Vorgehen bei möglichen Infektionen So testet Deutschland auf Covid-19

Warum wird nicht jeder mit Symptomen auf Coronavirus getestet? Wissen Hausärzte, was zu tun ist? Derzeit gibt es viel Kritik am Vorgehen der Behörden. Alles Wichtige zum Testverfahren.
Covid-19: Roxana Sauer, die Ärztliche Leiterin des Medizinischen Versorgungszentrums an der Kreisklinik Groß-Gerau

Covid-19: Roxana Sauer, die Ärztliche Leiterin des Medizinischen Versorgungszentrums an der Kreisklinik Groß-Gerau

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Andreas Arnold/ dpa

Derzeit steigt in Deutschland täglich die Zahl der bestätigten Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus: Am 2. März waren es noch 150 Fälle, am 5. März (Stand 8 Uhr morgens) bereits 349. Aber wie viele unentdeckte Erkrankungen gibt es hierzulande? Aktuell kann sich nicht jeder, bei dem der Hals kratzt, auf eine Infektion mit Sars-CoV-2 testen lassen. Das wäre auch nicht sinnvoll, denn die Wahrscheinlichkeit ist viel höher, dass eine banale Erkältung oder eine beginnende Grippe die Beschwerden verursacht - und die Tests sind teuer, die Möglichkeiten begrenzt.

Trotzdem fragen sich viele Menschen mit Erkältungsbeschwerden, ob sie nicht doch besser auf das Coronavirus getestet werden sollten. Und sind verunsichert, wenn sie zwar nicht getestet werden, aber dennoch verstärkt darauf achten sollen, dass sie niemanden anstecken. Wie passt das zusammen?

Momentan legen die zuständigen Behörden den Fokus vor allem darauf, eine Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern oder mindestens deutlich zu verlangsamen. Inzwischen gehen viele Experten davon aus, dass es nicht möglich sein wird, das Virus noch komplett einzudämmen. Das bedeutet: Wahrscheinlich werden sich sehr viele Menschen anstecken. Entscheidend ist dabei, in welchem Zeitraum das passiert.

Je schneller ein Ausbruch läuft, desto stärker belastet - möglicherweise überlastet - er das Gesundheitssystem. Solange möglichst wenige Menschen gleichzeitig an Covid-19 erkranken, können Arztpraxen dies bewältigen, haben Kliniken genug Kapazitäten, die schwer Erkrankten zu behandeln. Hinzu kommt, dass sich in Deutschland aktuell noch immer mehrere Hundert Menschen täglich mit der Grippe infizieren. Ein weiteres Ziel ist deshalb, eine größere Corona-Epidemie so lange hinauszuzögern, bis die Grippewelle abgeklungen ist.

Gerade jetzt ist es deshalb wichtig, genau zu verfolgen, wer sich angesteckt hat. Nur so lassen sich auch Kontaktpersonen der Infizierten schnell finden und unter häusliche Quarantäne stellen, damit sie bei einer tatsächlichen Infektion das Virus nicht weitergeben.

Wie viele Tests durchgeführt werden - und wer getestet werden sollte

Deutschlands Labore haben Kapazitäten für rund 12.000 Corona-Tests pro Tag, erklärte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) am Dienstag. Derzeit fehlen jedoch verlässliche Zahlen dazu, wie viele Tests bislang durchgeführt wurden. Erste Erhebungen - auf Basis von rund 60 Prozent der Labore im ambulanten Bereich - besagen laut KBV, dass allein in der vergangenen Woche 10.700 Menschen in Deutschland getestet wurden. Darunter seien bis zum Ende der Woche etwa 130 Fälle bestätigt worden.

Wirklich aussagekräftig sind diese Zahlen jedoch erst, wenn die Gesamtzahl der durchgeführten Tests bekannt ist. Das ist wichtig, um zu schauen, ob die vorhandenen Ressourcen, sowohl an Material als auch an Personal, für einen größeren Ausbruch reichen. Daneben aber auch, um durch das Verhältnis von positiven zu negativen Testergebnissen - also denjenigen, bei denen das Virus nicht nachgewiesen wurde - bessere Erkenntnisse über die Verbreitung von Sars-CoV-2 zu gewinnen.

Nach der Empfehlung des Robert Koch-Instituts (RKI)  sollte umgehend auf Sars-CoV-2 getestet werden:

  • wer Erkältungsbeschwerden hat und innerhalb der 14 Tage vor Erkrankungsbeginn Kontakt zu einem bestätigten Covid-19-Fall hatte, oder 

  • wer Erkältungsbeschwerden hat und sich in den 14 Tagen vor Beginn der Beschwerden in einem Risikogebiet aufgehalten hat. Als solche gelten momentan verschiedene Provinzen in China, Iran, Italien und Südkorea. (Eine aktuelle Liste der Risikogebiete findet sich hier .)

