Booster-Shots in den USA Die Krux mit den Drittimpfungen

Die USA wollen der Bevölkerung eine dritte Impfung anbieten – obwohl weltweit Milliarden Menschen noch gar keine Dosis erhalten haben. Die Ungleichverteilung könnte gravierende Folgen haben.
Covid-19-Impfung für Jugendliche in Los Angeles: Die USA empfehlen sie schon länger für Menschen ab zwölf Jahren als Deutschland

Covid-19-Impfung für Jugendliche in Los Angeles: Die USA empfehlen sie schon länger für Menschen ab zwölf Jahren als Deutschland

Foto: Patrick T. Fallon / AFP

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Die US-Regierung will dem Großteil ihrer Bevölkerung bereits ab Mitte September eine dritte Impfdosis gegen Covid-19 anbieten. Das haben die zuständigen Behörden mitgeteilt. Rund acht Monate nach Abschluss der ersten beiden Impfungen solle eine dritte Dosis der Präparate von Pfizer/Biontech oder Moderna gegeben werden.

Hintergrund der geplanten Maßnahme ist, dass die besonders ansteckende Delta-Variante die Fallzahlen in den USA stark in die Höhe treibt und sich auch die Kliniken wieder mit Covid-19-Patienten füllen. Die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner liegt bei über 270 . Dazu dürfte jedoch auch beitragen, dass in den USA nur rund die Hälfte  der Bevölkerung den gegen die Delta-Variante wichtigen vollständigen Covid-19-Impfschutz besitzt. Zugleich sind die Schutzmaßnahmen vielerorts deutlich laxer als hierzulande.

In Deutschland sind nach offiziellen Angaben rund 64 Prozent der Menschen  vollständig gegen Covid-19 geimpft. Die Sieben-Tage-Inzidenz hat jüngst die 40er-Marke überschritten. Auch hier wird über Auffrischungsimpfungen für ältere Menschen oder solche mit geschwächtem Immunsystem diskutiert. Das kann sinnvoll sein, da die Impfstoffe bei ihnen weniger wirksam  und die Personen zugleich besonders gefährdet für schwere Verläufe sind.

Die amerikanische FDA hatte bereits vergangene Woche eine Auffrischungsimpfung für Menschen mit geschwächtem Immunsystem  zugelassen. Über die gesamte Bevölkerung schützen die Covid-19-Impfstoffe nach bisherigen Erkenntnissen aber weiterhin hochwirksam vor schweren Krankheitsverläufen  und reduzieren auch das Infektionsrisiko deutlich. Das Vorhaben der USA, der gesamten Bevölkerung eine dritte Impfung anzubieten, stößt daher auf Kritik.

Mehr Infektionen, höheres Risiko für fittere Varianten

In vielen Teilen der Welt hatten die Menschen bislang oft noch gar keine Möglichkeit, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen, weil Impfstoff fehlt. Maria Van Kerkhove, führende Vertreterin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), sagte dem Sender CNN  am Dienstag, dass weltweit zunächst die am meisten gefährdete Bevölkerung und Mitarbeiter des Gesundheitswesens geimpft werden sollten, bevor es in manchen Ländern eine dritte Dosis gebe. »Es ist eine globale Pandemie und wir müssen über globale Lösungen nachdenken.«

Ähnlich formulierte es der Mikrobiologe und Infektionsepidemiologe Timo Ulrichs bereits im Mai in einem Gespräch mit dem SPIEGEL. »Wir sollten Sorge dafür tragen, dass Impfstoffe – das Mittel der Wahl, die Pandemie zu beenden – auch in arme Staaten gelangen, und zwar möglichst bald«, so der Fachmann weiter. Das liege auch in unserem eigenen Interesse. Ulrichs ist Professor für internationale Not- und Katastrophenhilfe an der privaten Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin.

Je stärker sich das Coronavirus Sars-CoV-2 ausbreiten kann, desto größer ist auch das Risiko, dass neue, fittere Varianten  entstehen.

Ist ihr evolutionärer Vorteil gegenüber bisherigen Viruslinien groß, wird sie sich schnell und durch den globalen Personenverkehr über Kontinente hinweg ausbreiten. Das war zuletzt bei der Delta-Variante eindrücklich zu beobachten, die zunächst in Indien zirkulierte. Ulrichs warnt deswegen davor, bei der Frage nach einer gerechten Verteilung der Covid-19-Impfstoffe nur auf den eigenen gesundheitlichen Vorteil zu blicken.

Generelle gesundheitliche Ungleichheit – auch in Deutschland

Bei der weltweiten Ungleichheit beim Impfen gegen Covid-19 gehe es um das große Ganze, »um eine generelle gesundheitliche Ungleichheit«, so der Fachmann. »Die Gesundheitsversorgung ist dort am besten, wo sie am wenigsten benötigt wird.« Und umgekehrt: Sie ist dort am schlechtesten, wo sie am meisten gebraucht wird. Das zeigt sich bereits innerhalb reicher Staaten wie Deutschland.

Laut einer Auswertung des Robert Koch-Instituts (RKI)  vom Mai ist die Zahl der Covid-19-Toten während der zweiten Infektionswelle im vergangenen Herbst und Winter in sozial benachteiligten Regionen besonders stark gestiegen. »Die Krankheitslast ist weiter ungleich verteilt«, erklärte RKI-Chef Lothar Wieler damals in einer Pressekonferenz. »Die Inzidenz und die Sterblichkeit sind seit Mitte der zweiten Welle in Regionen, die besonders benachteiligt sind, am höchsten.«

Mögliche Gründe seien Armut, die mit mehr Vorerkrankungen assoziiert sei, aber auch schlechtere Lebensverhältnisse – wie enger Wohnraum oder prekäre Beschäftigung – spielten eine Rolle. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verwies zudem darauf, dass es in manchen Stadtteilen zu wenige Ärztinnen und Ärzte gebe.

