Krankheitsverlauf von Covid-19 Risikofaktor Mann

Ob China, Spanien oder Deutschland: Die Corona-Statistiken weisen darauf hin, dass mehr Männer als Frauen beatmet werden müssen oder sogar sterben. Ein Immunologe erklärt, woran das liegen könnte.
Ein Interview von Janne Kieselbach
Corona-Patient auf einer Intensivstation in Mailand: "Testosteron kann die Immunantwort unterdrücken"

Corona-Patient auf einer Intensivstation in Mailand: "Testosteron kann die Immunantwort unterdrücken"

Foto: FLAVIO LO SCALZO/ REUTERS

Es sind bemerkenswerte Zahlen: Während sich Frauen und Männer in Deutschland etwa gleich häufig mit dem neuartigen Coronavirus infizieren, sind laut Robert Koch-Institut (RKI)  zwei Drittel der daran Verstorbenen männlich. In Spanien  liegt der Anteil mit 65 Prozent fast genauso hoch. Von den Corona-Patienten auf den spanischen Intensivstationen sind 68 Prozent Männer. Und eine Auswertung der chinesischen Gesundheitsbehörde  kam bereits im Februar zu dem Ergebnis, dass rund 64 Prozent der damals erfassten Corona-Todesopfer männlich waren.

Das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken oder sogar daran zu sterben, scheint also nicht nur vom Alter oder von Vorerkrankungen abhängig zu sein. Auch das Geschlecht spielt eine bedeutende Rolle. Doch woran könnte es liegen, dass das Virus Männer so viel härter trifft als Frauen? Sind Lebensgewohnheiten schuld - oder vielleicht doch biologische Unterschiede? Fragen an Marcus Altfeld.

Zur Person

Prof. Dr. Marcus Altfeld leitet die Abteilung Virus Immunologie am Heinrich-Pette-Institut (HPI) in Hamburg. Außerdem ist er Direktor des Instituts für Immunologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Mit seinem Team erforscht er, wie Immunsysteme Viren erkennen und auf sie reagieren.

SPIEGEL: Herr Altfeld, nach Einschätzung chinesischer Forscher könnten Männer deshalb stärker von der Lungenkrankheit Covid-19 betroffen sein, weil sie öfter rauchen. Was halten Sie von der These?

Altfeld: Rauchen ist ganz sicher ein Risikofaktor. Dass allerdings Männer mehr rauchen als Frauen, mag zwar auf China zutreffen. In europäischen Populationen ist das aber gar nicht mehr so ausgeprägt. Teilweise rauchen hier sogar die Frauen öfter. Deshalb ist die Bedeutung des Rauchens für die geschlechtsspezifischen Unterschiede noch nicht so klar festzumachen. Da müssen wir auf die Ergebnisse weiterer Studien warten.

SPIEGEL: Woran könnte es Ihrer Meinung nach liegen, dass Covid-19 Männer heftiger trifft?

Altfeld: Wir wissen, dass es bei sehr vielen Infektionskrankheiten ausgeprägte geschlechtsspezifische Unterschiede gibt. Das gilt für Influenza ebenso wie für HIV oder Hepatitis. Und ich glaube, Covid-19 ist jetzt nur ein weiteres Beispiel dafür.

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SPIEGEL: Wie erklärt sich das?

Altfeld: Jeder Geschlechtsunterschied, den wir in der Medizin sehen, ob bei Infektionserkrankungen oder bei Autoimmunerkrankungen, lässt sich immer in drei Komponenten aufschlüsseln: Erstens unterscheidet sich das Verhalten von Frauen und Männern, in diese Kategorie fallen neben dem Rauchen auch andere Gewohnheiten wie zum Beispiel Alkoholkonsum. Wir sprechen dabei von Umgebungsfaktoren. Und dann gibt es zwei biologische Faktoren, die sehr bedeutend sind: Einerseits spielen die Hormone Östrogen und Testosteron eine Rolle, andererseits kommt der Unterschied zum Tragen, dass Frauen zwei X-Chromosomen besitzen, Männer hingegen nur eines.

