Mehr als 40 Prozent Corona-Infizierte Studie zeigt hohe Durchseuchung in Ischgls Bevölkerung

Bei mehr als 40 Prozent der Bewohner Ischgls haben Forscher Antikörper gegen das Coronavirus entdeckt. Nur ein Bruchteil der Betroffenen wusste zuvor von seiner Infektion.
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Der Ski- und Partyort Ischgl bot dem Coronavirus Anfang März beste Bedingungen, um sich von dort aus in Europa zu verbreiten. In den Après-Ski-Bars drängten sich die Feiernden eng aneinander, tanzten, grölten. Touristen trugen das Virus anschließend unter anderem nach Island, Schweden und nach Deutschland.

Eine aktuelle Studie zeigt jetzt, dass sich auch unter den Einwohnern Ischgls sehr viele Menschen mit dem Virus infiziert haben - viele davon, ohne es zuvor zu wissen. Für die Untersuchung riefen Forscher der Medizinischen Universität Innsbruck alle Bewohner des Ortes dazu auf, sich zwischen dem 21. und 27. April anhand von Blutproben und Rachenabstrichen auf Spuren der Infektionen testen zu lassen. Knapp 1500 der rund 1600 Einwohner folgten der Bitte.

Noch keine Herdenimmunität

Noch aktive Viren entdeckten die Forscher kaum, der Ausbruch war im April durch den Lockdown des Ortes bereits unter Kontrolle. Dafür wiesen die Wissenschaftler jedoch im Blut von 42,4 Prozent der Bewohner des Ortes Antikörper gegen das Virus nach, die eine vergangene Infektion belegen. Um niemanden fälschlicherweise eine Infektion mit Sars-CoV-2 zu attestieren, überprüften die Forscher alle Ergebnisse mit bis zu vier verschiedenen Tests.

In keinem anderen Ort haben sich bislang so viele Menschen nachweislich mit dem Coronavirus infiziert, erklärte Studienleiterin Dorothee von Laer, Professorin für Virologie an der Medizinischen Universität Innsbruck, bei einer Pressekonferenz. Zwar sei es möglich, dass es etwa in Hotspots in Brasilien oder Indien noch mehr Fälle gebe, diese seien jedoch noch nicht wissenschaftlich analysiert und publiziert.

Trotz der vielen Infektionen reicht auch der Wert in Ischgl nicht aus, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Dafür müssten Schätzungen zufolge 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung gegen das Virus immun sein. "Dennoch dürfte die Ischgler Bevölkerung doch zu einem Gutteil geschützt sein", kommentierte von Laer das Ergebnis.

Extrem hohe Dunkelziffer

Auffällig bei der aktuellen Untersuchung ist die sehr hohe Dunkelziffer. Nur rund 15 Prozent der Einwohner, die Antikörper in ihrem Blut hatten, wussten zuvor von ihrer Infektion, weil die Erreger zum Zeitpunkt der Erkrankung durch einen Rachenabstrich und einen PCR-Test nachgewiesen worden war. Die anderen 85 Prozent hatten zuvor keinen positiven Coronatest.

Dass die Dunkelziffer so hoch war, habe sie überrascht, sagte von Laer bei der Präsentation der Studie während einer Pressekonferenz. Sie bedeute jedoch nicht, dass die Betroffenen nichts von der Erkrankung gespürt hätten. Viele seien etwa bei der Hotline nicht durchgekommen, andere hätten ihre Beschwerden als Schnupfen abgetan. Oft litten die Betroffenen dann zwei, drei Tage unter Halskratzen oder Husten. Auch sei die Testkapazität im März noch begrenzt gewesen.

Ein sicheres Anzeichen für eine Sars-CoV-2-Infektion war der Forscherin zufolge der Verlust des Geruch- und Geschmacksinns. Bei allen Teilnehmern, die diese Beschwerden schilderten, stießen die Wissenschaftler auch auf Antikörper. Dabei sei nicht die Rede von einer verstopften Nase, durch die man nicht mehr riechen könne, so von Laer. Stattdessen ginge es um Beschwerden, bei denen etwa Kaffee, Wein, alles gleich schmecke. Diese Symptome seien sehr spezifisch für das Coronavirus, da sie etwa bei einer Grippe nicht auftreten.

Zugänglich ist das Manuskript der Studie noch nicht. Anders als viele Forscher in der Corona-Zeit haben sich die Wissenschaftler dagegen entschieden, die unveröffentlichte Rohfassung schon vor einer Prüfung durch unabhängige Kolleginnen und Kollegen im Internet zugänglich zu machen. Stattdessen haben sie das Manuskript bei einer Fachzeitschrift eingereicht und warten diesen Peer-Review-Prozess ab. Über den Kern der Ergebnisse informierten sie jedoch vorab bei einer Pressekonferenz und in einer Mitteilung .

Studie bestätigt: Kinder seltener betroffen

Unter den in Ischgl auf das Virus Untersuchten waren auch mehr als 200 Kinder. Ihre Test-Ergebnisse bestätigen vorherige Studien, laut denen sich Kinder deutlich seltener mit dem Erreger infizieren als Erwachsene. "Kinder waren ungefähr ein Drittel weniger betroffen", sagte von Laer. Während bei den Erwachsenen mehr als 40 Prozent der Getesteten Antikörper im Blut hatten, waren es bei Kindern unter 18 nur 27 Prozent.

Die Gründe dafür sind noch nicht abschließend erforscht. Möglich ist zum Beispiel, dass Kinder besser abgeschottet sind. In Ischgl etwa war die Altersgruppe zwischen 18 und 60 besonders stark betroffen - diejenigen, die oft im Tourismus arbeiten und dadurch Kontakt zu vielen Menschen haben. Möglich ist aber auch, dass Kinder durch ihr Immunsystem besser vor einer Infektion geschützt sind.

Daneben zeigen die Ergebnisse, dass die Bevölkerung von Ischgl sich bei Infektionen als "zäh" erwies, wie von Laer es beschrieb. In dem Ort kam es zu zwei Todesfällen durch das Coronavirus, angesichts der Zahl der Infektionen sind dies wenige. Die Gefährlichkeit des Virus beruht jedoch vor allem darauf, dass es ohne Gegenmaßnahmen enorm schnell sehr viele Menschen infiziert, was auch die Todesfälle in die Höhe treibt.

In Ischgl hatte das Coronavirus wahrscheinlich mehrere Wochen Zeit, um immer mehr Menschen zu infizieren. Vieles spreche dafür, dass sich der Erreger bereits in der zweiten Februarhälfte unbemerkt verbreitet habe, sagte von Laer. Der Lockdown erfolgte erst Mitte März. Um diese Theorie zu bestätigen, müssen jedoch noch Proben aus dem Februar auf das Virus untersucht werden.

Diese liegen sogar vor, tiefgefroren, etwa von damaligen Tests auf andere Atemwegserkrankungen. Die Forscher wollen sie in einem nächsten Schritt auftauen und untersuchen. Auch könnte die Bevölkerung Ischgls in Zukunft noch weitere, wichtige Erkenntnisse dazu liefern, wie lange sich die jetzt nachgewiesenen Antikörper in ihrem Blut halten.

irb