Hausärztin über den Umgang mit Covid-19 "Schutzkleidung muss ich bei Amazon kaufen"

Deutschland gilt als vergleichsweise gut vorbereitet auf einen größeren Ausbruch des Coronavirus. Der Anruf bei einer Hausärztin zeigt jedoch: In den ersten Anlaufstellen fehlt es am Nötigsten.
Ein Interview von Kurt Stukenberg
"Wir haben keine passende Schutzkleidung in der Praxis"

"Wir haben keine passende Schutzkleidung in der Praxis"

Foto: Patrick Pleul / DPA

Sabine Kramer ist Allgemeinmedizinerin und behandelt in ihrer Praxis in Erlangen täglich zahlreiche Patienten, auch auf Hausbesuchen. Seit sich das neuartige Coronavirus mit mehreren Fällen in Deutschland ausbreitet, fühlt sie sich von Behörden und Politik zunehmend allein gelassen. Weil sie sich sorgt, mit ihrer Kritik als Nestbeschmutzerin zu gelten, hat die Redaktion den Namen der Ärztin geändert.

SPIEGEL: Frau Kramer, als niedergelassene Hausärztin in Erlangen zählen Sie zu den ersten Ansprechpartnern für Menschen, die sich um eine Ansteckung mit dem Coronavirus sorgen. Was erleben Sie gerade?

Sabine Kramer: Bis vor Kurzem war das Coronavirus für uns weit weg. Natürlich gab es auch schon vor den Faschingsferien Patienten, die sich Sorgen gemacht haben und mich im persönlichen Gespräch um eine Einschätzung gebeten haben, wie gefährlich das für sie werden wird. Bisher konnte ich immer beruhigen. Jetzt, nachdem ich aus einem kurzen Urlaub wieder da bin und am Montag die Praxis aufmache, ist die Lage eine andere.

Als sich das Coronavirus vor ein paar Tagen auch in Deutschland auszubreiten begann, habe ich noch aus dem Urlaub beim Gesundheitsamt in Erlangen angerufen und gefragt, wie wir hier vor Ort mit der Situation umgehen sollen, wenn die Infektionsketten sich nicht mehr zuverlässig nachvollziehen lassen. Vor allem wollte ich wissen, welche Hilfen und Handlungsanweisungen es von den offiziellen Stellen gibt.

DER SPIEGEL

SPIEGEL: Was hat man Ihnen geraten?

Kramer: Ich wurde am Telefon mit den Worten abgefertigt, ich solle mich im Internet auf den Seiten des Robert Koch-Instituts informieren. Man kann dort zwar nachlesen, unter welchen Bedingungen man als Hausarzt Patienten auf das Virus testen soll - allerdings steht dort auch, dass beim Umgang mit potenziell Infizierten Schutzkleidung vorgeschrieben ist. Und da beginnt ja das Problem: Wir haben keine passende Schutzkleidung in der Praxis. Daraufhin habe ich mich hilfesuchend bei der Kassenärztlichen Vereinigung in Nürnberg vorgestellt. Dort wusste man leider auch keinen Rat.

SPIEGEL: Haben Sie denn keine Möglichkeit, die Ausrüstung zu beschaffen?

Kramer: Das habe ich versucht, aber Masken und Hygienematerial in der benötigten Stückzahl sind bei den Lieferanten ausverkauft. Mir wurde angeboten, ich könne auf eine Warteliste kommen. Ich habe dann das gemacht, was derzeit wohl viele Privatpersonen machen: Ich musste bei Amazon Schutzkleidung bestellen, dort bekam ich aber lediglich ein paar FFP-2-Masken, und die sind noch nicht angekommen.

SPIEGEL: Sie können Ihre Praxis also am Montag erst einmal öffnen?

