Coronavirus und Schmerzmittel Die große Verwirrung um Ibuprofen

Im Netz kursieren Meldungen, wonach die Einnahme von Ibuprofen bei einer Corona-Infektion schadet. Beweise dafür gibt es nicht. Der Faktencheck.
Ibuprofen: Ähnlicher Wirkmechanismus wie Aspirin

Ibuprofen: Ähnlicher Wirkmechanismus wie Aspirin

Foto: Grace Cary/ Getty Images

Die Reihe der Falschinformationen zum Coronavirus wird immer länger. Auf WhatsApp geht etwa das Gerücht um, man könne sich durch Wassertrinken im 15-Minuten-Takt vor dem Virus schützen und sich einfach selbst auf eine Infektion testen. Bei beiden Nachrichten handelt es sich um Falschinformationen (mehr dazu lesen Sie hier).

Nun will "Elisabeth, die Mama vom Poldi", laut einer Sprachnachricht auf WhatsApp Exklusives zum Coronavirus erfahren haben. Sie bittet alle Zuhörer, die Information in ihrem Bekanntenkreis zu teilen. Nachgewiesen ist ihre Aussage nicht, doch der Text greift eine aktuelle Fachdiskussion auf.

Laut "Elisabeth" haben Forscher Hinweise gefunden, dass Ibuprofen das Risiko erhöht, schwer am Coronavirus zu erkranken. Mehr oder weniger alle Patienten, die in Italien mit schweren Symptomen in eine Klinik eingeliefert worden seien, hätten zu Hause vorher Ibuprofen eingenommen. Versuche der Uniklinik Wien würden nun darauf hindeuten, dass sich das Virus schneller vermehre, wenn es in Kontakt mit Ibuprofen komme. Daher solle man lieber Aspirin oder Paracetamol einnehmen.

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Die Medizinische Universität Wien, wie die dortige Universitätsklinik eigentlich heißt, weiß allerdings nichts von diesen Untersuchungen. Auf Twitter distanzierte sie sich am Samstag von der Behauptung. Es handele sich "um Fake News, die in keinerlei Verbindung mit der MedUni Wien stehen."

Doch die Kettennachricht hat Zweifel gesät. Tatsächlich ist die Lage unübersichtlich. So hat auch der französischen Gesundheitsminister und Neurologe Olivier Véran am Samstag getwittert, dass Entzündungshemmer wie Ibuprofen eine Corona-Infektion verschlimmern könnten. "Bei Fieber nehmen Sie Paracetamol ein", schrieb er. Am Dienstag gab die Weltgesundheitsorganisation die Empfehlung heraus, bei einem Verdacht auf eine Corona-Infektion auf Ibuprofen zu verzichten, wenn das Mittel nicht vom Arzt verschrieben wurde.

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Es gebe zwar keine neuen Studien, aus denen hervorgehe, dass Ibuprofen mit höher Sterblichkeit verbunden sei, sagte WHO-Sprecher Christian Lindmeier. Die WHO prüfe die Lage aber zurzeit. Hintergrund des WHO Ratschlags ist eine Fachdebatte, die zu großem Teil auf Hypothesen und theoretischen Schlussfolgerungen basierte. (Hinweis: Die WHO hat die Empfehlung, bei Corona-Verdacht in der Selbstmedikation auf Ibuprofen zu verzichten, am 19. März 2020 wieder zurückgenommen. Man habe Studien und Ärzte konsultiert und sei zu dem Schluss gekommen, dass es über die bekannten Nebenwirkungen bei bestimmten Bevölkerungsgruppen hinaus keine Hinweise auf negative Ibuprofen-Konsequenzen bei Covid-19-Patienten gebe. "Auf der Basis der heute vorhandenen Informationen rät die WHO nicht von der Einnahme von Ibuprofen ab.")

Henne-Ei-Problem

So hatte die französische Regierung am Samstag bekannt gegeben, dass "schwerwiegende Nebenwirkungen" im Zusammenhang mit sogenannten nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen in potenziellen oder bestätigten Fällen von COVID-19 festgestellt wurden . Über die Studie ist allerdings nichts weiter bekannt.

Ob wirklich Ibuprofen und andere NSAR den erwähnten schwereren Verlauf verursacht haben, dürfte bei der aktuellen Datenlage schwer nachzuprüfen sein. Das Problem: Es liegt nahe, dass Menschen mit einer schwer verlaufenden Corona-Infektion zu Ibuprofen greifen. Schaut man sich dann im Nachhinein an, welche Corona-Patienten mit schwerem Verlauf die Mittel eingenommen haben, wird man zwangsläufig zahlreiche Fälle finden.

Die entscheidende Frage ist aber: Haben die Menschen Ibuprofen genommen, weil sie starke Symptome und einen schweren Krankheitsverlauf hatten, oder hatten sie einen schwierigen Krankheitsverlauf, weil sie Ibuprofen genommen haben? Das lässt sich aktuell nicht beantworten.

Grundlagendebatte überbewertet

Für Unsicherheiten sorgte in den vergangen Tagen auch ein Aufsatz, der am Mittwoch im Fachmagazin "Lancet"  erschienen ist. Forscher beschreiben darin, wie Ibuprofen dem Coronavirus eine Infektion menschlicher Zellen erleichtern könnte. Demnach könnte der Arzneistoff ähnlich wie sogenannte ACE-Hemmer die Zahl der Rezeptoren auf Körperzellen erhöhen, über die das Virus in unseren Körper eindringt. Die Autoren nennen jedoch keine Quelle für diese Behauptung. Bei ihrem Aufsatz handelt es sich um einen reinen Debattenbeitrag.

