Corona-Vakzine Warum das RKI die Impfwirksamkeit nach unten korrigierte

Die Impfstoffe schützen sehr gut vor Covid-19-Erkrankungen. Doch die offiziellen Zahlen zur Wirksamkeit lagen zu hoch, teils um mehrere Prozentpunkte. Das Robert Koch-Institut hatte eigenwillig gerechnet – mal wieder.
Eine Analyse von Marcel Pauly
Impfung mit dem Covid-19-Impfstoff von Moderna

Impfung mit dem Covid-19-Impfstoff von Moderna

Foto: Rolf Vennenbernd / dpa

Vom »Daten-Gau« ist dieser Tage in impfskeptischen Kreisen zu lesen, »RKI SENKT IMPFEFFEKTIVITÄT« ruft es einem in Großbuchstaben entgegen.

Es geht um Zahlenwerte des Robert Koch-Instituts (RKI) zur Wirksamkeit der Coronaimpfungen. Die oberste deutsche Gesundheitsbehörde weist sie immer donnerstags in ihrem Wochenbericht  aus. Kleinere Schwankungen sind normal. Doch im jüngsten Bericht war die Veränderung gegenüber der Vorwoche in der Tat besonders auffällig.

Um bis zu sechs Prozentpunkte sank die angegebene Wirksamkeit. Bei den über 60-Jährigen war zuvor davon die Rede, dass die Vakzinen das Risiko von schweren Verläufen um 95 Prozent reduzieren, jetzt liegt der Wert bei 89 Prozent. Der Schutz vor tödlichen Verläufen sank bei den Älteren von 93 auf 88 Prozent. Was ist passiert?

Falsche Annahme über den Impfstatus

Die Impfeffektivität drückt aus, um wie viel Prozent eine Erkrankung, ein schwerer oder tödlicher Verlauf bei Geimpften seltener auftritt als bei Ungeimpften. Ein Beispiel: Wir vergleichen je 100.000 Ungeimpfte und Geimpfte über einen bestimmten Zeitraum. Unter den Ungeimpften kommt es zu 100 symptomatischen Fällen, unter den Geimpften nur zu 20. Die Impfung hat das Erkrankungsrisiko also um 80 Prozent verringert.

Für die Berechnung muss man für jeden symptomatisch Infizierten wissen, ob er oder sie geimpft war oder nicht.

Das Problem: Nicht immer ist der Impfstatus bekannt. Bei rund jedem fünften seit Februar gemeldeten symptomatischen Fall fehlt die Angabe zum Impfstatus, teilte das RKI auf Nachfrage mit. Immerhin: Über die Zeit wurde die Meldelücke kleiner. In den Monaten Juli bis September lag sie noch bei sechs bis zehn Prozent der Fälle.

Nun gibt es zwei naheliegende Möglichkeiten, mit dieser Meldelücke umzugehen: Man könnte die Fälle mit unbekanntem Impfstatus außen vor lassen und nur mit den bekannten Fällen rechnen. Oder man trifft eine Annahme darüber, wie viele der unbekannten Fälle unter Geimpften und wie viele unter Ungeimpften aufgetreten sind.

Das RKI hat sich für einen dritten Weg entschieden. Es hat die Fälle mit unbekanntem Impfstatus so behandelt, als wären sie ausschließlich bei Ungeimpften aufgetreten. Will heißen: Die Zahl der Fälle bei Ungeimpften wurde künstlich erhöht, die Zahl der Impfdurchbrüche fiel zu klein aus. Im Ergebnis führte das zu einer Überschätzung des Impfeffekts.

Eigenwillige Rechenwege

Es ist nicht das erste Mal, dass das RKI eigenwillig mit Covid-19-Impfdaten hantiert. Bis Anfang Juli war ein weiterer Parameter in der Berechnung der Impfwirksamkeit irreführend gewählt: Die Behörde rechnete mit zu hohen Impfquoten – die Effektivität fiel um mehrere Prozentpunkte zu hoch aus, wie die »taz« damals aufdeckte . Das RKI passte seine Formel anschließend an.

Auch mit der Berechnung anderer Maßzahlen tut sich das RKI schwer. Die von der Behörde ausgewiesene Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfizierten fällt für mehrere Regionen systematisch zu niedrig aus, wie der SPIEGEL schon vor einem Jahr zeigte . Beim neuen Leitindikator, der Hospitalisierungsinzidenz, setzte man kurzerhand auf das gleiche Prinzip mit den gleichen Problemen: Die vom RKI ausgewiesenen Werte sind kaum aussagekräftig .

Mitte September fragte der SPIEGEL zum ersten Mal beim RKI nach, warum man sich bei der Impfeffektivität dafür entschieden habe, Infizierte mit unbekanntem Impfstatus wie Ungeimpfte zu behandeln. Die Behörde antwortete, durch den Rechenweg bestehe »eine bessere Vergleichbarkeit mit den anderen vom RKI berichteten Daten im Wochenbericht«.

Den Einfluss »auf eine mögliche Verzerrung der Effektivitätswerte« habe man geprüft, er sei »eher gering«, so das RKI. Dennoch plane man eine Umstellung der Berechnung, bei der die Fälle mit unbekanntem Impfstatus künftig außen vor blieben.

Diese Umstellung ist nun erfolgt, wie die Behörde auch in ihrem Wochenbericht anmerkt. Die Effektivitätswerte sanken je nach Altersgruppe und Verlaufstyp um ein bis sechs Prozentpunkte. Auf Nachfrage bestätigt das RKI: »Wir gehen davon aus, dass das Absinken vornehmlich auf diese Umstellung zurückzuführen ist.«

Nichtsdestotrotz: Die Impfung schützt

Die Behörde weist darauf hin, dass es sich nur um eine grobe Berechnung handelt, »die eine Einschätzung der Größenordnung der Wirksamkeit ermöglicht, nicht jedoch eine exakte Bestimmung«. Darauf macht das RKI auch in seinem Wochenbericht aufmerksam. Dennoch sind es diese Zahlen, die als Argument für die Impfung herhalten. RKI und Gesundheitsministerium sollten ein Interesse daran haben, dass sie auf einer validen Datenbasis stehen.

Das RKI legt Wert darauf, dass die Wirksamkeit der Impfung »nach wie vor als sehr hoch einzustufen« ist. Und das stimmt, daran ändert auch die Korrektur nichts. Legt man die Fallzahlen nach Impfstatus nebeneinander – bereinigt um die Meldelücke –, wird offensichtlich, wie sehr die Impfung schützt. Ungeimpfte erkranken viel häufiger als Geimpfte (siehe Grafik unten).

Bei schwereren und tödlichen Verläufen ist der Unterschied zwischen Geimpften und Ungeimpften noch größer. Die Impfstoffe retten Leben und schonen das Gesundheitssystem.

Die mathematische Annahme, bei Fällen mit unbekanntem Impfstatus handele es sich ausschließlich um Ungeimpfte, war realitätsfern, die Umstellung überfällig. Es war absehbar, dass Impfgegner nur darauf gewartet haben, staatlichen Stellen Manipulation und Schönfärberei vorzuwerfen. Der wichtigen Botschaft, dass die Impfung schützt, hat das RKI damit einen Bärendienst erwiesen.

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