Leserfrage Warum ist die Todesrate in Deutschland niedriger?

Vergleicht man die Zahlen von Infizierten und Verstorben, steht Deutschland verblüffend gut da. Allerdings gibt es plausible Gründe, warum die Todesrate niedriger zu sein scheint als in anderen Ländern.
Intensivbett an der Uniklinik Rostock

Intensivbett an der Uniklinik Rostock

Foto: Bernd Wüstneck/ dpa

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Leser Patrick D. fragt: Warum ist die Todesrate in Deutschland niedriger als in anderen Ländern? Er könne sich nicht vorstellen, dass unser Gesundheitssystem so viel besser sei.

Die Antwort von Nina Weber, Gesundheitsredakteurin beim SPIEGEL: Dass sich die Todesraten in den Ländern aktuell zum Teil stark unterscheiden, hat eine Reihe von Ursachen. Mit Todesrate ist hier übrigens gemeint, wie viele der nachweislich mit Sars-CoV-2-Infizierten aufgrund der Krankheit verstorben sind.

Bislang sind alle dazu kursierenden Zahlen vorläufig und mit Vorsicht zu vergleichen - was auch mit den folgenden möglichen Gründen dafür zusammenhängt, warum die Todesrate in Deutschland aktuell zum Beispiel deutlich niedriger ist als in Italien oder Großbritannien.

1. Zunächst wird die aus den aktuellen Zahlen abgeleitete Todesrate davon beeinflusst, wie viele Infektionsfälle man entdeckt, aber auch möglicherweise übersehen hat. Sie spiegelt also in einem gewissen Maß wider, wie intensiv bei Verdachtsfällen auf Sars-Cov-2 getestet wird.

Die britische Gesundheitsbehörde NHS meldet (Stand: 18.3.), dass knapp 54.000 Menschen auf das neuartige Coronavirus getestet wurden. In 2626 Fällen wurde eine Infektion bestätigt. 103 Menschen, die an Covid-19 erkrankt waren, sind daran gestorben. Das bedeutet: Fast vier Prozent der Menschen mit einer nachgewiesenen Infektion sind bisher daran gestorben.

Das Robert Koch-Institut meldete für Deutschland am 19.3. insgesamt 10.999 Fälle und berichtet, dass 20 Menschen an Covid-19 gestorben sind. Es sind bisher 0,2 Prozent der Menschen mit einer nachgewiesenen Infektion daran gestorben.

Aber: Deutschland hat allein in der Kalenderwoche 11 rund 100.000 Tests durchgeführt, also deutlich mehr als die Briten insgesamt. Man kann also annehmen, dass es in Großbritannien mehr unentdeckte Infektionen gibt beziehungsweise gab als in Deutschland. Südkorea, wo sehr intensiv getestet wurde, hat bisher eine vergleichsweise niedrige Todesrate.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

2. Ein weiterer Unterschied zwischen Nationen ist das durchschnittliche Alter der Bevölkerung. Italien, das gerade besonders stark von der Corona-Pandemie betroffen ist, hat eine relativ alte Bevölkerung. Michael Ryan von der WHO sagte am Mittwoch in der Pressekonferenz der Organisation: "Italien war immer ein Vorbild dafür, wie Menschen länger gesund leben können. Aber in dieser Situation kann dies dazu führen, dass die Todesrate dort höher ist."

Es spielt eine Rolle, wer erkrankt, beziehungsweise wo lokal Ausbrüche passieren. In den USA hat sich das Virus in einem Altersheim verbreitet. Von den 120 Bewohnern haben sich mindestens 81 angesteckt, 34 sind bereits gestorben, berichtet  die "Seattle Times". Eine Tragödie, bei der sich der Erreger genau unter den Menschen verbreiten konnte, denen er am gefährlichsten wird.

3. Wenn die Krankheitswelle ein Ausmaß erreicht hat, das die lokalen Kapazitäten der Gesundheitsversorgung überwältigt, steigt die Todesrate, weil nicht mehr alle Schwerkranken entsprechend versorgt werden können. Das zeigt sich gerade in Italien, und das war auch in Wuhan der Fall, wo die Todesrate deutlich höher war als im Rest Chinas.

4. Gerade mit Blick auf die Zahlen aus Deutschland ist es viel zu früh, eine Todesrate zu ermitteln. Denn der Ausbruch ist hier noch am Anfang, also in einer Phase, in der man erst einmal Infektionen entdeckt, aber die Krankheit bei den allermeisten Menschen noch nicht weit fortgeschritten ist. Dass in Italien gerade täglich viele Menschen sterben, liegt auch daran, dass der Ausbruch dort früher begonnen hat und Erkrankte nach drei, vier Wochen den Kampf gegen Covid-19 verloren haben.

wbr
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