Umfrage zur Covid-19-Lage Virologen erwarten in Deutschland keine Szenarien wie in Italien

Eine Umfrage unter rund 200 deutschen Virologen zeigt, dass die Fachleute das Vorgehen der Bundesregierung gutheißen. Zugleich wird deutlich, wie unsicher die Experten in ihrer Einschätzung insgesamt sind.
Verzweiflung in Italien: Deutschen Virologen zufolge ist das deutsche Gesundheitssystem besser gewappnet

Verzweiflung in Italien: Deutschen Virologen zufolge ist das deutsche Gesundheitssystem besser gewappnet

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PAOLO MIRANDA/ AFP

In Italien oder Spanien bringt der Covid-19-Ausbruch das medizinische Personal seit Wochen an seine Grenzen. Deutsche Virologen gehen davon aus, dass es hierzulande nicht zu ähnlichen Szenarien kommt. Das ist das Ergebnis einer Umfrage unter knapp 200 Experten. Aus den Umfrageergebnissen, die dem SPIEGEL vorliegen, geht hervor, dass die Mehrzahl der Befragten das Medizinsystem in Deutschland bezüglich Covid-19 für besser gewappnet hält als in anderen schwer betroffenen Ländern.

Insgesamt wurden 197 Virologinnen und Virologen anonym zu ihrer Einschätzung der Lage bezüglich Covid-19 in Deutschland befragt. Die Umfrage wurde vom Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg und der Gesellschaft für Virologie (GfV) koordiniert. Ziel der Befragung sei es, zu erheben, wie Experten auf dem Gebiet der Virologie die aktuelle Gefahrenlage und die getroffenen Maßnahmen bezüglich der Covid-19-Pandemie einschätzten, heißt es in dem Zwischenbericht. Insgesamt habe die GfV rund 1100 Mitglieder, sagte eine Sprecherin, es nahmen also etwa 20 Prozent der Experten an der Umfrage teil.

"Wir haben dabei auch nachgefragt, für wie kompetent sich die Teilnehmer selbst bezüglich des Themas Covid-19 einschätzen", sagt Steffen Moritz, Leiter der Arbeitsgruppe Neuropsychologie am UKE. "36 Kollegen hielten sich dabei für besonders kompetent, alle promoviert und zu einem hohen Anteil Professoren - diese Gruppe haben wir noch mal gesondert ausgewertet." Besonders interessant fand Moritz, dass die große Mehrheit der Befragten die getroffenen Maßnahmen der Regierung offenbar für adäquat hält.

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Nur 4,1 Prozent halten "Herdenimmunität" für sinnvoll

Den Ergebnissen zufolge halten 80,7 Prozent der Befragten die Social-Distancing-Maßnahmen der Bundesregierung für sinnvoll (Mehrfachnennungen waren möglich). Mehr als 41 Prozent der Befragten befürworten jedoch auch die Maßnahme, besondere Schutzmaßnahmen nur für Risikogruppen zu treffen und sonst zum öffentlichen und wirtschaftlichen Leben zurückzukehren. Nur 4,1 Prozent der Befragten halten es für sinnvoll, so weiterzuleben wie bisher, um eine "Herdenimmunität" zu erreichen. 10,7 Prozent befürworten eine scharfe Ausgangssperre und eine weitere Produktionsreduktion. 16,8 Prozent der befragten Virologen halten es für sinnvoll, das Alltagsleben wiederherzustellen und dabei weitestgehend Atemmasken aufzusetzen.

Die hohe Sterblichkeitsrate in Italien und Spanien im Vergleich zu Deutschland erklären sich rund 88 Prozent der befragten Virologen mit den deutlich geringeren Testungen in diesen Ländern: Die Anzahl der Infizierten werde im Vergleich zu Deutschland stärker unterschätzt, dadurch sehe die Sterblichkeit höher aus. 87,3 Prozent der Befragten halten zudem das deutsche Gesundheitssystem für deutlich besser, 71,6 Prozent stimmten der Aussage zu, das Gesundheitssystem in Spanien und Italien sei schon vor der Pandemie überfordert gewesen.

Mehr als die Hälfte der Befragten (53,3 Prozent) erklären sich die hohe Todesrate mit der Überalterung der italienischen und spanischen Gesellschaft, knapp 30 Prozent sehen in diesen Ländern außerdem besondere Risikokonstellationen wie etwa viele Raucher und ältere Menschen (rund 42 Prozent aus der Gruppe der besonders kompetenten Virologen teilten diese Einschätzung). Rund 43 Prozent der Befragten glauben aber auch, dass Deutschland später betroffen ist als andere Länder und mit einer leichten Verzögerung ähnlich viele schwere Fälle zu verzeichnen haben wird. Nur rund 21 Prozent der Befragten glauben, dass Bilder wie in Italien oder Spanien auch bald in Deutschland zu sehen sein werden.

Viele Zweifel

Bei den Angaben zur Wahrscheinlichkeit bestimmter Ereignisse hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, den Grad ihrer Antwortsicherheit anzugeben. Viele der befragten Mediziner gaben hier "sehr unsicher" und "eher unsicher" an. Die Virologen sollten etwa die Notwendigkeit der intensivmedizinischen Behandlung in Deutschland einschätzen. Diese liegt den Ergebnissen zufolge bei einem Mittel von rund fünf Prozent der Infizierten, bei einer Sterblichkeit von rund einem Prozent. Die Virologen gehen außerdem davon aus, dass sich rund 60 Prozent der Bevölkerung innerhalb von zwölf Monaten mit Covid-19 infizieren werden. Bei vielen Einschätzungen überwiegen dem Zwischenbericht zufolge aber deutliche Zweifel.

Auch dazu, inwieweit sie mit der medialen Berichterstattung zufrieden seien, wurden die Virologen befragt. Rund 80 Prozent von ihnen empfinden die Berichterstattung zu Covid-19 als fair, sachlich und angemessen. Rund 78 Prozent finden dabei jedoch, dass immer dieselben Experten befragt würden, und knapp 78 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass zu viele verschiedene Expertenmeinungen die Bevölkerung verunsichern würden.

Rund 60 Prozent gaben an, dass ihnen die Verantwortung, eine öffentliche Expertenmeinung abzugeben, selbst zu hoch sei: Sie fühlen sich in ihrer eigenen Einschätzung nicht sicher genug, um sich selbst medial zu exponieren. Fast die Hälfte der befragten Virologen (47,7 Prozent) empfinden die Medienberichte als sensationslüstern, fast ebenso viele (46,2 Prozent) vermissen eine sachliche Expertendebatte, in der unterschiedliche Einschätzungen gegenübergestellt werden. 33,5 Prozent sind der Meinung, "Spinnern" werde zu viel Raum gegeben.

Die Ergebnisse seien den Studienleitern zufolge erwartbar gewesen. "Sie decken sich mit den Aussagen von renommierten Virologen wie etwa Christian Drosten", sagt Moritz. "Es kann natürlich sein, dass die Meinung von medial präsenten Virologen auch etwas beeinflusst." Die Ergebnisse hätten jedoch auch eine große Unsicherheit unter den Virologen gezeigt.

Die Umfrage gelte als erstes Stimmungsbild der Berufsgruppe in Deutschland, so Moritz. "Eine Studie ist keine Studie", sagte er. "Sie könnte jetzt noch in regelmäßigen Abständen wiederholt werden, um die Ergebnisse zu erhärten."

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