Antikörper gegen Corona Auf der Suche nach Nummer sicher

Wer mit Corona infiziert war, den könnten künftig Antikörper schützen, so die Hoffnung. Doch womöglich nimmt die Immunität mit der Zeit ab. Was bedeutet das für die Entwicklung von Impfstoffen?
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In der München-Klinik Schwabing wurden die ersten Corona-Patienten Deutschlands im Januar 2020 behandelt. Clemens Wendtner, Chefarzt der dortigen Infektiologie, begleitet die neun Genesenen bis heute. Jetzt hat er ihren Immunstatus erneut überprüft und dabei festgestellt, was auch Wissenschaftler rund um den Globus immer wieder berichten: Die Zahl der sogenannten neutralisierenden Antikörper, die das Coronavirus unschädlich machen können, nimmt mit der Zeit ab. "Bei vier der neun Patienten sehen wir sinkende neutralisierende Antikörper in einem sehr speziellen Test, der nur in einem Hochsicherheitslabor erfolgen kann", sagte Clemens Wendtner.

Was bedeutet das für die Betroffenen und das Infektionsgeschehen insgesamt? Kann man sich zweimal mit dem Coronavirus anstecken? Und welche Auswirkungen haben die Ergebnisse für die Produktion eines Impfstoffes? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Was wissen Forscher bislang über die Entwicklung von Antikörpern nach einer Corona-Infektion?

Aus verschiedenen Untersuchungen ist bekannt, dass die Zahl der Antikörper vermutlich mit der Schwere der Erkrankung zusammenhängt: Besonders schwer Erkrankte produzieren demnach oft besonders viele Antikörper. Bei milden und asymptomatischen Verläufen hingegen konnten etwa Schweizer Forscher keine - im späteren Verlauf einer Infektion auftretenden - Antikörper (Immunglobuline G) nachweisen. Diese sind wichtig für das Immungedächtnis, damit das Immunsystem bei erneutem Kontakt mit dem Erreger stärker und schneller reagiert. Die Studie ist bislang nur als Preprint  veröffentlicht worden, wurde also weder von Experten begutachtet noch in einem Fachjournal publiziert.

Eine weitere als Preprint veröffentlichte Untersuchung des Lübecker Gesundheitsamts fand bei 30 Prozent von 110 Corona-Infizierten mit ebenfalls höchstens mäßigen Covid-19-Symptomen keine Antikörper. Und im Fachblatt "Nature Medicine" berichten Forscher aus China , dass bei Infizierten ohne Symptome die Antikörper-Konzentration im Blut bereits nach kurzer Zeit deutlich sank.

Für den Infektionsmediziner Thomas Jacobs vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin ist es plausibel, dass gerade bei asymptomatischen Erkrankungen schnell wenige oder gar keine Antikörper mehr auffindbar sind: "Wenige Viren im Hals- und Rachenbereich genügen wahrscheinlich nicht, um eine große Antikörper-Antwort oder T-Zellen-Immunität auszulösen." Für das Immunsystem habe diese angepasste Reaktion durchaus Sinn, da der Mensch im Alltag ständig Pathogenen ausgesetzt sei: "Wenn wir mit leichten Waffen antworten können, brauchen wir keine schweren Geschütze aufzufahren." Bei Covid-19-Erkrankungen mit schwereren Symptomen werde indes vermutlich schon ein längerfristiger Schutz aufgebaut.

Schützt eine durchgemachte Corona-Infektion vor Neuansteckung?

Diese Frage können Forscher noch nicht abschließend beantworten. Clemens Wentdner sagt, inwieweit die Ergebnisse der Antikörper-Spiegel Auswirkungen für die Langzeitimmunität und die Impfstrategien hätten, sei derzeit noch spekulativ. Seine Ergebnisse deuteten aber darauf hin, dass eine Neuansteckung nach durchgemachter Krankheit zumindest möglich sei. Im April hatte der Infektiologe im Interview mit dem SPIEGEL gesagt: "Corona-Patienten bleiben mindestens drei Monate immun."

Auch der Immunologe Jacobs meint: "Wir wissen generell noch nicht genau, wie Antikörper schützen." Studien würden zwar einen solchen Schutz nahelegen, "aber wie hoch beispielsweise der Antikörper-Spiegel dafür sein muss, bleibt unklar".

Studien zu anderen Coronaviren weisen darauf hin, dass eine Immunität, die eine erneute Sars-CoV-2-Infektion komplett verhindern könne, vielleicht nur einige Monate bestehen bleibe, erklärte der Virologe Shane Crotty vom La Jolla Institute of Immunology in Kalifornien im Fachmagazin "Nature" . Eine Immunität, die Symptome abmildere, könnte es demnach aber länger geben.

