Christoph Seidler

Debatte über Maskenpflicht Die Dinger nerven. Na und?

Christoph Seidler
Ein Kommentar von Christoph Seidler
Deutschland diskutiert über die Maskenpflicht im Kampf gegen Corona. Mal wieder. Dabei ist die Sache ganz einfach: Wer beim Einkaufen oder in der Bahn keine Maske trägt, handelt asozial.
Biergartenbesucher in München: Mia san Maske

Biergartenbesucher in München: Mia san Maske

Foto: Lino Mirgeler/ DPA

Es braucht gerade nicht viel zum Rebellen. Ein bisschen an der Maske gezuppelt - und fertig. Wer dieser Tage in einem Supermarkt, einem Möbelhaus oder einem Gartencenter unterwegs ist, sieht immer mehr Gelegenheits-Outlaws: Ihr Mund-Nasen-Schutz bedeckt gerade noch so die Lippen oder hängt - ganz kess - komplett unterm Kinn.

Ungefähr zehn Wochen nach der Einführung der Maskenpflicht gibt es bundesweit nur noch gut 5000 aktive Corona-Fälle. Der allgegenwärtige - und ohne Zweifel lästige - Mund-Nasen-Schutz als Anti-Pandemie-Maßnahme erscheint dem einen oder der anderen da als verzichtbar.

Zumindest ein Teil der Deutschen hat offenbar so richtig keinen Bock mehr, beim Einkauf und in öffentlichen Verkehrsmitteln eine Maske zu tragen. Auch die Zeiten, in denen sich das Personal noch über Regelverletzungen echauffierte, sind anscheinend weitgehend vorbei. Irgendwie verständlich, man will vermutlich nicht noch mehr Stress.

Eine Empfehlung zum Maskentragen reicht nicht

Der Wirtschaftsminister Mecklenburg-Vorpommerns, Harry Glawe von der CDU, hat nun eine politische Debatte begonnen, indem er sich am Wochenende für ein Ende der Maskenpflicht aussprach. Dabei verwies er explizit auf Interessen des Handels. Sein niedersächsischer Amtskollege Bernd Althusmann, ebenfalls CDU, unterstützte ihn dabei und schlug vor, die "Maskenpflicht im Einzelhandel in den kommenden Monaten in eine Empfehlung" umzuwandeln.

Das ist, vorsichtig ausgedrückt, keine gute Idee. Auch wenn sich Robert Koch-Institut und Weltgesundheitsorganisation lange um entsprechende Empfehlungen drückten, auch wenn es erst im Verlauf der Pandemie nach und nach wissenschaftliche Belege gab: Gut sitzende Alltagsmasken können einen Beitrag dazu leisten, die Pandemie im Zaum zu halten.

Sie kosten wenig, stören minimal und wirken

Ein selbst genähter Mund-Nasen-Schutz taugt vielleicht nicht für den Operationssaal eines Krankenhauses, für die Obstabteilung eines Supermarkts aber schon. Zumal die Kosten extrem überschaubar sind und der großflächige Einsatz das gesellschaftliche Leben - mit der Ausnahme von Gehörlosen - nicht beeinträchtigt. Zusammen mit Abstandsregeln sind die Masken die niedrigschwelligste und am wenigsten störende Maßnahme im Kampf gegen eine zweite Pandemiewelle.

Und diese Pandemie läuft, auch wenn wir das mit einem eingeschränkten Blick nur auf Deutschland vielleicht nicht sehen wollen, mit großer Geschwindigkeit weiter: Jeden Tag gibt es weltweit rund 200.000 neue Fälle. So zu tun, als lebten wir hier auf einer Insel der Seligen, ist Augenwischerei.

Und auch dabei helfen die Masken: Sie erinnern uns daran, dass die Infektionswelle noch immer rollt, dass sie uns auch wieder mit verstärkter Wucht treffen kann. Gut, wenn wir dann wissen, was hilft: Abstand zu anderen Menschen, die Corona-App zum einfacheren Nachverfolgen von Infektionsketten - und die Mund-Nasen-Bedeckung.

Auch mal an andere denken

Klar, die Dinger nerven. Die Brille beschlägt, man fühlt sich womöglich eingeengt. Aber ganz ehrlich: na und? Die Sache mit der beschlagenen Brille lässt sich mit ein paar Kniffen lösen. Und was das Atmen angeht: Die Masken behindern den Fluss von Sauerstoff nicht. Ehrlich. Alles andere ist Einbildung.

Masken, so muss man es sagen, sind Dienst an der Allgemeinheit. Man trägt sie nicht, um sich selbst zu schützen. Man schützt andere. Und man vertraut darauf, dass andere dasselbe für einen selbst tun. So schwer ist das nicht. Außer vielleicht, man heißt Donald Trump. Aber der US-Präsident hat's ja, trotz gegenteiliger Bekundungen, eh nicht so mit dem Dienst an der Allgemeinheit, eher an sich selbst.

Ein Schaffner spricht ein wahres Wort

Eine Kollegin berichtete folgendes Erlebnis aus der Bahn: Ein Schaffner kommt zur Fahrkartenkontrolle in den Wagen, woraufhin diverse Leute an ihren Masken herumfummeln. Der Mann sagt: "Wegen mir müssen Sie Ihre Masken nicht aufsetzen. Es geht hier nicht um irgendeine bescheuerte Schikane der Deutschen Bahn, sondern um Ethik. Sie schützen Ihre Mitmenschen und sich selbst. Das nicht zu tun, ist asozial." Und genau so ist es.

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Beim, sagen wir, Steuernzahlen liegen die Dinge ähnlich: Das macht auch niemand gern. Man muss es aber tun, nur so kann unser Gemeinwesen existieren. Und jeder, der Steuern zahlt, vertraut darauf, dass auch andere dies tun - und dass sie bestraft werden, wenn sie betrügen. Gut, auch hier ist die Interessenlage bei Donald Trump vielleicht etwas anders.

Kein Minister käme auf die Idee, eine "Empfehlung" zur Zahlung von Steuern anzuregen. Genauso wie eine Empfehlung unangemessen wäre, nicht in weitem Bogen ins Becken des Freibads zu pinkeln. Verbindliche Regeln ergeben in solchen Fällen schon Sinn, genau wie deren Einhaltung und Kontrolle. Genauso ist es auch mit den Masken.

Ausgerechnet Berlin zeigt, wie es geht

Die Minister Glawe und Althusmann haben für ihre Vorschläge viel Kritik zu hören bekommen, unter anderem von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) sowie CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer. Und SPD-Chef Norbert Walter-Borjans beschrieb die Masken als genau das, was sie sind: "eine Zumutung, aber eine zumutbare Zumutung".

Wie es geht, zeigt - überraschenderweise - gerade Berlin: Da war die Maskenpflicht in Tram, Bus und U-Bahn bisher ein zahnloser Tiger. Verstöße wurden kaum geahndet. Nun hat der Senat erstens ein Bußgeld für Verweigerer auf den Weg gebracht und zweitens der Verkehrsgesellschaft erlaubt, die Regel mit den 200 Angestellten des eigenen Sicherheitsdienstes durchzusetzen. Vielleicht bringen die ja auch den einen oder anderen Rebellen und Gelegenheits-Outlaw wieder auf Kurs.

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