Coronavirus-Verschwörungstheorien Die Gerüchte-Pandemie

Was sich noch schneller verbreitet als Viren: Gerüchte. Seit Beginn der Epidemie in China kursieren Spekulationen über den Ursprung des Coronavirus. Das steckt hinter den wilden Theorien.
Bill Gates

Bill Gates

Foto: DENIS BALIBOUSE/ REUTERS

Eine Epidemie hat immer etwas Unheimliches. Man fragt sich nicht nur, wie es weitergeht, sondern auch, wie die Krankheit so plötzlich auftauchen konnte. Während Forscherinnen und Forscher sich zunächst nur vorsichtig äußern und die Grenzen des aktuellen Wissens erläutern, sind bereits scheinbar einfache Erklärungen im Umlauf: Gerüchte, die schlicht Ängste schüren oder uns weismachen wollen, dass jemand hinter der Krankheit steckt, dass jemand profitiert. Manchmal haben die Geschichten zwar einen wahren Kern, mehr aber nicht. Ein Überblick.

Gerücht: Bill Gates wusste schon im Oktober vom nCoV-Ausbruch

Am 18. Oktober 2019 haben die Bill und Melinda Gates Stiftung, das Weltwirtschaftsforum und das Johns Hopkins Center for Health Security zu Übungszwecken ein Pandemie-Szenario simuliert. Dies sollte zum Beispiel aufzeigen, wie Regierungen, Behörden und Unternehmen in diesem Krisenfall am besten zusammenarbeiten. Beim "Event 201" - so hieß die Veranstaltung - war der Auslöser der weltweiten Pandemie ein fiktives Coronavirus. Die Veranstaltung konnte per Livestream verfolgt werden, die Videos sind hier abrufbar .

Wegen der nun kursierenden Gerüchte stellt Johns Hopkins sogar klar : Nein, die Veranstaltung hat nicht den aktuellen Ausbruch vorhergesagt. Es war ein Krisenszenario mit einer erfundenen Coronavirus-Pandemie, keine Vorhersage oder Prognose. "Wir sagen auch jetzt nicht vorher, dass der Ausbruch 65 Millionen Menschen töten wird. Zwar hat unsere Übung ein fiktives Coronavirus beinhaltet, aber die dafür genutzten Modelle waren nicht mit nCoV-2019 vergleichbar."

Zusammengefasst: Zwar fand im Oktober ein Krisenszenario zu einer fiktiven Coronavirus-Pandemie statt. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass deren Teilnehmer bereits wussten, dass ein Ausbruch mit einem neuartigen Coronavirus bevorsteht.

Eine ähnliches Gerücht könnte man auch zur Schweinegrippe-Pandemie von 2009/2010 erzählen: 2007 nämlich simulierte  das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe eine weltweite Influenza-Pandemie - als hätten sie dort gewusst, dass diese kurz bevorstand!

Gerücht: Das Virus stammt aus einem Biowaffenlabor

In der chinesischen Millionenstadt Wuhan, die das Zentrum des Coronavirus-Ausbruchs ist, steht ein Hochsicherheitslabor  der sogenannten Stufe BSL-4 (biosafety level 4), der höchstmöglichen Sicherheitsstufe. In einem Labor wie dem Wuhan National Biosafety Laboratory können Forscher mit für den Menschen höchst gefährlichen Erregern arbeiten, beispielsweise dem Ebolavirus. Labore der Schutzstufe 4 sind recht rar. Dass ein Ausbruch in einer Stadt mit einem BSL-4-Labor beginnt, befeuert natürlich Gerüchte, dass der Erreger aus dem Labor stammen müsste. Dabei wäre für die Arbeit an einem Coronavirus gar keine Schutzstufe 4 nötig: Sars und Mers fallen als gefährlichere Vertreter der Coronaviren lediglich unter Schutzstufe 3 .

Dass Epidemien aus dem Labor stammen, ist kein besonders originelles Gerücht, es taucht bei vielen Ausbrüchen auf. So hieß es beispielsweise auch bei der Ebola-Epidemie 2014/2015 in Westafrika, das Virus komme aus einem "geheimen US-Labor", auch bei HIV gab es solchen Theorien .

Die "Washington Post"  hat Experten gefragt, ob das neuartige Coronavirus nCov-2019 in einem Labor erzeugt wurde. Diese haben die These als unwahrscheinlich zurückgewiesen.

Gerücht: Das Coronavirus ist patentiert

Ein weiterer alter Bekannter unter den Gerüchten rund um einen Krankheitsausbruch: Irgendjemand hat den Krankheitserreger patentiert - offensichtlich, um dann viel Geld an der folgenden Krise zu verdienen. Auf verschiedenen Seiten stehen nun lange Listen mit sämtlichen Patenten oder Patentanträgen, in denen das Wort "Coronavirus" auftaucht. Dort findet sich dann beispielsweise ein Patentantrag auf eine Methode , mit der sich Proteine und Antigene von mit Coronaviren infizierten Zellen sammeln lassen. Ein anderes Patent bezieht sich auf eine Coronavirus-Impfung für Hunde .

Was erst einmal verblüffen kann: Ja, es gibt Patente, die in engem Zusammenhang zu Krankheitserregern stehen. Allerdings kann sich niemand einfach ein Virus patentieren lassen, sondern muss schon etwas mehr tun: beispielsweise einen Erreger auf bestimmte Weise abschwächen, damit dieser als Lebendimpfung verwendet werden kann.