Kramer: Ja. Es wird ja ohnehin empfohlen, dass jeder, der befürchtet, sich angesteckt zu haben, erst einmal zum Telefonhörer greift, anstatt in die Praxis zu kommen. Aber ob sich wirklich alle daran halten, weiß man eben nicht. Ich habe nun die letzten zwei Tage Warnschilder gemalt mit der Bitte, die Räumlichkeiten bei Verdacht auf Coronavirus nicht arglos zu betreten und einen großen Desinfektionsmittelspender aufgestellt, Hygienepläne ausgehängt und meine Mitarbeiter vorbereitet. Und jeder, der hustet, bekommt eine Atemschutzmaske.

Leider haben wir nur die dünnen Operationsmasken, davon haben wir noch 100 Stück. Wir müssen ja verhindern, dass sich die Menschen im Wartezimmer gegenseitig anstecken oder unser Personal erkrankt, dann müssten wir die Praxis schließen – und wer kümmert sich dann um unsere Patienten? (Lesen Sie hier, wie sinnvoll Atemschutzmasken sind)

SPIEGEL: Sie haben sich jetzt so gut es geht selbst vorbereitet, welche Maßnahmen erwarten Sie von Politik und Behörden?

Kramer: Die Hausarztpraxen sind aus meiner Sicht für Abklärung der Fälle und das Testen auf das Coronavirus nicht ausgelegt. Die Schutzmaßnahmen dafür sind zu aufwendig und es fehlt wie gesagt an Material. Was wir jetzt brauchen, sind zentrale, gut ausgestattete Sondereinrichtungen, in die nur Patienten unter strengsten Vorsichtsmaßnahmen zum Testen gebracht werden können.

Ich muss in meiner Praxis ja auch noch die normalen Patienten versorgen, also ständig die Schutzkleidung wechseln, das wäre kaum sicher machbar. In meiner Praxis habe ich noch nicht mal die Möglichkeit, einen separaten Raum für die potenziell Infizierten zu schaffen, wie es eigentlich vorgesehen wäre. Solange es keine solchen Zentren gibt, müssen die Behörden Schutzkleidung beschaffen und neben Krankenhäusern und Rettungsdiensten vor allem die Hausarztpraxen ausstatten. Es kann doch nicht sein, dass wir hier auf dem Trockenen sitzen und bei Amazon bestellen müssen.

SPIEGEL: Was machen Sie, wenn die Unterstützung nicht kommt, weil auch die Behörden keine Ausrüstung beschaffen können?

Kramer: Mir bleibt dann nichts anderes übrig, als die Patienten wegzuschicken und ans Gesundheitsamt oder ans Krankenhaus zu verweisen. Ich werde auf keinen Fall ohne ausreichende Schutzkleidung Tests durchführen. Nächste Woche bin ich wieder auf Hausbesuchen im Altersheim, ich kann nicht verantworten, dass ich selbst zum Überträger werde. Wenn ich heute einen Coronavirus-Test ohne Schutzkleidung durchführe und mich anstecke, verbreitet sich Covid-19 morgen in allen Altersheimen Erlangens.

SPIEGEL: Haben Sie Kontakt zu anderen Hausärzten und wie schätzen die die Lage ein?

Kramer: Weil wir Ärzte ständig mit Kranken zu tun haben, gehen wir manchmal etwas blauäugig mit Gefahren für uns selbst um. Von Kollegen höre ich teilweise die Haltung: Das wird schon und zur Not teste ich halt ohne Ausrüstung.

SPIEGEL: Nun sagen aber Experten wie Christian Drosten, Institutsdirektor Virologie der Berliner Charité, die derzeitige Behördenstrategie sei richtig. Auch Markus Beier, Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbands lobte, die Maßnahmen, die in Bayern gegen das Coronavirus getroffen wurden, hätten sehr gut funktioniert.

Kramer: Ich bin mal auf die Rückmeldung gespannt, wenn ich nächste Woche einen mit dem Coronavirus infizierten und schwer kranken Patienten einweisen lassen möchte. Ob die Verfügbarkeiten in den Kliniken wirklich so gut sind, wie sie geschildert wird, aktuell kann ich Ihnen das nicht sagen, weil ich so einen Fall noch nicht hatte. Es sieht allerdings danach aus, dass die meisten Infizierten glücklicherweise nicht schwer krank werden, deshalb sehe ich auch keinen Anlass für eine Panik.

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