ACE-Hemmer kommen gegen Bluthochdruck und bei Diabetes zum Einsatz. Dass sie ein Problem darstellen, ist ebenfalls nicht nachgewiesen. In einer Übersichtstudie  vom 5. März 2020 schrieben Forscher zum Thema: "Ob Patienten mit Covid-19 und Bluthochdruck, die einen ACE-Hemmer einnehmen, auf ein anderes blutdrucksenkendes Medikament umsteigen sollten, bleibt umstritten und weitere Nachweise sind erforderlich."

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC)  schreibt: "Die Spekulationen haben keine solide wissenschaftliche Grundlage." Es gebe im Gegensatz zu den Behauptungen sogar Tierstudien, die darauf hindeuten, dass ACE-Hemmer Patienten mit Corona-Infektion eher vor schwerwiegenden Lungenkomplikationen schützen. Die Deutsche Hochdruckliga  warnt Patienten davor, ihre Medikamente aus Angst vor dem neuen Erreger abzusetzen. Bei Hochrisikopatienten könne dies zu schweren Erkrankungen wie Herzinfarkten oder Schlaganfällen führen.

Nicht leichtfertig das Medikament wechseln

In Deutschland gelten sowohl Ibuprofen als auch Paracetamol als geeignete Mittel , um die Symptome von Atemwegsinfektion abzumildern. Der Vorteil von Ibuprofen und anderen NSAR gegenüber Paracetamol ist, dass die Arzneistoffe nicht nur Schmerzsignale blockieren und Fieber senken, sondern auch Entzündungen und damit Rötungen und Schwellungen verringern. Dazu fangen sie Botenstoffe im Körper ab, die an den Reaktionen beteiligt sind.

Paracetamol fehlt diese entzündungshemmende Wirkung weitgehend. Sein Wirkmechanismus ist insgesamt noch wenig verstanden. Je nach Krankheitsbild ist es sogar die schlechtere Wahl. So wirkt der Stoff bei akuten Rückenschmerzen nicht besser als ein Scheinmedikament. Auch nach Weisheitszahnoperationen rät die renommierte Cochrane Collaboration  zu Ibuprofen statt Paracetamol. Wer auf Rat seines Arztes Ibuprofen nimmt, sollte daher nicht leichtfertig auf Paracetamol umsteigen. Auch der Rat der WHO bezieht (Anm. Red: inzwischen bezog) sich nur auf die Selbstmedikation in Corona-Verdachtsfällen.

Aspirin wirkt ähnlich wie Ibuprofen

Es gibt auch Umstände, unter denen Paracetamol besser geeignet ist. So schwächen NSAR wie Ibuprofen die Blutgerinnung ab, was vor größeren Operationen ungünstig sein kann. Zudem weisen einige Fachleute darauf hin, dass die entzündungshemmenden Medikamente die Immunantwort des Körpers vermindern können. In manchen Staaten wird Paracetamol deshalb unabhängig vom Coronavirus bevorzugt empfohlen, wenn es darum geht, Symptome wie Fieber abzumildern.

Amir Khan von den britischen National Health Services (NHS) erklärte der Factchecking-Seite "Snopes" , dass Entzündungen und Schwellungen unserem Immunsystem helfen, Krankheitserreger zu bekämpfen. Ausgelöst werden sie von Mastzellen, der ersten Gefechtslinie unseres Körpers im Kampf gegen Krankheitserreger.

Nach dem Kontakt mit einem Virus geben Mastzellen Entzündungsbotenstoffe ab, die weitere Immunzellen aktivieren und sicherstellen, dass der Körper Antikörper entwickelt, die das Virus gezielt bekämpfen können. Von diesem Vorgang hängt letztlich ab, ob eine Person nach wenigen Tagen wieder gesund wird oder Komplikationen entwickelt.

Fakt am Rande: Auch das in der WhatsApp-Nachricht als Alternative empfohlene Aspirin gehört zu den NSAR. Es wirkt ähnlich wie Ibuprofen und ist dazu noch stärker blutverdünnend. Von Ibuprofen auf Aspirin umzusteigen, ergibt demnach wenig Sinn.

Mit Blick auf das Coronavirus sei eine starke Immunantwort besonders wichtig, berichtet Khan. Klar sein muss aber auch, dass die beschriebene Theorie noch kein Beweis dafür ist, dass Corona-Infektionen durch Ibuprofen schwerer verlaufen. Unklar ist auch, wie stark dieser Effekt wäre.

Fazit: Ob Paracetamol besser geeignet ist als Ibuprofen, um Corona-Symptome zu behandeln, ist unklar. Sicherheitshalber rät die WHO Verbrauchern mit Verdacht auf eine Infektion derzeit aber zu Paracetamol, falls sie ihre Symptome ohne Rücksprache mit einem Arzt behandeln wollen. Sie sollten sich dabei genau an die Dosierungsvorgaben halten. (Hinweis: Die WHO hat Ihre Empfehlung, bei Corona-Verdacht auf Ibuprofen zu verzichten, zurückgenommen (mehr dazu lesen Sie oben)).

Wer auf ärztliche Empfehlung hin Ibuprofen nimmt, sollte nicht leichtfertig wechseln. Ibuprofen und Paracetamol wirken abhängig vom Krankheitsbild unterschiedlich zuverlässig, und beide können Nebenwirkungen haben. Während Ibuprofen die Magenschleimhaut angreifen und die Niere belasten kann, drohen bei Paracetamol schon bei geringen Dosisüberschreitungen Leberschäden.

Schmerzmittel sollten generell nur dann zum Einsatz kommen, wenn sie medizinisch sinnvoll sind. Fragen Sie bei Vorerkrankungen Ihren Arzt oder Apotheker.