Corona-Studie in Hamburg Je älter die Kinder, desto mehr Infektionen

Forscher in Hamburg testen derzeit Tausende Kinder auf das Coronavirus. Erste Ergebnisse legen nahe, dass kleine Kinder sich seltener angesteckt haben. Woran das liegt, ist allerdings noch unklar.
Kinder in einer Kindertagesstätte: Kleinerer Aktionsradius als die Eltern

Kinder in einer Kindertagesstätte: Kleinerer Aktionsradius als die Eltern

Foto: Rolf Vennenbernd / DPA

Auch mehr als ein halbes Jahr nach Bekanntwerden des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 wissen Forscher noch nicht genau, welche Rolle Kinder bei der Ausbreitung des Erregers spielen. Dabei müssen zwei Faktoren berücksichtigt werden: Wie oft sich Kinder anstecken und wie ansteckend sie selbst sind.

Unter anderem Forscher unter Leitung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf versuchen derzeit, sich einer Antwort auf die erste Frage zu nähern. Dazu untersuchen sie seit 11. Mai 6000 Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre auf eine Infektion mit dem Coronavirus und auf Antikörper gegen dieses.

Sie prüfen also, wie viele Kinder und Jugendliche akut mit dem Coronavirus infiziert sind und wie viele zuvor eine Infektion mit dem Erreger durchgemacht haben. Nun haben sie erste, vorläufige Zwischenergebnisse vorgestellt.

Je älter, desto häufiger Antikörper nachgewiesen

Von ungefähr 2436 Kindern und Jugendlichen aus Hamburg, bei denen bislang Blut abgenommen wurde, hatten demnach 36 Antikörper gegen das neue Virus im Blut, berichtete Ania Muntau, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am UKE auf einer Pressekonferenz.

Auffällig sei, dass die Wahrscheinlichkeit, eine Infektion durchgemacht zu haben, mit dem Alter zunahm. So waren Kinder und Jugendliche, bei denen Antikörper gefunden worden waren, im Mittel 9,7 Jahre alt. Probanden, die keine Antikörper im Blut hatten, waren im Schnitt 7,9 Jahre alt, also deutlich jünger.

Am seltensten fand das Team Antikörper in der Altersgruppe bis sechs Jahren - mit einem Anteil von 0,47 Prozent. Unter den Sechs- bis Zwölfjährigen wurden 1,47 Prozent positiv getestet, und unter den Zwölf- bis Achtzehnjährigen hatten 1,9 Prozent Antikörper ausgebildet, waren also schon mal in Kontakt mit dem Virus gekommen.

"Diese Werte sind hochsignifikant", sagte Muntau. Sie können also nicht durch die zufällige Zusammensetzung der Stichprobe zustande gekommen sein. Allerdings verweist die Ärztin darauf, dass sich die Ergebnisse im Detail noch einmal etwas verändern könnten, wenn alle 6000 Kinder und Jugendlichen untersucht worden seien.

Final sei die Auswertung erst, wenn sie von Kollegen begutachtet worden und in einem Fachjournal erschienen sei.

Kleine Kinder, kleiner Radius

Woher die festgestellten Altersunterschiede kommen, lässt sich unterschiedlich interpretieren. Ein Grund könnte sein, dass sich jüngere Kinder nicht so leicht mit dem neuen Coronavirus infizieren.

Eine andere Erklärung ist, dass sie einen kleineren Kontaktradius haben als ältere Kinder, also weniger Gelegenheiten, sich anzustecken. Das sei nicht nur im Lockdown der Fall gewesen, aber auch.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

"Die geringere Prävalenz ist möglicherweise Ausdruck des sozialen Kontextes", sagte Muntau. Im Lockdown seien Kinder höchstens in einer sehr kleinen Gruppe in der Notbetreuung und anschließend wieder zu Hause gewesen.

Ihre Eltern hätten dagegen mitunter Kollegen auf der Arbeit getroffen, seien einkaufen gegangen und hätten sonstige Besorgungen gemacht. "Sie hatten ein anderes Kontaktprofil. Ich kann mir gut vorstellen, dass das der Grund ist."

Virus bei keinem Kind direkt nachgewiesen

Darauf deutet auch die Tatsache hin, dass sich vorerkrankte Kinder und Jugendliche in der Hamburg-Studie deutlich seltener infiziert hatten. Unter ihnen wurden bei einem Prozent Antikörper gefunden. Bei den Kindern und Jugendlichen ohne Vorerkrankungen lag die Rate bei 1,7 Prozent.

"Das ist vor allem ein Hinweis darauf, dass Kinder mit Vorerkrankungen besser geschützt und von möglichen Infektionsquellen abgeschirmt wurden", sagt Muntau.

In der Studie hatte ein Drittel der Kinder und Jugendlichen Vorerkrankungen. Sie ist daher nicht repräsentativ für Hamburg, es lässt sich aus ihr also nicht ableiten, wie viele Kinder und Jugendliche in der Stadt bislang eine Infektion mit dem neuen Coronavirus durchgemacht haben.

Akute Infektionen fand das Team in der vorläufigen Auswertung bis zum 5. Juni bei keinem einzigen Kind oder Jugendlichen. Auch das zeige, dass die Schutzmaßnahmen gegriffen hätten.

