Covid-19 in Deutschland Statistik liefert Hinweis auf leicht erhöhte Sterblichkeit

In Deutschland sind bis Mitte April offenbar etwas mehr Menschen gestorben als zu erwarten gewesen wäre. Besonders deutlich ist der Effekt regional zu erkennen - und bei Menschen über 80.

Während der bisherigen Corona-Pandemie sind in Deutschland etwas mehr Menschen gestorben als im gleichen Zeitraum der Jahre 2016 bis 2019. Das berichtet das Statistische Bundesamt  in einer Sonderauswertung. Allerdings zeigt sich bislang längst kein so großer Anstieg der Todeszahlen wie in heftigen Grippejahren oder anderen, schwer von der Pandemie betroffenen Staaten (mehr dazu lesen Sie hier).

Die Fachleute vom Statistischen Bundesamt haben vorläufige Sterbemeldungen von Standesämtern ausgewertet, die bis zum 12. April erfasst wurden. Demnach sind in den drei Wochen vom 23. März bis 12. April jeweils zwei, neun und elf Prozent mehr Menschen gestorben als im Durchschnitt der vier Vergleichsjahre. Was das konkret bedeutet, verrät die Grafik unten.

"Hinweis auf Übersterblichkeit durch Corona-Pandemie"

Sie zeigt, wie viele Menschen in diesem Jahr im Vergleich zu 2016, 2017 und 2018 ihr Leben verloren haben. Die Werte für 2019 sind noch nicht final statistisch aufbereitet. Der große Ausschlag im März 2018 - der auch die aktuellen Werte deutlich übersteigt - geht auf eine heftige Grippewelle zurück. Laut Berechnungen von Vladimir Shkolniko vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung sind damals circa 24.400 Menschen mehr gestorben als zu erwarten gewesen wären.

Forscher sprechen im Zusammenhang mit zusätzlichen Todesfällen in einer Saison von einer sogenannten Übersterblichkeit. Auch Anfang 2017 war sie vergleichsweise hoch. Allerdings gab es damals ebenfalls eine recht starke Grippesaison. Im Vergleich dazu war 2020 ein mildes Grippejahr. Ab dem Zeitpunkt, ab dem saisonbedingt üblicherweise weniger Menschen sterben, macht sich nun aber die Corona-Pandemie bemerkbar.

"Die aktuelle Entwicklung ist auffällig, weil die Sterbefallzahlen in dieser Jahreszeit aufgrund der ausklingenden Grippewelle üblicherweise von Woche zu Woche abnehmen", schreibt das Statistische Bundesamt. "Dies deutet auf eine Übersterblichkeit im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie hin." Anders gesagt: Offenbar sind durch die Corona-Pandemie Anfang April etwas mehr Menschen gestorben als sonst.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Tim Friede, Leiter des Instituts für Medizinische Statistik der Universitätsmedizin Göttingen, warnt jedoch davor, leichte Schwankungen in den Daten überzuinterpretieren. Generell gebe es bei den Sterbefallzahlen "eine hohe Varianz." Auch wenn die Zahlen seit Beginn der Coronakrise höher seien, so sei man doch "deutlich unter den Maxima anderer Jahre. Die Mortalitätszahlen liegen im Rahmen dessen, was wir auch in den vergangenen Jahren gesehen haben."

Vor allem mehr Menschen im Alter von über 80 Jahren gestorben

Noch sind die Daten zudem vorläufig. Das Bild kann sich also noch mal verändern. So fanden sich etwa unter den frühen Infizierten in Deutschland verhältnismäßig viele jüngere Menschen, nicht zuletzt durch Ansteckungen beim Karneval, bei Starkbierfesten oder im Skiurlaub. Erst ab Anfang April kam es vermehrt zu größeren Ausbrüchen in Alten- und Pflegeheimen, wo das Virus im Wesentlichen auf Menschen in der Risikogruppe trifft.

Was die Corona-Statistik verrät – und was nicht

Die offiziell gemeldete Zahl der Infizierten bezieht sich ausschließlich auf mit Labortests nachgewiesene Infektionen. Wie viele Menschen sich tatsächlich täglich neu infizieren und bislang infiziert waren, ohne positiv getestet worden zu sein, ist unklar. Antikörperstudien zeigen, dass es eine erhebliche Dunkelziffer an unentdeckten Infektionen gibt.

Die offizielle Zahl der Toten beschreibt, wie viele Menschen mit dem Virus gestorben sind. In wie vielen Fällen die Infektion ursächlich für den Tod war, lässt sich daraus nicht unmittelbar ablesen. Obduktionsstudien zeigen aber, dass bei den meisten Toten die Covid-19-Erkrankung auch die Todesursache war.

