Coronavirus Was Forscher über den Ursprung der Pandemie wissen

Weil in China exotische Wildtiere gegessen werden, warnten Forscher schon vor Jahren vor einem erneuten Corona-Ausbruch. Doch auch europäische Gewohnheiten vergrößern die Gefahr.
Symbolbild

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Foto: Cavan Images / imago images

Der Satz klingt wie ein Corona-Orakel: "Das Vorkommen eines großen Reservoirs an Sars-CoV-ähnlichen Viren in Hufeisennasen-Fledermäusen, zusammen mit der Tradition in Südchina exotische Säugetiere zu essen, ist eine Zeitbombe", heißt es in einer Studie aus dem Fachblatt "Clinical Microbiology Reviews" , die im Jahr 2007 veröffentlicht wurde und derzeit durch soziale Netze geistert. In vielen Posts ist das Publikationsjahr umkringelt.

In der Studie hatten Forscher aus Hongkong die Sars-Pandemie aus den Jahren 2002 und 2003 analysiert. Der damalige Erreger ist eng mit dem aktuell kursierenden Coronavirus verwandt, das deshalb den Namen Sars-CoV-2 trägt und auch damals ging die Krankheit offenbar von einem Markt in China aus.

Die Warnung der Forscher befeuert nun eine Debatte, die von rassistischen und pseudowissenschaftlichen Fehlschlüssen geprägt ist. "Ich wünsche mir, dass bestimmte Volksgruppen mal aufhören Fledermäuse, Gürteltiere, Affenschädel und anderen Scheiß zu essen", schrieb ein CDU-Lokalpolitiker bei Twitter, dazu postete er das Bild von Essstäbchen. Der Tweet ist inzwischen gelöscht, der Rassismus bleibt.

Ob Gürteltier oder Schwein - Fleischkonsum steigert das Pandemierisiko

Dabei verrät ein Blick in die jüngste Pandemie-Geschichte, dass längst nicht nur chinesische Essgewohnheiten Pandemien entfesselt haben. Selbst wer nur Tiere isst, die auf europäischen Speisekarten stehen, ist nicht sicher vor Krankheiten. Im Gegenteil: Eines der verheerendsten Viren sprang wahrscheinlich vom beliebtesten Speisetier der Deutschen auf den Menschen über, dem Schwein.  

Anfang 1918 dokumentierte ein Arzt im US-Bundesstaat Kansas eine Krankheit, die hohes Fieber und Husten verursachte und sich in den kommenden Jahren weltweit ausbreitete. 50 Millionen Menschen starben an der Seuche, bekannt als Spanische Grippe. Inzwischen konnten Forscher den wahrscheinlichen Ursprung im Mittleren Westen der USA lokalisieren, wo das Virus vom Schwein auf den Menschen übergesprungen war. (Mehr dazu lesen Sie hier .)

Auch in den darauffolgenden Jahrzehnten schlummerten die Viren vom Typ H1N1 weiter in Schweinen und lösten im Jahr 2009 eine weitere Pandemie aus: Die Schweinegrippe.

Wie bei der Schweinegrippe steckte sich der erste Mensch mit dem Coronavirus wahrscheinlich durch Kontakt zu einem infizierten Tier an. Nicht aber durch den Verzehr kontaminierter Nahrung, schon gar nicht durch das Verspeisen einer Fledermaussuppe, die in China alles andere als ein typisches Gericht ist.

Der am engsten mit dem aktuellen Coronavirus verwandte Erreger, den Forscher kennen, stammt aus einer Probe Fledermauskot. Sie wurde im Jahr 2014 in einer Höhle in der südwestchinesischen Provinz Yunnan gefunden, Hunderte Kilometer entfernt von Wuhan. Das Genom dieses Erregers und das von Sars-CoV-2 trennen etwa tausend Mutationen. Daraus schließen Wissenschaftler, dass der letzte gemeinsame Vorfahre der beiden Erreger vor etwa 20 bis 70 Jahren kursierte. Wo sich das Virus in dieser Zeit aufgehalten hat, weiß niemand genau.

Laut chinesischen Behörden wurden auf dem Markt in Wuhan, wo das Virus erstmals dokumentiert wurde, keine Fledermäuse angeboten. Auch wildlebende Exemplare kommen als Überträger kaum in Frage: Die meisten Arten hielten Winterschlaf, als die Pandemie ausbrach.

Wissenschaftler gehen auch deshalb davon aus, dass das Virus von Fledermäusen zuvor auf ein anderes Säugetier übersprang, ehe es Menschen infizierte. Welches Tier der Zwischenwirt war, ist noch unklar. Forscher versuchen nun, das Virengenom in Säugetieren aufzuspüren, die in Frage kommen. Spuren des Erregers sollen im westlichen Teil des Marktes gefunden worden sein, wo Wildtiere verkauft wurden. Auch Schuppentiere werden als mögliche Überträger gehandelt.

