Änderung der Teststrategie Die Schnelltests kommen – was Sie jetzt wissen müssen

Trotz steigender Infektionszahlen und hochansteckender Mutanten will die Regierung die Corona-Maßnahmen lockern. Können strategisch eingesetzte Schnelltests die Öffnungsschritte abfedern?
Schnelltests an Schulen: Bringt das was?

Schnelltests an Schulen: Bringt das was?

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Ronny Hartmann / dpa

Es klingt wie ein neues Mantra, das uns aus der Pandemie führen und zumindest Teile unseres alten Lebens zurückgeben soll: viel impfen und viel testen. Denn obwohl die Infektionszahlen wieder leicht steigen, beraten Bund und Länder am Mittwoch über vereinzelte Lockerungen – trotz der sich rasch ausbreitenden Sars-CoV-2-Variante B.1.1.7.

Impfen und testen: Die Bundesregierung verspricht sich von der Impfkampagne einerseits und einem massenhaften Einsatz von Schnell- und Selbsttests andererseits, die Auswirkungen von Geschäftsöffnungen und weniger Kontaktbeschränkungen abzufedern und Infektionen und Ausbrüche rechtzeitig zu entdecken. Kann das klappen? Der Überblick:

Wie funktionieren Schnelltests und wie zuverlässig sind sie?

Antigen-Schnelltests weisen nicht Sars-CoV-2 selbst nach, sondern mit dem Virus verbundene Proteine. Der wichtigste Unterschied zum sogenannten Goldstandard PCR ist, dass PCR-Tests sehr sensibel reagieren und schon bei einer geringen Konzentration von Viren ein positives Ergebnis anzeigen können.

Antigentests hingegen brauchen eine große Menge an Viren, schlagen also oft nur an, wenn eine Person gerade sehr infektiös ist und die Probe richtig entnommen wurde. Die Schnelltests zeigen innerhalb von 15 Minuten ein Ergebnis auf einem dafür vorgesehenen Teststreifen an, ähnlich einem Schwangerschaftstest. Die Probe muss also nicht erst zum Auswerten ins Labor geschickt werden. Allerdings muss aufgrund der geringeren Zuverlässigkeit von Schnelltests bei einem positiven Ergebnis zusätzlich ein PCR-Test gemacht werden.

Eine Überblicksstudie, die vorerst als Preprint veröffentlicht wurde , also noch nicht von unabhängigen Fachexperten geprüft wurde, fand heraus, dass die bislang verfügbaren Antigen-Schnelltests bei richtiger Anwendung in der ersten Woche nach Symptombeginn durchschnittlich mindestens 88 Prozent der Infektionen entdecken. Allerdings ist eine mit Sars-CoV-2 infizierte Person in der Regel bereits vor Symptombeginn hochansteckend. Dennoch betonen die Wissenschaftler, dass die Antigen-Schnelltests ein wirksames Mittel in der Pandemiebekämpfung sein können, da sie immer noch die Mehrheit der positiven Fälle erkennen.

Woher bekomme ich einen Schnelltest?

Bislang waren diese Tests ausschließlich für die professionelle Anwendung durch geschultes Personal zugelassen, da normalerweise ein Nasen-Rachen-Abstrich entnommen werden muss. Sie wurden hauptsächlich in Pflegeheimen oder Krankenhäusern eingesetzt. Inzwischen werden sie auch in Schulen oder Unternehmen angewandt – Voraussetzung ist eine Schulung des Personals.

Bund und Länder beraten nun über die strategische Umsetzung einer neuen Teststrategie. Unternehmen sollen etwa ihren Mitarbeitenden einen kostenlosen Schnelltest pro Woche zur Verfügung stellen, heißt es in einer Beschlussvorlage. Ab kommender Woche sollen zudem alle asymptomatischen Bürger etwa in einem Testzentrum, einer Arztpraxis oder Apotheke mindestens ein Mal pro Woche kostenlos einen Corona-Schnelltest vornehmen lassen können. Die Kosten dafür will der Bund tragen (pro Schnelltest werden rund 18 Euro veranschlagt). Ein Problem dabei ist, dass die Schnelltests noch nicht in ausreichender Menge verfügbar sind.