Mehr Informationen dazu, was im Umgang mit Corona-Daten zu beachten ist und welche Quellen der SPIEGEL nutzt, lesen Sie hier.

Corona-Todesfälle werden immer erst mit einiger Verzögerung bekannt. Es dauert eine Weile, bis Infizierte erkranken und ihr Zustand sich so stark verschlechtert, dass sie sterben. Die Daten aus den kommenden Wochen werden daher noch mal genauere Informationen über die Zahl der zusätzlichen Toten durch Covid-19 liefern.

Schon jetzt zeigt sich in den Daten zur Übersterblichkeit aber, dass besonders viele alte Menschen an Covid-19 sterben. Die Zahl der Toten lag in dieser Altersgruppe Anfang April klar über dem zu erwartenden Wert. Bei den 65- bis 80-Jährigen sank sie seit 9. April dagegen darunter (siehe Grafik unten).

In Bayern übersteigt die Übersterblichkeit den Mittelwert deutlich

Auch regionale Unterschiede sind in der Übersterblichkeit-Statistik zu erkennen. So kam Nordrhein-Westfalen bislang trotz örtlich heftiger Ausbrüche offenbar vergleichsweise glimpflich davon (siehe Grafik unten). Hier hatte es zu Beginn der Epidemie vor allem Fälle im Zusammenhang mit Karneval und Fußballspielen gegeben. Es waren also tendenziell eher jüngere Menschen betroffen.

Forscher untersuchen gerade den Ausbruch im nordrhein-westfälischen Ort Gangelt, um besser zu verstehen, auf welchen Wegen sich das neue Coronavirus bei einem Ausbruch ausbreitet. Dort hatten sich bei einer Kappensitzung mehrere Menschen infiziert. An Details der bisherigen Erkenntnisse gab es vereinzelt Kritik (hier und hier). Insgesamt liefern die Untersuchungen aber einen wichtigen Beitrag, um Corona-Ausbrüche in Deutschland zu verstehen.

In den beiden im Verhältnis zur Einwohnerzahl am stärksten vom Coronavirus betroffenen Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg ist eine Tendenz zur Übersterblichkeit zu erkennen, wobei der Ausschlag in Bayern noch etwas deutlicher ist als in Baden-Württemberg. Möglicherweise spielen in Bayern verstärkt Ausbrüche in Pflegeheimen eine Rolle. Vielleicht gibt es aber auch andere Gründe.

In der Tendenz decken sich die Ergebnisse mit den vom Robert Koch-Institut erfassten Daten. Auch laut RKI-Statistik ist das Risiko, an Covid-19 zu sterben, für Menschen über 80 Jahren besonders hoch.

Ursache und Wirkung werden teils verkehrt

Insgesamt hat das RKI bislang 7266 Todesfälle im Zusammenhang mit der Krankheit erfasst. Allerdings ist nicht klar, ob alle registrierten Fälle ursächlich an dem Erreger gestorben sind. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass Corona-Todesfälle übersehen wurden, weil die Verstorbenen nicht auf das Virus getestet wurden. Das RKI geht daher davon aus, dass die erfasste Zahl wahrscheinlich zu gering ist. Die Statistik zur Übersterblichkeit liefert Hinweise, wie groß die Lücke ist (mehr dazu lesen Sie hier).

Es sei dagegen nicht möglich, anhand der Zahlen zur Übersterblichkeit die zur Eindämmung der Pandemie eingeleiteten Maßnahmen zu bewerten, sagt Friede. "Das wäre erst im langfristigen Verlauf nach mehreren Lockdown- und Lockerungsphasen möglich." Erste Hinweise könne man aber aus dem internationalen Vergleich ziehen. Dieser zeige ganz klar, "dass im Gegensatz zu anderen Ländern die Mortalitätszahlen in Deutschland nicht durch die Decke gegangen sind."

In der aktuellen Diskussion würden Ursache und Wirkung teils verkehrt: Wenn die Zahl der Todesfälle gering ist, sei das vermutlich die Folge der eingeleiteten Maßnahmen - aber keinesfalls ein Argument, dass die Maßnahmen unnötig waren. "Die Frage der Kausalität ist ohnehin schwierig", so Friede: Bei den nun vorliegenden Zahlen gebe es keine Angaben zur Todesursache, und "ich wüsste aber auch nicht, wie man das zeitnah vernünftig abbilden könnte".

Mit Material von dpa