Bisher ist jedoch kein Virengenom aus einem Tier bekannt, das die Lücke zwischen Fledermäusen und Menschen schließen könnte. Es ist nicht einmal klar, ob der Markt in Wuhan wirklich der Ursprung der Pandemie war oder ob vielleicht ein bereits infizierter Besucher weitere Menschen ansteckte.

Die Rolle der Fledermäuse in der Corona-Pandemie

Auch wenn Fledermäuse nicht der direkte Überträger der aktuellen Pandemie waren, spielen sie bei der Verbreitung wahrscheinlich eine Schlüsselrolle. Die Tiere dienen Viren als Rückzugsort, von dem aus sich die Erreger immer wieder neu verbreiten können. Biologen sprechen in solchen Fällen von einem natürlichen Reservoir. Mehr als 200 verschiedene Viren sind bekannt, die von Fledermäusen sozusagen beheimatet wurden. Bei den Tieren lösten sie oft keine Symptome aus, aber beim Menschen können sie lebensbedrohlich werden.

Noch ist nicht klar, warum Fledermäuse scheinbar problemlos mit Viren koexistieren können. Vermutlich liegt die Antwort in ihrem Immunsystem, das gleichzeitig die Vermehrung der Viren unterdrückt und sie bis zu einem gewissen Grad duldet.

"Einige Fledermäuse sind zu einer ausgeprägten antiviralen Reaktion in der Lage, können diese aber mit entzündungshemmenden Mechanismen ausgleichen", sagt Cara Brook von der Berkeley University in Kalifornien. Das menschliche Immunsystem würde dagegen mit einer starken Entzündung reagieren, um den Erreger wieder loszuwerden. Das erhöht die Gefahr für eine Überreaktion des Köpers, die lebensbedrohlich werden kann.

Europäische Essgewohnheiten ebenso eine Zeitbombe wie chinesische

Diese Besonderheit des Immunsystems könnte auch erklären, warum Fledermäuse so lange leben. Einige Arten können bis zu 40 Jahre alt werden, während die Lebenserwartung von vergleichbaren Nagetieren bei nur zwei Jahren liegt.

Eine entscheidende Rolle im Immunsystem von Fledermäusen scheinen Interferone zu spielen, die Körperzellen signalisieren, sich gegen Viren abzuschotten. Mikrobiologin Brook hatte in einer aktuellen Studie , an der auch der deutsche Virologe Christian Drosten mitgearbeitet hat, Körperzellen von zwei Fledermausarten und einem Affen extrahiert und ihre Reaktion auf Viren getestet. Während die Fledermauszellen die Erreger dank des Interferons frühzeitig abwehrten, waren die Zellen des Affen schnell überfordert. Sie starben ab, ehe sie die Signalmoleküle freisetzen konnten.

"Man kann sich das wie bei einem Waldbrand vorstellen", sagt Brook. "Einige Zellen schirmen sich mit Brandschutzdecken vor den Flammen ab, sie bleiben unbeschädigt. Doch ein paar virale Zellen bleiben wie schwelende Kohlen zurück." Wenn sich die gesunden Zellen wieder vermehren, so die Theorie, greifen die Viren erneut an und sind darauf programmiert, sich besonders schnell zu reproduzieren, ehe sie die Immunantwort erneut aufhält. Durch das ständige Kopieren steigt die Wahrscheinlichkeit für Mutationen.

Auf diese Weise könnte die Infektion ein Leben lang in der Fledermaus schwelen, ohne ernste Symptome auszulösen. Gleichzeitig steigt die Chance für besonders aggressive Erreger, die lebensbedrohliche Symptome auslösen können, wenn sie auf Tiere überspringen, die sie nicht so leicht abwehren können. Zwar produziert auch das menschliche Immunsystem Interferone, aber diese wirken offenbar anders als in Fledermäusen. Warum das so ist, wollen Forscher nun herausfinden.

Fledermäuse sind längst nicht die einzigen Tiere, in denen sich gefährliche Viren tummeln. Sie kursieren ebenso in Schweinen, Vögeln, selbst in Insekten.

Den Schweinegrippe-Erreger brachten wahrscheinlich Virenstämme aus nordamerikanischen und europäischen Schweinen hervor, die sich vermischten. Irgendwann zwischen Ende 2008 und Anfang 2009 muss er den Sprung vom Schwein auf den Menschen geschafft haben. Weltweit werden mehr als 18.400 Todesfälle mit dem Virus in Verbindung gebracht. Wann eine vergleichbare Pandemie ausbricht, ist nur eine Frage der Zeit. Insofern sind europäische Essgewohnheiten ebenso eine Zeitbombe wie chinesische.