»Das ist im Kleinen, was wir weltweit im Großen sehen«, sagt Ulrichs. »Länder, die arm sind, kommen nicht gut mit der Pandemie zurecht, auch wenn sie eine jüngere Bevölkerung haben, in der Menschen seltener schwer erkranken.« Zirkuliere das Virus in großem Ausmaß, steige die absolute Zahl der Toten und Schwerkranken dort dennoch in schwer ertragbarem Ausmaß an. Das zeigte sich in diesem Jahr etwa in Indien, aber auch in Regionen in Afrika südlich der Sahara.

Folgen zeigen sich auch in Migrationsbewegungen

In Staaten also, deren Gesundheitssysteme durch andere Infektionskrankheiten wie HIV, Tuberkulose und Malaria bereits vor der Pandemie stark belastet waren und in denen Menschen oft schlechtere Voraussetzungen für einen insgesamt gesunden Lebensstil haben – sei es durch einen schlechten Zugang zu Nahrungsmitteln, Bildung, grundlegender Gesundheitsversorgung oder Arbeit unter menschenwürdigen Bedingungen.

Durch die Ausbreitung des Coronavirus hat sich die Lage noch mal verschlechtert. »Die Pandemie hat Fortschritte im Gesundheitswesen zunichtegemacht und die Lebenserwartung verkürzt«, berichtet die Uno , die eine gute Gesundheitsversorgung für alle Menschen in ihren Nachhaltigkeitszielen für 2030 verankert hat. 90 Prozent der Staaten berichteten weiterhin von einem oder mehreren Beschränkungen grundlegender Gesundheitsdienstleistungen.

»Gelingt es uns nicht, die Pandemie global zu stoppen, entstehen der internationalen Gemeinschaft Kosten, die weit über die Folgen der reinen Virusausbreitung hinausgehen«, warnt Ulrichs. So komme es beispielsweise auch zu Migrationsbewegungen infolge unzureichender Gesundheitsversorgung.

Biontech und Pfizer haben erst am Montag erste Daten einer kleinen Phase-1-Studie eingereicht. In den kommenden Wochen sollen die Informationen auch an die Europäische Arzneimittelagentur EMA und weitere Behörden gehen, teilten die Unternehmen mit . Weitere Daten aus einer größeren Phase-3-Studie sollen bald folgen.

Klinische Prüfung der Impfstoffentwicklung in drei Phasen

Bis ein Impfstoff zugelassen wird, muss er in drei Phasen klinisch geprüft werden. Damit das Paul-Ehrlich-Institut einen potenziellen Impfstoff für eine klinische Studie am Menschen zulässt, muss ein Hersteller zunächst Daten vorlegen, dass der Stoff bereits ausreichend präklinisch getestet wurde – etwa in Tierversuchen.

Phase I: Der Impfstoff wird einer kleinen Gruppe von freiwilligen Gesunden verabreicht. Es wird beobachtet, ob das Mittel den Zielbereich im Körper erreicht und dabei keine akuten Nebenwirkungen auftreten.

Phase II: Erst wenn die Phase I erfolgreich war, kann der Impfstoff in Phase II einer größeren Teilnehmerzahl verabreicht werden, die der Risikogruppe entstammen. Im Fall von Covid-19 wären das ältere Personen oder Menschen mit Vorerkrankungen. In dieser Phase werden die Wirksamkeit des Impfstoffs bei der Verhinderung der Krankheit und die geeignete Dosierung getestet.

Phase III: Danach kann der Impfstoff an einer repräsentativen Gruppe von Freiwilligen getestet werden – bis zu 10.000 Probanden werden dabei geimpft. In Phase III werden die Wirksamkeit, die Sicherheit sowie die Dosierung der Impfung bestätigt. Unerwünschte Ereignisse, wie etwa ein besonders schwerer Krankheitsverlauf durch die Gabe des Impfstoffs, können ausgeschlossen werden.

Untersuchungen hatten zuvor gezeigt, dass die Zahl der Antikörper im Blut von Covid-19-Geimpften mit der Zeit sinkt . Neutralisierende Antikörper können das Virus abfangen, bevor es Zellen im Körper befällt. Sinkt ihre Zahl, lässt der Infektionsschutz nach. Die Auffrischungsimpfung soll dem entgegenwirken und tut dies laut den ersten vorläufigen Angaben effizient, wenn sie acht bis neun Monate nach der zweiten Dosis erfolgt.

Allerdings entstehen durch die Impfung auch sogenannte Gedächtniszellen, die einen Abfall neutralisierender Antikörper teils kompensieren können. Beim Kontakt mit dem Erreger setzen diese eine ganze Reihe Immunantworten in Gang, die schwere Verläufe abwenden. Daher sind zahlreiche Fachleute noch zurückhaltend bezüglich einer Drittimpfung für die gesamte Bevölkerung.

»Der Zeitpunkt, an dem wir eine Auffrischung vornehmen müssten, wäre dann, wenn wir Hinweise auf eine Zunahme der Krankenhauseinweisungen – oder die nächste Stufe danach, das heißt das Sterben von Menschen – bei den Geimpften feststellen würden«, erklärte etwa Andrew Pollard, Vorsitzender des britischen Ausschusses für Impfungen und Immunisierung (JCVI) vor knapp einer Woche laut »Guardian« . »Das ist derzeit nicht der Fall.«

Mit Material von dpa
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