Corona-Tests Der umstrittene deutsche Weg

Südkorea gilt weltweit als Vorbild im Umgang mit der Covid-19-Pandemie. Vor allem die Massentests scheinen bei der Eindämmung geholfen zu haben. Hierzulande fährt man eine andere Strategie.
Corona-"Drive In" in Baden-Württemberg: Das eigene Auto als mobiles Test-Center

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Foto: Uwe Anspach/ dpa

Dieser Tage fühlt sich fast jeder ein bisschen Corona-krank: Sei es, weil die Nichte eines Bekannten, mit dem man sich neulich getroffen hat, positiv auf Sars-Cov-2 getestet wurde. Sei es, weil ein leichtes Hüsteln eine angehende Erkältung andeutet - die natürlich auch eine Covid-19-Infektion sein könnte.

Doch nicht jeder, der befürchtet, sich mit dem Virus infiziert zu haben, kann sich auch testen lassen. Zwar hat Deutschland seine Testkapazitäten in den vergangenen Wochen deutlich erhöht, doch das reicht nicht aus, um die gesamte Bevölkerung zu testen.

Orientierungshilfe für Ärzte: Wer soll getestet werden?

Das Robert Koch-Institut hat Kriterien definiert, in welchen Fällen sich Ärztinnen und Ärzte für einen PCR-Test auf Sars-CoV-2 entscheiden sollten. Ein Verdacht sollte demnach abgeklärt werden, wenn:

  1. Ein Patient Allgemeinsymptome oder akute respiratorische Symptome jeder Schwere hat UND Kontakt zu einem bestätigten Covid-19-Fall bis maximal 14 Tage vor Erkrankungsbeginn hatte

  2. Ein Patient akute respiratorische Symptome mit oder ohne Fieber hat UND sich in den vergangenen 14 Tagen in einem der internationalen Risikogebiete aufgehalten hat (eine Liste der internationalen Risikogebiete finden Sie hier )

In diesen beiden Fällen besteht ein begründeter Verdachtsfall. Der Patient muss unter Einhaltung bestimmter Hygienemaßnahmen in einen separaten Raum gebracht werden und wird dem Gesundheitsamt gemeldet.

Darüber hinaus bedarf es einer weiteren Abklärung, wenn:

  1. Ein Patient mit akuten respiratorischen Symptomen mit oder ohne Fieber, sich in den vergangenen zwei Wochen in Regionen mit Covid-19-Fällen aufgehalten hat (das trifft mittlerweile auf alle 16 Bundesländer zu, dennoch gibt es starke regionale Unterschiede)

  2. Wenn radiologische oder klinische Hinweise auf eine virale Lungenentzündung vorliegen, deren Entstehung nicht geklärt werden kann.

Diese Fälle müssen vom behandelnden Arzt zunächst nicht an das Gesundheitsamt gemeldet werden.

Je nach Schwere der Symptome sollten die Patientinnen und Patienten stationär oder ambulant behandelt werden. Die Patienten werden dann entweder unter entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen ins Krankenhaus gebracht und dort getestet - oder die Diagnostik wird zu Hause gestellt, wobei die häuslichen Kontakte bis zum Befundeingang weitgehend reduziert werden sollten. Bestätigte Fälle werden dann je nach Schwere der Erkrankung entweder stationär oder ambulant behandelt und beobachtet.

Quelle: Flussschema des Robert Koch-Instituts 

Arzt entscheidet, wer getestet wird

Die Kriterien des Robert Koch-Instituts (RKI) sind als Orientierungshilfe für Ärztinnen und Ärzte gedacht, die entscheiden müssen, wen sie testen. Ausgeschlossen ist der Weg, in einem Labor direkt um einen Test zu bitten, sobald man etwa ein Kratzen im Hals verspürt. Die Labors in Deutschland testen Proben von Patientinnen und Patienten, die ihnen von niedergelassenen Ärzten übermittelt werden - oder von zentralen Abstrichstellen, die in diversen Krankenhäusern eingerichtet wurden.

"Entscheidend für eine Testung muss die medizinische Indikation sein", sagt der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen. "Wir bitten hier um das Verständnis der Bürgerinnen und Bürger, dass nicht jeder getestet wird, der sich dies wünscht." Der Test sei kein Konsumgut, sondern ein Tool, das vernünftig eingesetzt werden müsse.

In der vergangenen Woche wurden laut KBV allein im ambulanten Bereich mehr als 100.000 Corona-Tests durchgeführt. Sollten die Testungskriterien geöffnet werden, könne die vorhandene Kapazität schnell an ihre Grenzen kommen, sagt Gassen. "Die Testkapazitäten sind in Deutschland sehr groß, aber dennoch natürlich endlich. Engpässe in Labors sind uns zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bekannt." Deutschland habe momentan eine extrem hohe Testquote im Vergleich zu anderen Ländern.

Nach Angaben des RKI reichen die deutschen Laborkapazitäten derzeit für rund 160.000 Tests pro Woche. Bundesweit bieten derzeit 47 Labore laut der Gesellschaft für Virologie  den sogenannten PCR-Test an. Inzwischen gibt es in Deutschland auch Drive-In-Testzentren, die das Verfahren verkürzen sollen. Bis das Ergebnis eines Tests vorliegt, dauert es drei bis vier Tage. Hinzu können Wartezeiten kommen, etwa wenn Proben von Patienten vorgezogen werden, die besonders starke Symptome zeigen. Aus Sicht von RKI-Chef Lothar Wieler sei es auch möglich, die Laborkapazitäten in Deutschland zu steigern, etwa wenn man die vorhandenen großen Kapazitäten im tiermedizinischen Bereich nutze.

