Flugverkehr trotz Coronakrise Die Iran-Affäre

Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen ins Ausland, die EU schließt ihre Außengrenzen, aber der Flugverkehr zwischen Deutschland und Teheran geht weiter, obwohl Iran als Risikogebiet gilt. Warum?
Am Mittwoch soll erneut ein Flugzeug aus Teheran in Frankfurt am Main landen

Am Mittwoch soll erneut ein Flugzeug aus Teheran in Frankfurt am Main landen

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MAURITZ ANTIN/EPA-EFE/Shutterstock

Wer mit dem Auto von Frankreich, Österreich, Luxemburg, der Schweiz oder Dänemark nach Deutschland reisen will, muss einen triftigen Grund vorbringen. Nur wer Waren transportiert oder beruflich pendeln muss, darf passieren. Alle anderen werden abgewiesen. Für den Flugverkehr gelten dagegen bisher keine vergleichbaren Regelungen.

Am Montagmorgen landeten Reisende aus Teheran mit einer Dreiviertelstunde Verspätung am Flughafen in Frankfurt am Main, obwohl das Robert Koch-Institut Iran schon seit Wochen als Risikogebiet für das neuartige Coronavirus einstuft. Untersucht wurden die Passagiere nicht. Das würde laut Experten auch wenig Sinn ergeben, da viele Infektionen mit Sars-CoV-2 symptomarm verlaufen und die Inkubationszeit bei bis zu 14 Tagen liegt. Selbst wenn die Passagiere gesund sind, könnten sie deshalb das Virus unbemerkt in sich tragen.

Seit Ende Februar müssen Piloten, die in Iran gestartet sind, lediglich den Tower am Zielflughafen über den Gesundheitszustand der Passagiere informieren. Außerdem sind Passagiere verpflichtet, sogenannte Aussteigerkarten auszufüllen, auf denen sie angeben, wo sie sich in den nächsten Wochen aufhalten werden und wie sie zu erreichen sind (wie sich der Flugverkehr in Deutschland entwickelt, lesen Sie hier).

Dadurch soll sichergestellt werden, dass sie zügig unter Quarantäne gestellt werden können, wenn der Verdacht aufkommt, dass sie sich womöglich mit dem Coronavirus infiziert haben. Zudem werden die Reisenden aufgefordert, zwei Wochen lang den Kontakt zu anderen Menschen zu meiden. Kontrolliert wird das jedoch nicht.

Während Reisen in andere Länder also immer weiter eingeschränkt werden und das Auswärtige Amt vor touristischen Reisen ins Ausland abrät, haben sich die Bestimmungen für Reisende aus Iran in den vergangenen Wochen kaum verändert, obwohl sich Hinweise häufen, dass die Pandemie in dem Land außer Kontrolle geraten ist.

Laut offiziellen Angaben haben sich in Iran mehr als 16.000 Menschen mit dem Virus infiziert, 988 Menschen starben an den Folgen. Experten rechnen jedoch mit einer hohen Dunkelziffer. Die meisten Fälle werden zwar aus der Region rund um Teheran gemeldet, doch auch aus anderen Landesteilen sind inzwischen Infektionen bekannt, bei denen nicht klar ist, wo sich die Menschen infiziert haben.

Auch hochrangige Politiker und Regierungsmitarbeiter haben sich infiziert. Ein wichtiger Berater von Außenminister Mohammad Javad Zarif war kürzlich an den Folgen der Virusinfektion gestorben. Die Regierung redet das Problem dennoch klein.

Zwar hat Iran wegen der Corona-Pandemie den Internationalen Währungsfonds (IWF) um Hilfen in Milliardenhöhe gebeten und 85.000 Menschen aus Gefängnissen entlassen, um eine Ausbreitung des Virus unter den Gefangenen zu verhindern. Freigelassen wurden laut offiziellen Angaben Gefangene, die zu weniger als fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurden, darunter auch politische Häftlinge.