Nicht alle in einer Familie stecken sich an

Die Forscher haben zudem begonnen, die Familien der Kinder mit Corona-Antikörpern genauer zu untersuchen. Bei der Analyse von mehr als hundert Eltern und Geschwistern stellte sich heraus, dass sich längst nicht immer die ganze Familie ansteckt hatte, wenn ein Mitglied erkrankt war.

"Bei der Hälfte der Familien, bei denen mindesten ein Erwachsener positiv getestet wurde, waren nicht alle Kinder positiv", erklärt Muntau.

Frühere Auswertungen kamen zu einem ähnlichen Ergebnis. So hatte erst am Dienstag das Land Baden-Württemberg gemeinsam mit vier dort ansässigen Unikliniken vorab Daten zu Kindern unter zehn Jahren veröffentlicht, die vom 22. April bis 15. Mai gesammelt worden waren.

Dort wurden 2500 Eltern-Kind-Paare auf Antikörper gegen das neue Virus getestet. Bei 45 Eltern wurde eine durchgestandene Infektion nachgewiesen, aber nur bei 19 Kindern. Die Eltern hatten ihre Kinder also nicht zwingend angesteckt.

Hintergrund der Untersuchung in Baden-Württemberg war, dass Kinder maßgeblich zur Ausbreitung vieler Atemwegserkrankungen beitragen, etwa zur Grippe. Ein Kind bringt die Infektion mit in die Kita, den Kindergarten oder die Schule, und kurz darauf erkranken zahlreiche Mitschüler und Eltern.

Da auch das neue Coronavirus zu den Atemwegserregern gehört, gingen Forscher zunächst davon aus, dass Kinder bei dessen Ausbreitung eine ähnliche Rolle spielen. Die Antikörperstudie aus Baden-Württemberg zeigt, dass das zumindest bislang nicht der Fall war.

Kinder hatten weniger Gelegenheit, sich zu infizieren

Auch eine Studie im Fachmagazin "Nature"  kommt zu dem Schluss, dass sich Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren nur ungefähr halb so oft anstecken wie Erwachsene.

Forscher um Nicholas Davies von der London School of Hygiene and Tropical Medicine hatten darin Daten aus China, Italien, Japan, Singapur, Kanada und Südkorea in einem mathematischen Modell analysiert. In der Tendenz zu einem ähnlichen Ergebnis kamen auch Forscher in einer Auswertung in den Niederlanden (mehr dazu lesen Sie hier).

Allerdings sind all diese Untersuchungen kein Beleg dafür, dass Kinder bei der Ausbreitung des neuen Virus überhaupt keine Rolle spielen, und können nicht klären, wie sich das Virus ohne Kita-, Kindergarten- und Schulschließungen ausgebreitet hätte. Muntau ist daher weiter skeptisch.

In Schweden, wo bis auf ein paar Ausnahmen öffentliche Bildungs- und Betreuungsangebote während der gesamten bisherigen Pandemie geöffnet blieben, hätten sich ähnlich viele oder sogar mehr Kinder infiziert als Erwachsene, so Muntau. Zudem zeigten aktuelle Daten der Kassenärztlichen Vereinigung aus Hamburg, dass dort inzwischen ähnlich viele Kinder positiv getestet würden wie Erwachsene.

Auch erste Fälle nach Schulöffnungen zeigen, dass Bildungseinrichtungen zu Hotspots werden können, wenn das Virus hineingetragen wird. So hatten in einem Gymnasium in Augustusburg in Sachsen jüngst 75 Schüler der fünften, siebten und neunten Klasse Kontakt mit einer infizierten Lehrerin, bislang wurde das Virus bei 24 von ihnen nachgewiesen.

Wie ansteckend Kinder sind, bleibt unklar

Offen bleibt auch, wie ansteckend Kinder sind, wenn sie das Virus einmal in sich tragen. In einer viel diskutierten Studie kam der Berliner Virologe Christian Drosten zu dem Ergebnis, dass Kinder, bei denen eine Infektion nachgewiesen wurde, ähnlich viel Virus im Rachen haben wie Erwachsene. Das ist zumindest ein Hinweis, dass sie ähnlich ansteckend sein könnten, aber kein Beweis.

Diskutiert, wird etwa, ob Kinder das Virus aufgrund ihres aktiveren Immunsystems schneller bekämpfen und damit über eine kürzere Zeit infektiös sind. Bei Erwachsenen scheint insbesondere die Phase um den Beginn erster Symptome riskant für Ansteckungen zu sein. Kinder entwickeln dagegen nur selten überhaupt Symptome.

"Die Frage, wie ansteckend Kinder sind, lässt sich in der aktuellen Situation nicht klären", so Muntau. Als das Virus in Deutschland breit grassierte, habe man Infektionsketten nicht im Detail nachverfolgt und Kinder oft nicht getestet. Daher wisse man nicht, wer wen in Familien angesteckt habe.

"Ich hoffe nicht, dass wir eine zweite Welle bekommen", sagt Muntau. "Aber zentrale Fragen werden sich erst dann klar beantworten lassen."

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