Virologin über Besonderheiten von Sars-CoV-2 Frau Ciesek, wie würden Sie das Coronavirus beschreiben?

Ein Virus hat unsere Welt verändert. Warum Sars-CoV-2 in mancher Hinsicht trotzdem gewöhnlich ist und weshalb wir optimistisch auf die Impfstoffforschung blicken können, erklärt eine Expertin.
Ein Interview von Nina Weber
Sandra Ciesek: "Impfstoffe gegen die Grippe haben wir. Im Moment bin ich deshalb optimistisch"

Sandra Ciesek: "Impfstoffe gegen die Grippe haben wir. Im Moment bin ich deshalb optimistisch"

Foto: Ellen Lewis / Universitätsklinikum Frankfurt

SPIEGEL: Frau Ciesek, wie würden Sie einem Menschen, der die vergangenen Monate verpasst hat, das Coronavirus beschreiben?

Ciesek: Ein neues Virus hat seit dem Dezember 2019 eine Pandemie ausgelöst. Dieses Virus ist sehr ansteckend und kann auch von Menschen übertragen werden, die noch keine Symptome haben. Obwohl viele Menschen und besonders Kinder zum Glück in den meisten Fällen nicht schwer erkranken, starben auf der Welt bereits Hunderttausende Menschen an der Erkrankung, die Covid-19 genannt wurde. Sie betrifft die Lunge, aber auch andere Organe. Nach einer Infektion kann es auch zu Folgeschäden kommen.

SPIEGEL: Ist es ungewöhnlich, dass Sars-CoV-2 neben der Lunge auch andere Organe befällt?

Ciesek: Es gibt auch andere Viren, die Schäden an verschiedenen Organen verursachen können. Das Hepatitis-E-Virus etwa, das in erster Linie eine Leberentzündung auslöst, kann auch Lähmungen der Schulter (neuralgische Schulteramyotrophie) oder das sogenannte Guillain-Barre Syndrom verursachen, eine Nervenkrankheit. Neu ist, dass das Coronavirus eine so große Anzahl Menschen gleichzeitig betrifft.

SPIEGEL: Bei Patientinnen und Patienten mit Covid-19 können neben der Lunge, die Nieren, das Herz, die Blutgefäße und das Gehirn geschädigt werden. Das ist schon eine große Bandbreite.

Ciesek: Noch ist allerdings nicht endgültig geklärt, welche Schäden das Virus selbst verursacht und welche Folge einer überschießenden Immunreaktion sind. Vermutlich spielt aber beides eine Rolle. Wie häufig die verschiedenen Schäden sind, wie lange sie anhalten, und bei welchen Menschen sie auftreten und wie man sie eventuell verhindern kann, ist noch nicht gut untersucht.

SPIEGEL: Ist es eigentlich eine Besonderheit des Coronavirus, dass manche Menschen die Infektion kaum bemerken, während andere schwer erkranken oder sogar sterben?

Ciesek: Nein, es ist nicht ungewöhnlich für ein Virus, dass manche Infizierten keine oder kaum Symptome entwickeln, während andere Menschen schwer erkranken. Auch bei anderen weit verbreiteten Erregern von Atemwegsinfektionen wie den Influenzaviren oder dem RS-Virus kommen Infektionen ohne Symptome ebenso vor wie lebensbedrohliche Verläufe. Ein weiteres Beispiel wäre Gelbfieber: Bei dieser zu Recht sehr gefürchteten Viruserkrankung verlaufen viele Infektionen mild oder asymptomatisch - es kommt aber auch zu sehr schweren und tödlichen Verläufen.

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SPIEGEL: Woran liegt das?

Ciesek: Viele verschiedene Faktoren entscheiden darüber, wie schwer eine Infektion verläuft. Wichtig ist natürlich das Immunsystem, das im Lauf des Lebens starken Veränderungen unterliegt. Ein Neugeborenes, ein Kleinkind, ein Erwachsener und ein älterer Mensch reagieren ganz unterschiedlich auf Infektionen, was beeinflussen kann, wie schwer eine Krankheit verläuft. Ein weiterer Faktor sind Vorerkrankungen, beispielsweise schon bestehende Schäden an der Lunge oder Krankheiten des Immunsystems. Auch Umwelteinflüsse wie Feinstaub spielen eine Rolle und der generelle Lebensstil, ob jemand zum Beispiel raucht. Nicht zuletzt beeinflussen unsere Gene in einem komplexen Zusammenspiel den Krankheitsverlauf. So kann es dazu kommen, dass zwei äußerlich sehr ähnliche, völlig gesunde Menschen ganz unterschiedliche Erkrankungsverläufe haben.

SPIEGEL: Wie kann man sein Risiko senken, im Fall einer Coronavirus-Infektion schwer zu erkranken?

Ciesek: Viele schwer Erkrankte sind Risikopatienten mit Vorerkrankungen. Was man selbst machen kann? Das, was ohnehin empfohlen wird: Sich gesund ernähren, sich bewegen. Das Wichtigste ist aktuell aber, die Hygieneregeln zu befolgen. Also Abstand zu halten und eine Maske zu tragen, wenn der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann. Und sich die Hände zu waschen - das ist sicherlich nicht der größte Faktor, aber hilft auch gegen andere Krankheitserreger.

SPIEGEL: Und was ist zum Beispiel mit Vitamintabletten?