Abgesehen davon können Hausärzte den Test aber auch anordnen, wenn jemand in einer Region war, die zwar nicht offiziell als Risikogebiet gilt, in der sich das Virus aber trotzdem verbreitet - etwa im Kreis Heinsberg in NRW. Voraussetzung ist immer, dass die Betroffenen auch Erkältungssymptome zeigen.

Seit Ende Februar übernehmen die Krankenkassen die Kosten für den Test - wenn der behandelnde Arzt entschieden hat, dass er notwendig ist. "Umfängliche Testungen von klinisch Gesunden - sozusagen ins Blaue hinein - sind medizinischer Unfug", sagte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen. "Die Ressourcen sollten für solche Fälle genutzt werden, in denen es einen medizinisch begründeten Verdacht gibt."

Lange Odysseen statt schneller Tests

In den vergangenen Tagen gab es allerdings auch bei der Abklärung solcher Verdachtsfälle Probleme, wie Leserinnen und Leser dem SPIEGEL berichten. Manche schildern Odysseen, bei denen sie vom Gesundheitsamt an den Hausarzt verwiesen werden, von dort an die Klinik, von dort an die Nummer 116117 und von dort wieder zurück zum Gesundheitsamt, das erneut den Hausarzt als zuständig ansah.

Ähnlich erging es auch SPIEGEL-Reporter Juan Moreno, der für eine Recherche zum Coronavirus nach Italien reiste, bis an die Grenze des Gebiets, das südöstlich von Mailand zur Quarantänezone erklärt wurde. Zurück in Berlin entwickelte er leichten Husten, seine Nase lief schon während der Reise etwas. Trotzdem gelang es ihm erst nach unzähligen Telefonaten, sich testen zu lassen - weil er einen persönlichen Kontakt zu einem Arzt hatte (die ganze Geschichte lesen Sie hier ).

Am Mittwoch räumte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ein, dass der Kampf gegen die schnelle Ausbreitung des Virus derzeit nicht optimal läuft. "Es dauert teilweise noch zu lange, bis Verdachtsfälle getestet werden", sagte er. Die zuständigen Akteure stünden unter großem Druck.

Wie Hausärzte mit einem Corona-Verdacht umgehen sollen

Unsicherheit beheben soll auch ein Leitfaden, den die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (Degam) am Dienstag für ihre Mitglieder herausgegeben hat. Meldet sich ein Patient wegen einer möglichen Coronavirus-Infektion, sollen die Ärztinnen und Ärzte demnach erst einmal abklären, ob ein begründeter Verdacht besteht, also ob der Patient Kontakt zu einem Covid-19-Patienten hatte oder in einem Risikogebiet war. (Hier finden Sie die Orientierungshilfe zur Verdachtsabklärung des RKI für Ärztinnen und Ärzte ).

Wie man das Testsystem in Deutschland ausbauen will

Verschiedene Bundesländer rüsten sich derzeit für einen größeren Ausbruch. Das Gesundheitsministerium in Schleswig-Holstein teilte etwa am Donnerstag mit, die Testmöglichkeiten außerhalb der Arztpraxen zu erweitern. Es soll mehr Hausbesuche geben, ohne dass die Arbeit der niedergelassenen Ärzte eingeschränkt wird. Außerdem sollen Anlaufstellen außerhalb der Praxen geschaffen werden - voraussichtlich in Form von Zelten oder Containern. Dort sollen Abstriche für die Tests gemacht werden, ohne dass die Patienten das Wartezimmer betreten müssen. Ziel ist, so das Risiko von geschlossenen Arztpraxen zu reduzieren und Schutzkleidung effizienter einzusetzen.

Auch in Südhessen gibt es seit dem Wochenende eine alternative Testmöglichkeit: Die Kreisklinik in Groß-Gerau nimmt Abstriche durch das Autofenster - eine Art Drive-in für Corona-Tests. Für die Klinik bietet das Verfahren große Vorteile: Verdachtsfälle blieben sozusagen "in ihrer eigenen Quarantänestation", erklärte Geschäftsführerin Erika Raab. Die medizinische Fachkraft, die die Abstriche nimmt, trage Schutzkleidung. Andere Klinikbedienstete und Patienten kämen mit dem Patienten nicht in Berührung.

Als Vorbild für Deutschland könnte Südkorea dienen, das derzeit einen der größten Ausbrüche weltweit bewältigen muss. In dem Land haben mehrere Städte sogenannte Corona-Drive-ins eingerichtet, in denen sich Autofahrer kostenlos testen lassen können, ohne aussteigen zu müssen. Das Ergebnis erfahren sie zwei Tage später per SMS.

DER SPIEGEL

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass auch der Kontakt mit einem Menschen, der wahrscheinlich infiziert ist, bei dem aber noch der Nachweis fehlt, ein Grund für einen Test sein kann. Das Robert Koch-Institut hat seine Empfehlungen inzwischen überarbeitet und diesen Punkt gestrichen.