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Leistungsgrenze schon erreicht

"In unserem Labor ist die Diagnostik schon seit Wochen an der Leistungsgrenze", sagt der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité. "Und wir sind sicherlich eines der größten Labors in Deutschland. Wir testen etwa 600 bis 700 Proben am Tag." In den kommenden Wochen würden sich die Infiziertenzahlen jede Woche verdoppeln - man könne jedoch nicht die Kapazitäten jede Woche verdoppeln. Das trifft auch für das Fachpersonal zu, das vielerorts im Zwölf-Stunden-Schichtbetrieb arbeitet.

Auch das für die Tests erforderliche Material wie etwa Testkits oder Reagenzien ist bereits mancherorts knapp. "Wir fahren auf Sicht", warnen deshalb viele Fachärzte; etliche Labors verfügen nur über einen begrenzten Vorrat, der eher Tage als Wochen vorhält. "Abstrichtupfer machen mir die größte Sorge", sagt Martin Obermeier, Facharzt für Laboratoriumsmedizin des Medizinischen Infektiologiezentrums Berlin (MIB). Dieses für die Probenentnahme dringend notwendige Zubehör wird beispielsweise federführend von der Firma Copan im norditalienischen Brescia hergestellt. Doch im schwer Corona-geplagten Italien gibt es derzeit Lieferengpässe, die sich auch in Deutschland auswirken.

Und bereits jetzt gibt es Kritik, dass in Deutschland noch zu wenig getestet wird. Dabei ziehen viele den Vergleich zu Südkorea, wo die Covid-19-Zahlen zunächst rasant anstiegen, bereits nach wenigen Wochen jedoch das Schlimmste überwunden zu sein scheint - in dem Land gab es nicht einmal eine Ausgangssperre.

Massentests vs. Ausgangssperre?

Doch hat Südkorea die Verbreitung von Covid-19 durch das hohe Testtempo so rasch eindämmen können? "Patienten zu einem sehr frühen Zeitpunkt zu erkennen, ist sehr wichtig", sagte der südkoreanische Gesundheitsminister Park Neung-Hu. "Südkorea ist eine offene Gesellschaft und möchte die Freiheit der Menschen schützen, sich zu bewegen und zu reisen. Deswegen machen wir Massentests."

An der Aussage ist was dran: Wer frühzeitig weiß, dass er infiziert ist, kann Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Infektionsketten können schneller nachverfolgt, Kontaktpersonen und Infizierte isoliert werden. Man geht außerdem davon aus, dass die Fallzahlen in Südkorea auch deshalb so hoch waren, weil so viel getestet wurde und die Sterblichkeitsrate von derzeit 1,09 Prozent in dem Land annähernd der Realität entsprechen könnte.

Das Testverfahren in Südkorea ist zunächst einmal dem deutschen nicht unähnlich: Kostenfreie Tests stehen allen zu, bei denen ein Arzt empfiehlt, dass sie getestet werden müssen - die Kriterien dafür sind ähnlich wie hierzulande. Alle Ergebnisse gehen zentral an die Seuchenbehörde KCDC. Bis Freitag hat Südkorea demnach 316.664 Menschen mit Verdachts- oder bestätigten Infektionen gemeldet . 292.487 davon wurden negativ getestet, 8652 positiv. Eine solche offizielle Übersicht gibt es in Deutschland derzeit noch nicht.

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Lässt sich das Verfahren in Deutschland beschleunigen, etwa durch "Schnelltests", von denen immer wieder die Rede ist? Im Blut bilden sich bei einer Infektion Antikörper und die Untersuchung einer Blutprobe lässt sich innerhalb eines halben Tages bewerkstelligen. Doch das ist nur scheinbar vielversprechend: "Solche Schnelltests sind Quatsch", sagt Krause. Denn zwischen einer Infektion und der Bildung von Antikörpern vergehen Tage, womöglich gar Wochen. Innerhalb dieses sogenannten Diagnostischen Fensters ließe sich das Virus im Blut nicht nachweisen: Massenweise Fehltestungen wären die Folge.

Rund 12.000 Menschen pro Tag wurden in Südkorea durchschnittlich in den vergangenen Wochen auf Covid-19 getestet, also etwa 84.000 pro Woche. (Vorausgesetzt, die Labors arbeiten am Wochenende mit der gleichen Kapazität wie an Werktagen). Zur Erinnerung: In Deutschland waren es rund 100.000 Tests in der vergangenen Woche. Rechnet man das auf die Gesamtbevölkerung um (Südkorea: 51,47 Mio. Einwohner, Deutschland: 82,79 Mio. Einwohner), wird deutlich, dass Südkorea rund ein Drittel mehr testet als die Bundesrepublik: Nämlich 23 von 100.000 Einwohnern und Deutschland: 17 von 100.000 Einwohnern.

Das RKI räumt zwar ein, dass die Testverfahren an der ein oder anderen Stelle noch etwas holpern. Doch das Institut hält an seiner Strategie fest und empfiehlt weiterhin, nur Patientinnen und Patienten mit Symptomen zu testen.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hieß es, die Sterberate in Südkorea liegt bei 0,7 Prozent. Diese Zahl war nicht aktuell. Die Sterberate ändert sich täglich und lag am Freitag bei 1,09 Prozent.

Mitarbeit: Irene Berres, Heike Le Ker, Nina Weber
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