Coronavirus Warum Impfdurchbrüche kein Argument gegen eine Impfung sind

Impfungen können eine Ansteckung nicht vollständig verhindern. Aber sie senken das Risiko, an Covid-19 zu sterben, enorm. Das gilt, obwohl die Zahl der Impfdurchbrüche steigt. Ein Überblick.
In Deutschland sind bisher rund 100 Millionen Impfdosen gegen Covid-19 verabreicht worden

In Deutschland sind bisher rund 100 Millionen Impfdosen gegen Covid-19 verabreicht worden

Foto: Christian Charisius / dpa

Geimpft und trotzdem infiziert – die steigende Zahl sogenannter Impfdurchbrüche verunsichert. Doch Expertinnen und Experten betonen immer wieder: Wer über einen vollständigen Impfschutz verfügt, hat ein deutlich geringeres Risiko, an Covid-19 zu erkranken oder gar zu sterben. Und dass Impfbrüche möglich sind, sei keine Überraschung.

Eine vollständige Immunität ist bei Atemwegserkrankungen schwer herzustellen

»Wir wussten von Anfang an, dass die Impfung nicht zu 100 Prozent wirksam ist: Selbst in den Zulassungsstudien hatten sich vollständig Geimpfte infiziert«, sagte der Immunologe Carsten Watzl vom Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der Technischen Universität Dortmund der Deutschen Presse-Agentur. Es sei logisch, dass in absoluten Zahlen mehr Durchbruchsinfektionen auftreten, je mehr Menschen geimpft würden.

Auch der Infektionsimmunologe Leif Erik Sander von der Berliner Charité sagte der dpa, dass eine gewisse Zahl an Impfdurchbrüchen zu erwarten gewesen sei – auch wegen der Art der Erkrankung, die Sars-CoV-2 verursacht: »Gerade bei einem respiratorischen Erreger, der die oberen Atemwege befällt, sich dort vermehrt und auch von dort weitergegeben wird, ist es schwierig, eine sterile Immunität herzustellen«, sagte Sander.

Von einer sterilen Immunität spricht man, wenn sowohl die Ansteckung als auch die Weitergabe eines Erregers vollständig verhindert werden kann.

13.360 symptomatische Impfdurchbrüche

Wie häufig kommt es zu Impfdurchbrüchen? Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) sind seit Beginn der Impfkampagne bis zum 17. August insgesamt 13.360 symptomatische Impfdurchbrüche festgestellt worden. Das heißt: 13.360 Menschen haben sich trotz vollständigen Impfschutzes – also trotz zweier Dosen der Impfstoffe von Moderna, Biontech/Pfizer oder AstraZeneca oder einer Dosis des Johnson-&-Johnson-Impfstoffs und der Wartezeit von zwei Wochen danach – mit Sars-CoV-2 angesteckt und Symptome einer Covid-Erkrankung entwickelt.

Bis zum Ende des untersuchten Zeitraums waren nach RKI-Angaben bundesweit 48 Millionen Menschen vollständig geimpft. Allerdings lag die zweite Impfung noch nicht bei allen mindestens zwei Wochen zurück.

Durchbrüche ohne Symptome lassen sich kaum feststellen

Nicht gut erfasst werden können Infektionen von vollständig Geimpften, die ohne Symptome verlaufen: »Solche Infektionen würden sich nur per Zufall detektieren lassen, weil sich Geimpfte kaum testen lassen«, sagte Watzl, der auch Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie ist.

Zudem könne auch nicht ausgeschlossen werden, dass es Geimpfte mit Symptomen gibt, die diese Krankheitsanzeichen aber nicht mit einer Coronaerkrankung in Verbindung bringen. Und die sich deshalb auch nicht testen lassen und keinen Arzt und keine Ärztin aufsuchen.

Genau zu wissen, wie viele Impfdurchbrüche es gibt, ist natürlich wichtig: Dann lässt sich feststellen, wie effektiv die Impfungen tatsächlich schützen. Blickt man auf die bisherigen Zahlen, zeigt sich – sie schützen. Watzl sagt: »Die Anzahl dieser Durchbruchsinfektionen macht immer noch den kleineren Teil der Gesamtinfektionen aus, obwohl die Gruppe der Geimpften den größeren Teil bildet. Und daraus kann man ableiten, dass die Impfung vor der Infektion schützt.«