Was ist mit den Selbsttests für zu Hause?

Erst vergangene Woche waren in Deutschland erstmals Corona-Selbsttests zur Anwendung durch Laien freigegeben worden. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat mittlerweile Sonderzulassungen für sechs Produkte erteilt; voraussichtlich ab 9. März sollen sie in Drogeriemärkten erhältlich sein. Bei den Tests zur Selbstanwendung werden die Proben durch einen Abstrich im vorderen Nasenbereich entnommen. Dieser kann durch Laien sicher durchgeführt werden. Auch Gurgel- und Speicheltests sind in der Entwicklung.

Ein Problem der Selbsttests für zu Hause ist, dass ein positives Testergebnis durch einen PCR-Test bestätigt werden muss. Das heißt, die Bürgerinnen und Bürger müssen nach einem positiven Selbsttest eigenverantwortlich handeln, sich sofort isolieren und telefonisch einen Termin beim Hausarzt oder in einem Testzentrum vereinbaren. Auch alle Kontaktpersonen der vergangenen Tage sollten schnellstmöglich informiert werden.

Da ein positiver Selbsttest nicht automatisch dem Gesundheitsamt gemeldet wird, kann dies aber nicht überprüft werden. Auch die Quarantäne kann erst offiziell angeordnet werden, wenn das Gesundheitsamt von der Infektion erfährt.

Kritiker bemängeln zudem, dass Menschen mit einem negativen Schnelltest-Ergebnis sich in falscher Sicherheit wiegen könnten. »Allen Menschen sollte klar sein, dass die Testergebnisse immer nur eine Momentaufnahme darstellen«, sagte etwa Ärztepräsident Klaus Reinhardt und forderte übersichtliche und leicht verständliche Informationen für einen verantwortungsvollen Umgang mit Selbsttests. Auch bei einem negativen Testergebnis müssen Abstand, Maskenschutz und Hygieneregeln eingehalten werden.

Dennoch sind die Selbsttests ein weiteres Mittel, das zur Infektionseindämmung beitragen kann: Denn sie finden hochansteckende Personen zuverlässig. Wer sich regelmäßig zu Hause testet und sich bei einem positiven Testergebnis sofort isoliert, kann wesentlich dazu beitragen, die Pandemie effektiv einzudämmen – auch, weil man den Kontakt zu anderen vermeiden kann, etwa zu medizinischem Personal oder zu Mitreisenden bei der Bahnfahrt zum Testzentrum.

Zudem sorgen Selbsttests für Schnelligkeit: Bisher vergehen im Schnitt rund vier Tage, bis ein Infizierter zum ersten Mal Kontakt mit dem Gesundheitsamt hat. Vier Tage, in denen eine Person potenziell andere anstecken könnte. Ein Grund dafür ist, dass viele oft einen bis zwei Tage warten, bis sie zum Arzt gehen und sich testen lassen.

Die Hürde, einen Corona-Test zu machen und sich bei einem positiven Ergebnis sofort zu isolieren, ist geringer, wenn der Test neben dem Zahnputzbecher liegt und nichts oder nur wenig kostet. Kontakte können schneller informiert und Infektionsketten schneller unterbrochen werden. Selbst wenn mit den Schnelltests nicht alle infektiösen Menschen zuverlässig gefunden werden, ist das immer noch besser, als gar keine zu finden.

Wo kann ich die Tests für zu Hause kaufen und wie teuer sind sie?

