Julia Merlot

"Covidioten" Sinnlose Debatten

Julia Merlot
Ein Kommentar von Julia Merlot
Die Corona-Demonstrationen zeigen einmal mehr, dass viele Menschen abstrusen Theorien anhängen. Die Extremisten in Schutz zu nehmen, ist gefährlich.
Demonstration gegen Corona-Maßnahmen: Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner

Demonstration gegen Corona-Maßnahmen: Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner

Foto: Maja Hitij/ Getty Images

Die meisten Menschen in Deutschland haben verstanden, worauf es in der Coronakrise ankommt: Sie tragen in öffentlichen und geschlossenen Räumen eine Maske, halten mindestens eineinhalb Meter Abstand und treffen sich, wenn möglich, im Freien. Es sind vergleichsweise überschaubare Einschränkungen, die die Ausbreitung des Virus eindämmen und damit erneute schwere Beeinträchtigungen des öffentlichen Lebens verhindern können.

Einer Minderheit ist das jedoch zu viel. Am Wochenende haben sich Menschen in Berlin versammelt, um jene Regeln zu brechen und für mehr "Freiheit" zu demonstrieren. Dabei sind es gerade diese einfachen Vorgaben, die Freiheiten ermöglichen. Die Menschen propagierten teils abstruse Thesen, übten den Schulterschluss mit Rechten und reagierten feindselig auf Pressevertreter.

Obwohl die Mehrheitsverhältnisse von Vernunft und Irrglaube in der Coronakrise klar verteilt sind, wird seit Sonntag breit über die Versammlung der etwa 20.000 Menschen diskutiert. Ihre Behauptungen werden ernsthaft abgewogen. Zum Vergleich: Beim Christopher Street Day demonstrierten laut Polizeiangaben im vergangenen Jahr rund 250.000 Menschen, wenig später nahmen an der Klimaschutzdemo in Berlin nach Polizeiangaben 100.000 Menschen teil.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Dass die Corona-Proteste nun dennoch verhältnismäßig viel Aufmerksamkeit bekommen, liegt unter anderem daran, dass Politiker diskutieren, das Versammlungsrecht einzuschränken - und daran, dass die SPD-Vorsitzende Saskia Esken die Demonstranten "Covidioten" genannt hat. Einige Kommentatoren verleitete die unkluge Beleidigung gar dazu, etwas ebenso Unkluges zu tun und die Menschen auf der Straße und ihre teils kruden Thesen zu verteidigen.

Schon war eine Debatte geboren, die eigentlich keine sein müsste.

Worüber wir wirklich debattieren sollten

Beleidigungen und Verbote drängen die Demonstranten in ihre oft bemühte Opferrolle. Parteinahme erweckt den Eindruck, die teils abwegigen Behauptungen hätten eine faktische Grundlage. Und es gibt einen nicht zu unterschätzenden Kollateralschaden von Beschimpfungen: Sie erschweren den Dialog mit all jenen, die sich noch nicht entschieden haben, ob sie den eher abseitigen Theorien glauben sollen oder auf den grundlegenden wissenschaftlichen Konsens vertrauen.

Dabei ist dieser Konsens entscheidend, um überhaupt über den gesellschaftlich vertretbaren Umgang mit der Pandemie diskutieren zu können. Der kleinste gemeinsame Nenner jeder vernünftigen Debatte sind die Fakten. Erst die Verständigung über diese Grundlage ermöglicht es, mit Aussicht auf ein Ergebnis darüber zu sprechen und zu streiten, wie wir als Gesellschaft mit der Pandemie umgehen sollen. Diese Debatte ist von großer gesellschaftlicher Relevanz und wichtig für den Alltag jedes Einzelnen.

Wie kann Menschen geholfen werden, die schon jetzt durch die Pandemie in existenzielle Nöte geraten sind? Welche Regeln sollten am Arbeitsplatz, in Schulen und Kindergärten gelten? Zu diesen Fragen ist eine kontroverse Debatte nötig und willkommen.

Fakten sind Fakten sind Fakten

Es ist das gute Recht von Bürgern, abwegige Thesen zu äußern, gleichzeitig aber essenziell für eine produktive Debatte, Falschaussagen nicht einfach stehen zu lassen oder gar als etwas andere Weltsicht zu verharmlosen und so zu verteidigen. In letzter Konsequenz geht es in der Diskussion über Maßnahmen gegen das Coronavirus um Menschenleben. In anderen Bereichen des Lebens mag sich die Mehrheit manchmal irren, in der Wissenschaft ist das, was die Mehrheit der Forscher nach intensiven Untersuchungen grundlegend für richtig befindet, in aller Regel tatsächlich richtig.

Nach monatelangen Pandemiewellen in vielen verschiedenen Ländern gibt es heute eine gut gesicherte Wissensbasis zum Coronavirus, einen Konsens unter den Menschen, die sich ihr ganzes Berufsleben lang mit Viren beschäftigt haben. Es handelt sich hier um die zum aktuellen Zeitpunkt wahrscheinlichste Wahrheit - das Beste, was wir haben. Man könnte auch sagen: um Fakten.

Nicht zur Debatte steht daher Folgendes:

  • Es gibt Sars-CoV-2.

  • Das Virus ist gefährlicher als die Grippe, denn es befällt eine Vielzahl von Organen und ist für den menschlichen Organismus neu - wir sind nicht gewappnet dagegen, dadurch kann es sich leicht ausbreiten.

  • Es wird über Tröpfchen und über die Luft übertragen.

  • Der Erreger verursacht eine erhebliche Anzahl zusätzlicher Todesopfer, wenn er unkontrolliert zirkuliert.

Wer diese Fakten anerkennt, wird einer Maskenpflicht in bestimmten Bereichen und Abstandsregeln grundsätzlich zustimmen - und kann dann über die Details diskutieren und erwarten, gehört und ernst genommen zu werden. Wer jedoch schon daran zweifelt, dass es das neue Coronavirus überhaupt gibt oder es in irgendeiner Form beachtet werden sollte, der hat sich so weit von der Realität entfernt, dass jede weitere Debatte sinnlos ist.

Für den Umgang mit Corona-Leugnern gilt daher das Gleiche wie für den mit Rechtsextremen: Mit Extremisten zu reden, ist sinnlos. Mit Menschen, die Zweifel, berechtigte Sorgen und Fragen haben, ist es unbedingt nötig.

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