Covid-19-Testverfahren Die Krux mit den Antigentests

Im Weißen Haus kommen offenbar regelmäßig Schnelltests zum Einsatz - die den aktuellen Ausbruch jedoch nicht verhindert haben. Auch in Deutschland sollen sie bald eingeführt werden. Was bringt das?
Coronavirus-Antigentests: Ergebnis in 15 Minuten - aber wie zuverlässig?

Coronavirus-Antigentests: Ergebnis in 15 Minuten - aber wie zuverlässig?

Foto: Indranil Mukherjee / AFP

Ob die Zeremonie im Rosengarten zu Ehren der Richterin Amy Coney Barrett ein Superspreading-Event war, werden wir wohl nicht erfahren. Das Weiße Haus will die Kontakte von Gästen und Bediensteten, die an der Veranstaltung teilnahmen, jedenfalls nicht ausfindig machen, schreibt die "New York Times".

Dabei werden aktuell sieben Coronavirus-Infektionen mit der Zeremonie in Verbindung gebracht - die nicht nur unter freiem Himmel stattfand, sondern auch einen Empfang in Innenräumen beinhaltete, viele Gäste trugen keinen Mund-Nasen-Schutz, hielten keinen Abstand.

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Die Weigerung des Weißen Hauses zeigt, wie halbherzig sie es dort mit Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus halten.

Der Vorfall zeigt auch, dass es nicht reicht, sich für den Schutz vor Covid-19 allein auf Schnelltests zu verlassen, wie es im Weißen Haus offenbar seit Monaten der Fall ist. Denn die Tests können nicht zu 100 Prozent jeden infektiösen Menschen als Coronavirus-positiv erkennen.

Dennoch will auch die Bundesregierung künftig vermehrt auf Antigentests setzen, die schneller und unkomplizierter durchzuführen sind als das Standardverfahren PCR (Lesen Sie hier einen Überblick der Corona-Testverfahren): Ab 15. Oktober tritt eine neue Teststrategie in Kraft, die den Einsatz von Antigen-Schnelltests in Pflegeheimen und Krankenhäusern vorsieht. Der entsprechende Referentenentwurf des Bundesgesundheitsministeriums liegt dem SPIEGEL vor.

Einsatz an sensiblen Orten

Demnach sollen die Antigentests besonders bei Besuchern, Beschäftigten, Bewohnern und Patienten von Pflegeheimen, Krankenhäusern und medizinischen Einrichtungen eingesetzt werden. Das soll vor allem Risikogruppen besser davor schützen, mit infektiösen Personen in Kontakt zu kommen. Da die Tests direkt an sensiblen Orten durchgeführt werden können, wo ein schnelles Ergebnis gewünscht ist, heißen sie auch Point-of-Care-Antigentests.

Doch zeigt der Ausbruch im Weißen Haus nicht, dass Antigentests unzuverlässig sind?

"Bei allen Testverfahren ist es wichtig, die Rahmenbedingungen mit einzubeziehen", sagt Michael Müller, Vorstandsvorsitzender der Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM). "Ein negativer Antigentest gibt uns nicht die Freiheit, die AHA+L+C-Regeln zu vernachlässigen." Also die Regeln zu Abstandhalten, Hygiene, Alltagsmaske, Lüften sowie die Corona-Warn-App.

Wie funktionieren Antigentests?

Denn Antigentests sind nicht so zuverlässig wie PCR-Tests. Ein Antigentest sucht nach für das Virus typischen Proteinen. Das Analysematerial wird dazu auf einen Teststreifen mit Sars-CoV-2-spezifischen Antikörpern gegeben. Sind die Proteine - auch Antigene genannt - in ausreichender Konzentration vorhanden, binden sie an die Antikörper - der Test zeigt ein positives Ergebnis. Ein Antigentest kann somit wie die PCR eine aktive Infektion nachweisen. Ein Ergebnis kann mitunter schon nach 15 Minuten vorliegen.

Die Sensitivität, also die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Infizierter auch als solcher erkannt wird, ist dabei etwas geringer als bei der PCR. Ein positives Testergebnis muss also immer noch einmal mit der PCR-Methode überprüft werden. Das ist auch bei Trump passiert: Sein Antigentest hat offenbar am Donnerstag ein positives Ergebnis angezeigt, das er zunächst verheimlicht hat. Ein Wiederholungstest per PCR hat dann bewiesen: Trump hat sich mit Sars-CoV-2 infiziert. Da die PCR wesentlich länger braucht als ein Antigentest, gab er das Ergebnis erst in der Nacht zum Freitag bekannt.