"Während das weibliche Hormon Östrogen das Immunsystem stimulieren kann, hat das männliche Hormon Testosteron genau den gegenteiligen Effekt"

SPIEGEL: Heißt das, Männer sind wegen ihres Testosterons benachteiligt?

Altfeld: Es ist jedenfalls so, dass Frauen mit den meisten viralen Infektionen besser zurechtkommen als Männer. Sie haben die Fähigkeit, eine schnellere Immunantwort aufzubauen und die Vermehrung von Viren besser zu kontrollieren. Und dazu tragen die Hormone wesentlich bei: Während das weibliche Hormon Östrogen das Immunsystem stimulieren kann, hat das männliche Hormon Testosteron genau den gegenteiligen Effekt. Es ist antientzündlich und kann die Immunantwort unterdrücken.

SPIEGEL: Und welche Rolle spielen die X-Chromosomen?

Altfeld: In den vergangenen zwei bis drei Jahren hat man herausgefunden, dass viele der Proteine, die die Immunantwort steuern, auf dem X-Chromosom liegen. Lange Zeit dachten wir, dass das zweite X-Chromosom bei der Frau inaktiv ist. Aber jetzt wissen wir, dass die Immunzelle einer Frau von beiden X-Chromosomen ablesen kann. Daher treten viele der immunregulatorischen Moleküle, die für die Immunantwort wichtig sind, bei Frauen stärker in Erscheinung als bei Männern.

SPIEGEL: Warum könnte uns die Natur so unterschiedlich ausgestattet haben?

Altfeld: Es gibt Studien, die versuchen, das evolutionär zu erklären: Unsere Vorfahren in der Steinzeit lebten in gemeinsamen Höhlen und setzten sich Gefahren aus. Die Aufgabe des weiblichen Immunsystems war es schon damals, das ungeborene oder neugeborene Kind besonders zu schützen. Die Kehrseite der Medaille ist, dass diese stärkere Funktion des Immunsystems bei Frauen sehr viel häufiger zu Autoimmunerkrankungen führt, also zu Krankheiten, bei denen sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet. Bei manchen dieser Krankheiten sind bis zu 80 Prozent Frauen betroffen. Häufig treten diese allerdings erst später im Leben auf.

"Ältere Menschen versterben deshalb, weil ihr Immunsystem nicht mehr so gut in der Lage ist, die Entzündung zu regulieren"

SPIEGEL: Haben Sie schon konkrete Erkenntnisse, warum sich das neuartige Coronavirus bei Männern und Frauen unterschiedlich auswirkt?

Altfeld: Da stehen wir noch am Anfang und wissen bislang wenig. Ich glaube, wir müssen bei Covid-19 zwei Phasen unterscheiden: In der ersten Phase vermehrt sich das Virus massiv. Diese Vermehrung kann man wahrscheinlich durch gute Immunantworten reduzieren und die Infektion dadurch kontrollieren. Bei über 85 Prozent der Betroffenen scheint das zu klappen. Bei ihnen treten höchstens Fieber und Husten auf. Und dann gibt es die zweite Phase, in der eine starke Lungenentzündung entsteht, die zur Beatmungspflicht oder zum Tod führen kann. Eine mögliche Erklärung ist, dass Frauen aufgrund ihres Immunsystems seltener in diese zweite Phase kommen.

SPIEGEL: Gibt es denn schon Studien, die untersucht haben, was in dieser zweiten Phase passiert?

Altfeld: Ja. Es sind erste Studien veröffentlicht worden, die die Immunantwort von Einzelpatienten beschreiben. Demnach ist der sehr schwere Verlauf von Covid-19 mit einem sogenannten Zytokinsturm verbunden. Zytokine sind Proteine, die Entzündungen vermitteln. Vereinfacht gesagt reagiert das Immunsystem bei den Patienten, die beatmet werden müssen, zu stark. Es kommt zu einer heftigen Entzündungsreaktion, die dann die Lunge weiter schädigt. In der Forschung wird diskutiert, dass gerade ältere Menschen deshalb versterben, weil ihr Immunsystem nicht mehr so gut in der Lage ist, die Entzündung zu regulieren.