Allerdings redete Präsident Hassan Rohani im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie immer wieder von einer Verschwörung der Feinde Irans, die versuchten, Panik zu verbreiten und die Wirtschaft des Landes zum Stillstand zu bringen. Der Chef der Revolutionswächter spekulierte gar, bei dem Coronavirus könnte es sich um einen Angriff der USA mit biologischen Waffen handeln. (Mehr zur Situation in Iran lesen Sie hier.)

Indes verbreitet sich das Virus von Iran aus in andere Länder. Auch zwei Infizierte in Hamburg waren kurze Zeit, bevor sie positiv getestet wurden, in Iran. Ob sie sich tatsächlich dort angesteckt haben, ist unklar. Virengenome, die in verschiedenen Teilen der Welt isoliert wurden , legen jedoch eine Verbindung mit dem Ausbruch in Iran nahe. So trugen Patienten aus Deutschland, England, USA, Australien und Kanada Viren in sich, deren Erbgut sich stark ähnelte.

Das spricht dafür, dass die Krankheitserreger denselben Ursprung haben, vermutlich in Iran, wo sich alle Betroffenen vor Kurzem aufgehalten hatten. Ganz sicher können sich die Forscher jedoch nicht sein, da bisher keine vollständigen Virengenome aus Iran verfügbar sind. (Was das Erbgut der Coronaviren über die Pandemie verrät, lesen Sie hier.)

"Wenn wir die Grenzen an Land schließen, dann müssen wir auch den Luftverkehr einschränken"

Andere Länder haben ihre Grenzen zu Iran längst geschlossen und den Flugverkehr eingestellt. Zuletzt kündigte Indonesien an, ab Freitag keine Reisenden aus Iran mehr ins Land zu lassen. In anderen Staaten müssen Iranreisende zumindest für 14 Tage in Quarantäne. Deutschland setzt derweil weiter auf die Selbstauskunft der Passagiere, zur Verwunderung von Politikern und Polizisten.

"Wenn wir die Grenzen an Land schließen, dann müssen wir auch den Luftverkehr einschränken", sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Jörg Radek, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland  auch mit Blick auf Iran. Bestimmte Maschinen sollten am besten gar nicht erst starten.

Auch der in Teheran geborene Grünen-Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour berichtete von Deutsch-Iranern, die den Iran zuletzt in Richtung Deutschland verlassen und sich gewundert hätten, dass sie einfach so hätten einreisen können. "Wenn es heißt, man solle in diese Länder nicht fliegen", sagt Nouripour, "dann muss natürlich umgekehrt für Menschen, die von dort zurückkommen, ebenfalls gelten, dass Tests gemacht und sie in Quarantäne geschickt werden."

Was Sie zum Coronavirus wissen müssen - endlich verständlich

Forscher gehen davon aus, dass Sars-CoV-2 von einem Tier auf den Menschen übergegangen ist. Der Erreger hat starke Ähnlichkeiten zu Coronaviren, die in Fledermäusen zu finden sind. Eine Theorie ist, dass Sars-CoV-2 ursprünglich in Fledermäusen zu finden war, dann eine andere Tierart befiel und so den Weg zum Menschen fand. Bisher ist der genaue tierische Ursprung des Virus jedoch nicht geklärt. Forscherinnen und Forscher gehen aber davon aus, dass der Erreger nicht mutwillig in einem Labor erzeugt wurde. Dies schließen die Experten aus der Erbgut-Sequenz von Sars-CoV-2.

Ob und wann der Flugverkehr zwischen Iran und Deutschland eingeschränkt wird, ist unklar. Das Bundesgesundheitsministerium, das Bundesverkehrsministerium und der Frankfurter Flughafen ließen entsprechende Anfragen des SPIEGEL zunächst unbeantwortet. Mittwoch soll wieder ein Flugzeug aus Teheran in Frankfurt landen, auch Verbindungen in andere Risikogebiete wie Madrid sind weiterhin geplant.

Update 18:19 Uhr: Das Bundesverkehrsministerium (BMVI) teilte auf Anfrage inzwischen Folgendes mit: "Mit Blick auf den Schutz der Bevölkerung hat das BMVI Länder und Flughäfen aufgefordert, das Risiko für Flüge aus RKI-Risikogebieten noch einmal neu zu bewerten und notwendige weitere Schutzmaßnahmen zu prüfen."

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