Eine weitere Tücke der Antigentests: Sie benötigen eine relativ hohe Konzentration an Antigenen, um einen Infizierten als positiv zu erkennen. Nun ist jedoch bekannt, dass gerade Patienten mit milden Verläufen häufig eine geringere Viruslast haben - und damit auch eine geringere Konzentration von Antigenen. Es ist also fraglich, ob der Test auch asymptomatische Patienten oder solche mit nur milden Symptomen erkennt.

Testpanne im Rosengarten?

Im Rosengarten des Weißen Hauses könnten also Infizierte durchgerutscht sein, deren Testergebnisse zwar negativ ausgefallen sind, die aber trotzdem infektiös waren.

Das Weiße Haus hat nach Angaben der "New York Times"  einen Test des Herstellers Abbott genutzt, der von der US-amerikanischen Zulassungsbehörde FDA eine Notfallzulassung erhalten hat. Doch bereits im Mai legte eine Studie nahe , dass der Abbott-Test bis zu 48 Prozent der Corona-Infektionen übersieht. Dennoch verließ sich das Weiße Haus auf den Test.

Der Pharmakonzern stellt auch einen Antigentest her, der möglicherweise ebenfalls im Weißen Haus zum Einsatz gekommen ist. Die Firma selbst gibt an , der Schnelltest sei mit einer hohen Sensitivität (97,1 Prozent) bei Patienten in den ersten sieben Tagen nach Symptombeginn getestet worden. Mittlerweile ist jedoch bekannt, dass Corona-Positive das Virus bereits vor Beginn der Symptome weitergeben können - diese könnten also mit dem Abbott-Test unerkannt bleiben.

Viele Gäste, wenige Masken: Empfang im Rosengarten des Weißen Hauses am 26. September

Viele Gäste, wenige Masken: Empfang im Rosengarten des Weißen Hauses am 26. September

Foto:

SHAWN THEW/EPA-EFE/Shutterstock

In Deutschland prüft nun zunächst das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die derzeit auf dem Markt erhältlichen Antigentests auf ihre Zuverlässigkeit und will die Produkte dann auf seiner Internetseite listen. Wie und wo genau die Tests dann ab Mitte Oktober zum Einsatz kommen, wird im individuellen Testkonzept einer Einrichtung oder eines Unternehmens festgelegt. Virologe Christian Drosten äußerte im Interview mit der "Zeit" Zweifel, ob es gelingt, die Antigentests bis Mitte Oktober pünktlich zur Veröffentlichung der neuen Teststrategie zu validieren.

Wichtig ist, dass auch die Antigentests von medizinischem Fachpersonal durchgeführt werden sollten. Einen Nasen-Rachen-Abstrich korrekt bei sich selbst durchzuführen, ist nahezu unmöglich - das dürfte jeder wissen, der bereits einen Coronavirus-Test gemacht hat. Da die Tests vor Ort ausgewertet werden können, können sie aber immerhin zur Entlastung der Laborkapazitäten eingesetzt werden.

"In der richtigen Situation und kritisch eingesetzt, ist der Antigentest ein gutes Mittel", sagte ALM-Vorstand Müller. Doch: "Antigentests können lediglich eine Ergänzung zur Teststrategie sein. Ihre Aussagekraft steht und fällt mit der Frage, was man aus einem Ergebnis ableiten kann: Hat eine Person eine große Virusmenge, ist der Test relativ zuverlässig positiv. Ist sie asymptomatisch, könnte das Ergebnis falsch-negativ sein."

Ein Freifahrtschein für Großveranstaltungen und das Ablegen der Alltagsmasken werden die Antigentests also wohl nicht.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hieß es, der im Weißen Haus eingesetzte Test der Firma Abbott übersehe laut einer Studie bis zu 48 Prozent der Infektionen. In der von der "New York Times" erwähnten Studie wurde jedoch der PCR-Test der Firma Abbott und nicht der Antigentest untersucht. Wir haben die entsprechende Passage korrigiert.

Mitarbeit: Nina Weber

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