Coronavirus Warum die Herdenimmunität der falsche Weg ist

Zu Beginn der Pandemie lag auf der Herdenimmunität große Hoffnung, dann wurde sie verworfen - nun ist sie wieder im Gespräch. Doch sie ist keine Rettung.
Entspannt zusammensitzen, ohne Sorge vor einer Ansteckung - wer will das nicht?

Entspannt zusammensitzen, ohne Sorge vor einer Ansteckung - wer will das nicht?

Foto: Sven Hoppe / DPA

"Was wäre, wenn die Herdenimmunität näher wäre, als Wissenschaftler dachten?", fragt die "New York Times"  in einem großen Artikel. Statt der zunächst angenommenen 60 bis 70 Prozent immunen Menschen in der Bevölkerung bräuchte es vielleicht nur 50 Prozent - oder sogar noch weniger. Einige Experten sehen sogar bei 20 Prozent möglicherweise schon die Herdenimmunität erreicht. Dann könnten wir das Coronavirus viel einfacher besiegen als gedacht, so die Annahme.

Ach, das wäre doch schön! Nur noch ein paar durchgemachte Infektionen mehr und schon könnten alle zurück in ihr altes Leben, mit Partys ohne Sorgen, Einkaufen ohne Mund-Nasen-Schutz und Langstreckenflügen, bei denen man nur wegen des Klimas ein schlechtes Gewissen haben muss.

Doch so wird es nicht kommen. Drei Gründe, warum das mit der Herdenimmunität höchstwahrscheinlich nicht funktioniert.

Viren haben andere Pläne

"Fangfrage: Wie viele zirkulierende respiratorische Viren kennen Sie, die Herdenimmunität verursacht haben?", fragte vor Kurzem ein Virologe auf Twitter . Der Forscher löst selbst auf: "Keine, sonst würden sie nicht zirkulieren. Viren passen sich an, um der Immunantwort auszuweichen oder sie zu verändern, um zu überdauern."

Tatsächlich kursieren ja andere Coronaviren - ebenso wie unzählige andere Viren - seit langer Zeit, ohne dass sie sich jemals durch Herdenimmunität von selbst verabschiedet hätten.

Selbst die Masern, die eine lebenslange Immunität auslösen, konnten letztendlich nur mithilfe einer Impfung dauerhaft zurückgedrängt werden. Bevor es die Impfung gab, fanden die Viren einfach unter kleinen Kindern immer wieder neue, nicht immune Wirte.

Unfassbares Leid

Ungleich wichtiger als theoretische Überlegungen zur Evolution von Viren ist die inzwischen klare Erkenntnis, dass Coronavirus-Infektionen gefährlich sein können. Klar: Viele Betroffene stecken die Infektion ohne oder mit nur milden Beschwerden weg. Aber ein relevanter Anteil wird krank, trägt bleibende Schäden davon oder stirbt.

Selbst Orte mit großen Ausbrüchen sind noch weit von einer Herdenimmunität entfernt: In New York etwa haben rund 21 Prozent der Menschen Antikörper. Ob diese auch tatsächlich vor einer zweiten Infektion schützen, ist indes noch unklar.

Eine Region in Europa allerdings ist laut Antikörperstudien möglicherweise nah dran an der Herdenimmunität: In der italienischen Provinz Bergamo mit der gleichnamigen Hauptstadt haben 57 Prozent der Bevölkerung Antikörper  gegen Sars-CoV-2. Beim nationalen statistischen Institut Italiens  ist nachzulesen, wie viele Menschen in Bergamo in den vergangenen Monaten starben - und wie viele es in den Vorjahren im Schnitt in den jeweiligen Monaten waren: In einem März der Jahre 2015 bis 2019 starben in der Provinz durchschnittlich 897 Menschen, im März 2020 waren es 6059. Auch im April 2020 gab es mehr als doppelt so viele Todesfälle wie in den Jahren zuvor in diesem Monat: 1801 gegenüber 796. In Bergamo leben etwa 1,1 Millionen Menschen.

Wer sich die Situation vor Ort anders verdeutlichen will: Hier ist zu lesen, was der Bürgermeister von Bergamo am 18. März aus den Kliniken der Stadt erzählte, hier finden Sie das Tagebuch  eines Mannes aus der italienischen Stadt.

Dazu kommt: Auch Menschen, die Covid-19 laut so einer Statistik überstehen, können dauerhafte Schäden davontragen. Es mehren sich Berichte über Betroffene, die seit Monaten schwer krank  sind, auch wenn sich die Häufigkeit dieser Probleme noch nicht beziffern lässt.

Die Virologin Sandra Ciesek, Professorin an der Uniklinik Frankfurt, beantwortete die Frage, ob eine Herdenimmunität erreichbar sei, dem SPIEGEL gegenüber deshalb auch so: "Als Allererstes ist dieser Weg ja überhaupt nicht erstrebenswert, weil das Virus viele Schäden anrichtet und sehr viele Menschen sterben würden."

Dass Deutschland zu diesem Zeitpunkt vergleichsweise wenige Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus zu beklagen hat, liegt eben daran, dass hier nicht ernsthaft mit der Idee geliebäugelt wurde, eine Herdenimmunität zu erreichen.

Ohne langfristige Immunität keine Herdenimmunität

Eine der großen Fragen zum Coronavirus lässt sich bislang einfach nicht eindeutig beantworten, nämlich wie lange die Immunität gegen den Erreger nach einer durchgemachten Infektion anhält. Aktuell gibt es immerhin ermutigende Hinweise darauf, dass die Immunität lange oder dauerhaft bestehen könnte, aber ganz sicher lässt sich dies nicht sagen. Anders formuliert: Auch in Bergamo kann man nicht sicher sein, dass eine weitere Coronavirus-Welle irgendwann doch wieder viele Menschen treffen könnte. Die Hoffnung ist natürlich, dass die Immunität Bestand hat, doch falls dies nicht der Fall sein sollte, lässt sich eine Herdenimmunität ohnehin nicht oder nur für kurze Zeit erreichen.

Was also tun?

Ewig so weiterzumachen wie jetzt, ist inakzeptabel. Dem Virus wieder erlauben, sich frei zu verbreiten, auch. Wie lässt sich das auflösen? Die Lösung sind Impfstoffe. Derzeit befinden sich 29 Impfstoffkandidaten in klinischen Prüfungen, werden also in Studien an Freiwilligen getestet. Weitere 138 Präparate sind in der vorklinischen Phase: Sie werden schon erforscht, aber noch nicht an Menschen getestet.

Wenn einige dieser Kandidaten sich als effektiv und sicher erweisen, könnten wir tatsächlich die Herdenimmunität erreichen - ohne einen schrecklichen Preis dafür zu zahlen.