. Ich empfehle allen, sich impfen zu lassen.«
Reporter: Und falls nicht?
Sebastian Cocos, Inhaber eines Bestattungsunternehmens:
»Dann werden sie hier bei uns landen.«
In diesem Oktober stirbt in Rumänien alle fünf Minuten ein Mensch an oder mit Covid. Mit Ausnahme der kleinen Karibikinsel Saint Vincent und der Grenadinen sind es aktuell gemessen an der Bevölkerung in keinem Land der Welt mehr Covid-Tote als in dem EU-Land.
Sebastian Cocos, Inhaber eines Bestattungsunternehmens:
Viele Geschichten bleiben einem im Kopf. Wir hatten Familien, die vier Angehörige innerhalb von zwei Wochen beerdigt haben. Das ist nicht so einfach.
Reporter: Hatten sie Covid-19?
Sebastian Cocos, Inhaber eines Bestattungsunternehmens:
Ja, genau.
Der Klinikleiter des Bagdarsar-Arseni-Krankenhauses zieht eine bittere Bilanz: .
Andi Nodit, Leiter im Bagdarsar-Arseni-Krankenhaus:
»Mit Blick auf den Impffortschritt und die Geschwindigkeit, in der Menschen Impfaufrufe abgelehnt haben, war diese vierte Welle abzusehen.«
Ein Ende der Situation ist längst nicht abzusehen. Denn bei einer so hohen Inzidenz und einer so niedrigen Impfquote ist klar: In den nächsten Wochen werden viele weitere Patienten nachkommen.