Wer zudem denkt, dass jedes Patent, in dem das Wort Coronavirus auftaucht, mit dem aktuellen Ausbruch zusammenhängt, irrt. Denn es gibt nicht das eine Coronavirus, sondern es handelt sich um eine große Virusfamilie - und was gegen das eine Virus hilft, muss keineswegs auch bei allen anderen nutzen. So wird der Patentinhaber der Impfung für Hunde wohl kaum vom Ausbruch in Wuhan profitieren.

Gerüchtesammlung per YouTube-Video: Was angeblich verschwiegen wird

In Deutschland verbreiten Nutzer anonym erfundene Berichte über Krankheitsfälle. Ein YouTube-Video, das nach Angaben des Recherchezentrums "Correctiv"  häufig via WhatsApp geteilt wurde, hat bisher rund 578.000 Aufrufe. Es zeigt unter anderem angeblich mit dem Coronavirus infizierte Menschen in China, die einfach umfallen. Der Nutzer veröffentlichte sein Video anonym, ohne Nachweis auf die Herkunft oder das Datum seiner Bilder.

Auch die chinesischen Aussagen, die teilweise in dem Video zu hören sind, bleiben ohne Untertitel und unkommentiert. Auf dem YouTube-Kanal des Nutzers sind zahlreiche Videos hochgeladen, die unter anderem auch die Waldbrände in Australien als konstruiert bezeichnen.

"Die Presse verschweigt uns mutmaßlich alle Informationen, die über das Coronavirus eigentlich zu erhalten sind", liest ein Sprecher in alarmistischem Tonfall vor. "Die Coronavirus-Pandemie ist weitaus schlimmer, als man euch Glauben machen will."

Bereits diese erste Aussage ist übertrieben und irreführend. Bislang bezeichnet weder die Weltgesundheitsorganisation WHO, noch das Robert Koch-Institut (RKI) den Coronavirus-Ausbruch als Pandemie, bei dem weltweit sehr viele Menschen betroffen wären. 

In dem rund zehnminütigen Video wird weiter behauptet, dass das Virus durch Flüssigkeiten übertragen wird, die die Lebenskraft des Virus sogar noch verstärkten und verlängerten. Der ARD-Faktenfinder  zitiert zu dieser Behauptung den Freiburger Virologie-Professor Hartmut Hengel: "Flüssigkeiten können die Infektiosität eines Virus nicht steigern. Es kann sich außerhalb eines Wirts überhaupt nicht vermehren." Zudem bleibe unklar, von welchen Flüssigkeiten überhaupt die Rede sei.

Eine weitere Behauptung: Das Virus verursache auch einen stark juckenden Hautausschlag mit roten Punkten und einem schwarzen Punkt in der Mitte. Auch das ist falsch: Das Virus verursacht Atemwegsbeschwerden, Fieber und in vielen Fällen eine Lungenentzündung.

Während am Ende des Videos die angeblichen Szenen aus China gezeigt werden, die der Nutzer aus sozialen Medien gesichert haben will, ruft er die Bevölkerung dazu auf, Menschenansammlungen zu vermeiden – und sein Video so oft wie möglich zu teilen.

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Die Verbreitung sogenannter Fake News ist ein weltweites Problem. Ein Faktencheck der Nachrichtenagentur AFP konnte etwa belegen, dass Berichte aus mehreren Regionen in Frankreich über angebliche Coronavirus-Erkrankungen gefälscht waren - die Verbreiter dieser Falschmeldungen nutzten dafür gefälschte Fotos von Nachrichtenseiten realer Medien, um ihre Behauptungen als echt auszuweisen.

Ebenfalls als gefälscht nachweisen konnte der AFP-Faktencheck ein tausendfach auf Facebook angesehenes Video, das angeblich einen Markt in der als Zentrum des Coronavirus geltenden chinesischen Stadt Wuhan zeigte. Auf dem Video waren Fledermäuse, Ratten, Schlangen und verschiedene Fleischsorten zu sehen, die dort verkauft wurden - die Aufnahmen stammten allerdings aus dem Jahr 2019 von einem Markt in Indonesien.

Verschiedene Beiträge in den Diensten Weibo, Twitter und Facebook zitierten einen der führenden chinesischen Experten für Atemwegserkrankungen mit der Empfehlung, sich zum Schutz vor einer Infektion den Mund mit Salzwasser auszuspülen. Das Team um den Experten wies diese Aussage aber zurück, Kochsalzlösungen könnten das neue Virus nicht töten.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) warnte am Mittwoch erneut vor Verschwörungstheorien rund um die Ausbreitung des Coronavirus. "Gerade in sozialen Medien sind viele mit ganz eigenen Interessen unterwegs, die Bürgerinnen und Bürger verunsichern wollen", sagte er den Fernsehsendern RTL und n-tv. Er habe den Eindruck, dass diese von außen oder innen die "Debatte in der Gesellschaft zersetzen wollen".

Aus diesem Grund setze er stark auf Transparenz, sagte er. Es sei immer schwer nachzuvollziehen, welches kursierende Video echt sei. Er könne deshalb die Bürger nur ermuntern, sich jenseits der sozialen Medien auch auf offiziellen Seiten zu informieren.