Die Antigen-Schnelltests für die Anwendung zu Hause könnten schon bald in Drogerie- und Supermärkten in großem Stil verfügbar sein. Die Drogerieketten Rossmann und dm rechnen damit, dass die Tests ab dem 9. März in ihren Märkten zu kaufen sein werden. Aldi kündigte am Mittwoch an, die Tests ab Samstag an der Kasse verkaufen zu wollen. Auch in Apotheken sollen die Tests zu kaufen sein. Da es jedoch anfangs vermutlich nicht ausreichend Tests geben wird, wird es vermutlich zunächst eine Abgabebeschränkung geben. Bei Aldi etwa soll der Verkauf auf eine Fünferpackung á 25 Euro pro Person limitiert sein.

Wie teuer die Selbsttests sein könnten, dazu machte noch kein Unternehmen konkrete Angaben. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte ursprünglich von einer Selbstbeteiligung von einem Euro gesprochen.

In anderen Ländern sind die Heimtests schon längst verfügbar. In Deutschland gelten Mindestkriterien, die Schnelltests erfüllen müssen, damit der Bund deren Kosten übernimmt. Das BfArM prüft derzeit viele Tests und führt eine Liste mit entsprechenden Produkten . Diese werden vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) unabhängig überprüft.

Was kann die neue Teststrategie leisten und was nicht?

Die meisten Expertinnen und Experten sind sich einig: Schnelltests können PCR-Tests nicht ersetzen, sehr wohl aber ergänzen. Denn mit dem unkomplizierten und günstigeren Verfahren könnte man Menschen erreichen, die sich bislang nicht testen lassen wollen oder können – entweder, weil ihnen der Aufwand zu hoch ist, das Ergebnis zu lange dauert oder ein freiwilliger Test asymptomatischer Personen derzeit nicht von der Krankenkasse bezahlt wird.

Werden Schnelltests häufig eingesetzt, etwa zweimal pro Woche, steigt die Wahrscheinlichkeit, positive Fälle zu finden. Die erhöhte Frequenz der Testungen und ihre schnellen Ergebnisse könnten dann ausgleichen, dass die Antigen-Tests weniger empfindlich sind als PCR-Tests.

Einige Länder und Regionen wie etwa Österreich oder Südtirol haben den breitflächigen Einsatz von Schnelltests bereits seit Monaten erprobt. In Österreich, wo seit Anfang Februar der Unterricht wieder läuft, wurden seitdem bereits 1500 infizierte Schülerinnen und Schüler per Schnelltest gefunden, die sonst vielleicht unentdeckt geblieben wären. Diese werden laut österreichischem Bildungsministerium sofort isoliert und per PCR getestet. In dem Land gibt es darüber hinaus vielfältige Möglichkeiten, sich kostenlos testen zu lassen. Die Regierung setzt darauf, der Pandemie somit ohne weitere Lockdowns zu begegnen. Derzeit liegt die Sieben-Tage-Inzidenz allerdings deutlich über der deutschen.

Südtirol hingegen konnte den Lockerungen nicht mit Schnelltests entgegenwirken: Die norditalienische Region musste vergangenen Monat einen sehr harten Lockdown  mit Ausgangssperre verhängen, da die Mutation B.1.1.7 zirkuliert und die Fallzahlen drastisch in die Höhe schnellten – trotz massiven Einsatzes von Schnelltests.

Die Beispiele zeigen, wie wichtig es ist, die Vor- und Nachteile der Schnelltests klar zu kommunizieren: Denn falsch-negative Ergebnisse könnten dazu führen, dass Menschen unvorsichtiger sind und die Hygienemaßnahmen nicht mehr einhalten, obwohl sie eigentlich infiziert sind. Falsch-positive Ergebnisse wiederum können bedeuten, dass sich Menschen unnötig isolieren – jedoch nur so lange, bis das Ergebnis durch einen PCR-Test verifiziert ist.

Die Message müsste also heißen: Schnelltests sind besser als gar nicht testen, und je häufiger man sich testet, desto zuverlässiger ist auch das Ergebnis. Wer ein negatives Schnelltest-Ergebnis hat, kann die Großeltern mit Maske und Abstand besuchen. Wer ein positives Ergebnis hat, muss sich umgehend isolieren, seine Kontakte informieren und einen PCR-Test machen.

Mit Material von AFP und dpa