Ciesek: Einen Mangel auszugleichen ist sinnvoll. Aber wer keinen Mangel hat, muss keine Tabletten schlucken. Wichtig ist, zum Beispiel bei Vitamin D, dass man es nicht unkontrolliert überdosiert. Denn sonst kann es sogar schaden.

SPIEGEL: Zum Teil kommen Studien zum Ergebnis, dass rund 40 Prozent der Infizierten keine Symptome hatten. Ist das verblüffend?

Ciesek: Es ist gar nicht so leicht zu entscheiden, ob eine Infektion ganz ohne Symptome, also asymptomatisch, verlief oder ob doch milde Symptome vorlagen. Vielleicht erinnern Sie sich an die Veröffentlichung im Fachblatt "NEJM"  zu den ersten Fällen in Deutschland. Zunächst hatte das Team geschrieben, die Patientin aus China sei asymptomatisch gewesen. Erst später ergaben Gespräche mit der Frau, dass sie einige leichte Symptome  hatte und eine Schmerztablette genommen hatte, um am nächsten Tag fit zu sein.

Wir haben kurz darauf Rückkehrer aus Wuhan untersucht , von denen zwei positiv waren, aber keine Symptome hatten. Nach der Aufregung um die andere Veröffentlichung haben wir die beiden Patienten wirklich sehr akribisch befragt, ob sie vielleicht irgendwelche Beschwerden hatten. Und einer, der erst gesagt hatte, er habe nichts, berichtete dann doch von Ohrenschmerzen und einem leichten Hautausschlag.

SPIEGEL: Kann ein sehr bohrendes Nachfragen denn nicht auch das Bild verzerren? Weil Befragte dann irgendwann denken, vielleicht war da doch ein Anflug von Kopfschmerz in den vergangenen Tagen, ein kleines Grummeln im Magen - was man aber zu dem Zeitpunkt gar nicht als Beschwerde wahrgenommen hat?

Ciesek: Ja, das ist schon schwierig. Ich spreche an der Stelle deshalb auch lieber von leichten Befindlichkeitsstörungen, nicht von Symptomen oder Beschwerden. In der Virusforschung liegt der Schwerpunkt in der Regel nicht bei der Erforschung von asymptomatischen Verläufen, sodass man den Anteil der asymptomatisch Infizierten bei anderen Virusinfektionen oft nicht genau kennt. Für die Forschung zu Sars-CoV-2 ist nun zum Beispiel interessant, ob oder wie sich die Immunität nach einer asymptomatischen oder sehr milden Infektion von jener nach einem schweren Verlauf unterscheidet.

SPIEGEL: Vor allem zu Beginn der Pandemie wurde viel über Herdenimmunität gesprochen - wenn 60 bis 70 Prozent der Menschen die Infektion durchgemacht hätten, sei diese erreicht. Aber wäre es ohne einen Impfstoff überhaupt möglich eine Herdenimmunität in dem Sinn zu erreichen, dass man sich um das Coronavirus keine Sorgen mehr machen müsste?

Ciesek: Als allererstes ist dieser Weg ja überhaupt nicht erstrebenswert, weil das Virus viele Schäden anrichtet und sehr viele Menschen sterben würden. Die Idee der Herdenimmunität ist, dass eine bestimmte Anzahl von Leuten Antikörper hat, sodass diese Infektionsketten unterbrechen - auf natürliche Weise und nicht durch Isolation, wie das jetzt passiert. Wenn eine ausreichende Zahl von Menschen immun wäre und das Virus keinen Wirt mehr fände, könnte man es theoretisch ausrotten. Dazu müsste die schützende Immunantwort aber recht lange anhalten. Bisher wissen wir nicht, wie lange diese nach einer Coronavirus-Infektion anhält.

SPIEGEL: Denken Sie, dass wir einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 finden werden?

Ciesek: Im Moment haben wir vielversprechende Kandidaten und ich gehe davon aus, dass ein oder sogar mehrere Impfstoffe im Laufe des nächsten Jahres zur Verfügung stehen werden. Es kann natürlich passieren, dass durch Zufall Mutationen entstehen, die für einen bestimmten Impfstoff wichtig sind oder dass ein Impfstoff nicht für alle Menschen gleich gut geeignet ist - das muss man weiter beobachten. Deshalb ist es gar nicht schlecht, dass parallel mehrere Impfstoffe mit unterschiedlichen Eigenschaften entwickelt werden.

SPIEGEL: Mutiert Sars-CoV-2 denn eher schnell oder eher langsam oder liegt es im Mittelfeld?

Ciesek: Also wer an Hepatitis-C-Viren forscht, lacht über die Mutationsrate von Coronaviren. Beim Hepatitis-C-Virus fehlen sogenannte Reparaturmechanismen, das ist auch ein Grund, warum es bisher nicht gelungen ist, einen Impfstoff gegen Hepatitis C zu entwickeln. Aber so stabil wie andere Erreger ist Sars-CoV-2 wiederum auch nicht. Sars-CoV-2 ist ja ein RNA-Virus und es ist völlig normal, dass sich bei der Vermehrung immer wieder Fehler einschleichen. Aber es hat zum Beispiel kein zerstückeltes Genom, wie es Grippeviren haben. Impfstoffe gegen die Grippe haben wir. Im Moment bin ich deshalb optimistisch.

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