Was ist über die Immunantwort nach einer Corona-Infektion bislang bekannt?

Die Immunantwort fällt bei Menschen offenbar uneinheitlich aus. Bei der Abwehr von Erregern spielen sogenannte B- und T-Zellen  eine wichtige Rolle. Während die B-Zellen unter anderem verschiedene spezifische Antikörper gegen Eindringlinge herstellen, können T-Zellen Erreger direkt angreifen oder indirekt unschädlich machen, indem sie andere Botenstoffe aktivieren. Allerdings ist ungewiss, welcher Teil dieser ineinander greifenden Immunabwehr besonders wichtig ist für einen längerfristigen Schutz vor Coronaviren.

Infektionsmediziner Jacobs verweist auf Studien aus den USA und Deutschland: Darin hatten bis zu 30 Prozent der Menschen, die nicht mit Sars-CoV-2 infiziert waren, dennoch bestimmte, sogenannte T-Helferzellen, die auf dieses Coronavirus reagierten: "Wahrscheinlich hatten sie schon einmal Kontakt mit sogenannten Common-Cold-Coronaviren" - also mit anderen Coronaviren, die herkömmliche Erkältungen auslösen. Ein solcher Kontakt könnte eine Teilimmunität gegen Covid-19 bieten. "Das würde erklären, warum bei der Infektion so unterschiedliche Dynamiken und Symptome zu beobachten sind", vermutet Jacobs. Noch ist allerdings unklar, ob und welchen Schutz diese sogenannte T-Zell-Reaktivität bieten könnte.

Während die Immunantwort bei manchen Patienten nur leicht ausgeprägt ist, fällt sie bei anderen stärker aus, sie erkranken. Bei einigen wenigen Patienten wiederum gerät das Immunsystem aus dem Gleichgewicht, ein lebensbedrohlicher Zytokin-Sturm kann die Folge sein.

Was bedeuten die Ergebnisse zu den Antikörpertests für die Entwicklung von Impfstoffen?

Impfstoffe zielen darauf ab, dass der Körper seine erworbene Immunabwehr - also B- und T-Zellen und Antikörper – gezielt gegen bestimmte Erreger aufrüstet. Die Sorge besteht daher, dass auch die durch Impfstoffe erzeugte Immunität mit der Zeit abnehmen könnte.

Entkräften können Forscher dieses Szenario nicht - allerdings gilt das auch für viele andere Impfstoffe: Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie oder Keuchhusten etwa müssen - nach einer Grundimmunisierung im Kindesalter - alle zehn Jahre aufgefrischt werden. Auch die Grippeimpfung muss jedes Jahr neu erfolgen, weil sich die Influenzastämme von Jahr zu Jahr unterscheiden.

Viel wichtiger ist daher, dass es Forschern überhaupt in naher Zukunft gelingt, einen oder mehrere wirksame und sichere Impfstoffe zu finden und in ausreichender Menge zu produzieren.

Wie viele potenzielle Impfstoffe werden derzeit geprüft?

Die WHO listet - Stand 7. Juli 2020 - 160 Impfstoffkandidaten gegen Sars-CoV-2 , die unterschiedliche Pharmafirmen weltweit erforschen und erproben. Auch Ansätze von Universitäten sind darunter, die selbst noch nie einen Impfstoff hergestellt haben. 21 davon befinden sich bereits in der Phase I oder II der sogenannten klinischen Prüfung. Das heißt: Sie werden bereits am Menschen getestet. Auch die deutschen Unternehmen Curevac  und Biontech testen Impfstoffkandidaten in diesen fortgeschrittenen Phasen.

Warum dauert das so lange?

Bislang dauerte es mehr als ein Jahrzehnt, bis ein neuer Impfstoff Marktreife erlangte. Weil er später gesunden Menschen verabreicht werden soll, muss er besonders hohe Sicherheitsprüfungen durchlaufen. Beim neuen Coronavirus gilt es jetzt als sehr optimistisch, dass ein oder mehrere Impfstoffkandidaten den Zulassungsprozess bis zum Ende des Jahres erfolgreich durchlaufen haben.

Hinzu kommen voraussichtlich Probleme, die Menschen flächendeckend zu versorgen, denn die Impfstoffe müssen in Massenproduktionen hergestellt werden. Derzeit versuchen verschiedene Firmen bereits, die Kapazitäten dafür neben der laufenden Impfstoffsuche aufzubauen.

hei/dpa
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