Eine Erkrankung trotz Impfung ist weniger gefährlich

Wichtig ist auch: Infektionen bei Geimpften fallen deutlich milder aus. Die Impfungen schützen gut vor symptomatischen Infektionen und sehr verlässlich vor schweren Infektionen. »Das erklärt«, sagt Carsten Watzl, »warum auf den Intensivstationen fast ausschließlich die Ungeimpften liegen.«

Dazu passen die Ergebnisse einer Preprint-Studie aus Indien, einer Studie, die noch nicht von unabhängigen Fachleuten überprüft worden ist. Untersucht worden waren 495 teilweise oder vollständig geimpfte Personen sowie 666 ungeimpfte Menschen, die alle mit einer Covid-19-Erkrankung ins Krankenhaus kamen. In der Gruppe der Geimpften war der Schweregrad der Erkrankung deutlich niedriger, wie auch der Bedarf an Beatmungsunterstützung. Und das, obwohl sich in der Gruppe der Geimpften mehr Ältere und mehr Menschen mit Risikofaktoren befunden hätten. Bei den vollständig Geimpften sei die Sterblichkeitsrate signifikant geringer gewesen.

Das Alter macht einen Unterschied

Für die Wirksamkeit einer Impfung ist das Alter der Geimpften nicht unerheblich. Dazu heißt es vom RKI: Seit Beginn der Impfkampagne seien in Deutschland in der Gruppe der 18- bis 59-Jährigen insgesamt 1871 Menschen infolge von Covid-19 gestorben, aber nur eine Person davon sei vollständig geimpft gewesen.

Über alle Altersstufen sind nach RKI-Angaben 335 voll geimpfte Menschen an oder mit einer Covid-19-Erkrankung gestorben. 84 Prozent davon seien 80 Jahre und älter gewesen. Für Menschen ab 80 gelte generell ein höheres Sterberisiko – unabhängig von der Wirksamkeit der Impfstoffe.

Auch der Impfstoffexperte Leif Erik Sander äußerte sich gegenüber der dpa zum steigenden Risiko mit zunehmendem Alter. Bei Älteren würden nach einer Impfung im Durchschnitt weniger Antikörper gebildet, zudem sinke der Antikörperspiegel wahrscheinlich auch schneller wieder ab. Da ältere Menschen zudem als Erstes geimpft worden seien und ihre Impfungen entsprechend weit zurücklägen, sei die Empfehlung einer Booster-Impfung für diese Gruppen »unbedingt nachvollziehbar und medizinisch auch absolut indiziert«, sagte Sander.

Bayern hat bereits begonnen, Drittimpfungen an Menschen aus Risikogruppen zu verabreichen. Ab September sollen auch die übrigen Bundesländer folgen.

Menschen mit Vorerkrankung könnten schlechter geschützt sein

Einen möglicherweise weniger guten Schutz bieten die Impfungen Menschen mit Vorerkrankungen. Das zeigt etwa eine Studie aus Israel: Von 152 Patienten, die trotz Impfung an Covid-19 erkrankten, waren nur sechs zuvor gesund. Die übrigen 146 Menschen hatten zum Teil schwere Vorerkrankungen, sie litten an Bluthochdruck, Diabetes, an chronischem Nierenversagen oder Krebs oder hatten ein Herz- oder Lungenleiden. Auch ein geschwächtes Immunsystem, zum Beispiel aufgrund einer Organtransplantation oder einer Chemotherapie, hatte Einfluss.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Der Experte Carsten Watzl schätzt den Anteil der Menschen, die trotz vollständiger Impfung keinen oder nur einen geringen Immunschutz entwickeln, unter den Älteren auf etwa fünf Prozent.

Die Lösung: Testen – und vor allem Impfen

Um die Datenlage zu den Impfdurchbrüchen zu verbessern, fordern Experten wie Watzl dazu auf, dass sich auch Geimpfte weiter regelmäßig testen lassen. Und: Wer noch nicht geimpft ist, sollte sich am besten impfen lassen – aus Solidarität gegenüber den Risikogruppen genauso wie zum eigenen Schutz.

Denn die Pandemie ist noch nicht vorbei. Und Leif Erik Sander ist überzeugt: Bis zum Ende des kommenden Jahres werden alle mit dem Virus in Kontakt kommen, mit der Delta-Variante oder einer neuen Mutante: »Entweder, wir sind dann geimpft, sodass dieser Kontakt wie eine Impfauffrischung wirkt und wir gar nichts oder nur wenig von der Infektion merken, oder wir sind ungeimpft und haben einen Erstkontakt mit dem Virus – und damit das Risiko, schwer zu erkranken.«

vki/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.