Corona-Pandemie Was steckt hinter dem AstraZeneca-Impfstoff?

Der AstraZeneca-Impfstoff gegen Covid-19 ist jetzt auch in der EU zugelassen worden. Das ist ein Gewinn für die Impfkampagne in Deutschland, doch es bleiben Fragen.
AstraZeneca-Impfstoff: Günstig und leicht aufzubewahren

AstraZeneca-Impfstoff: Günstig und leicht aufzubewahren

Foto: FRANCIS MASCARENHAS / REUTERS

In der Europäischen Union (EU) gibt es nun einen dritten Corona-Impfstoff: Die Arzneimittelagentur EMA hat den Impfstoff von AstraZeneca für die Zulassung empfohlen, die EU-Kommission ist dem gefolgt. Die solle Zulassung gilt für Menschen ab 18 Jahren.

Trotz des Hickhacks um den Covid-19-Impfstoff in den vergangenen Tagen und der im Vergleich zu anderen Produkten wohl geringeren Wirksamkeit, ist das Mittel ein Gewinn – auch für die Impfkampagne in Deutschland. Eine SPIEGEL-Umfrage hatte kürzlich ergeben, dass ein großer Teil der Bundesländer die Impfstoffknappheit als Grund für das schleppende Vorankommen der Impfungen in Deutschland sieht.

Jeder weitere Impfstoff trägt in dieser Lage dazu bei, das Problem zumindest etwas abzumildern. Allerdings hatte in Deutschland die Ständige Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut (RKI) am Donnerstag mitgeteilt, den Wirkstoff nur für unter 65-Jährige zu empfehlen. Die Alterseinschränkung hat zur Folge, dass Deutschland seine Impfstrategie anpassen muss.

Menschen unter 65 Jahren könnten nun früher geimpft werden. Gesundheitsminister Jens Spahn hat angekündigt, sich dazu in den nächsten Tagen äußern zu wollen. Grundsätzlich können sich Impfwillige im Rahmen der Zulassungsvorgaben aussuchen, welchen Impfstoff sie bekommen, müssen aber mit noch längeren Wartezeiten rechnen, falls ihr bevorzugtes Produkt rar ist.

Leichtere Lagerung, geringerer Preis

Der Impfstoff von AstraZeneca ist der erste in der EU zugelassene Corona-Impfstoff, der nicht auf mRNA basiert. Bei dem Produkt handelt es sich stattdessen um einen Vektor-Impfstoff.

Der funktioniert so: AstraZeneca hat den genetischen Bauplan eines typischen Sars-CoV-2-Proteins in ein für den Menschen harmloses Schimpansen-Virus integriert. Das Virus transportiert den Bauplan in menschliche Zellen, die das Spike-Protein des Virus herstellen. Der Körper entwickelt dann Antikörper dagegen.

Bei den mRNA-Vakzinen wird der genetische Bauplan eines Virusproteins in einer Fettschutzhülle in den Körper gebracht. Auch hier stellt der Körper das Protein anschließend selbst her und entwickelt Antikörper dagegen.

Die unterschiedlichen Transporttechniken der Impfstoffe mögen wie ein vernachlässigbares Detail klingen, haben aber Folgen: Ein Vorteil der Vektor-Technologie ist, dass der Impfstoff von AstraZeneca deutlich günstiger ist als die noch nicht so etablierten mRNA-Impfstoffe. Zudem lässt er sich leichter lagern und transportieren.

Das Mittel ist ein halbes Jahr bei Kühlschranktemperaturen haltbar. Im Gegensatz dazu benötigen die bisher verfügbaren mRNA-Impfstoffe für die längerfristige Aufbewahrung hohe Minusgrade. Der Impfstoff von Moderna muss bei minus 20 Grad gelagert werden, die Biontech/Pfizer-Vakzine braucht 70 Grad Minus, um mehrere Monate stabil zu bleiben. Geht bei der Kühlung etwas schief, sind die Dosen verdorben.

Aufwendigere Produktion

Das Produkt von AstraZeneca hat aber auch Nachteile. So ist es deutlich schwieriger, die Produktion zu skalieren, also in kurzer Zeit auf sehr große Impfstoffmengen hochzufahren. Das Problem: Die Vektorviren müssen zunächst im Labor herangezüchtet werden. Das kostet Zeit und Ressourcen.

AstraZeneca musste kürzlich einräumen, dass es statt der erwarteten 80 Millionen Impfdosen im ersten Quartal 2021 wohl nur 31 Millionen an die EU wird liefern können. Das führte zu Auseinandersetzungen mit der Europäischen Kommission .

An Deutschland wollte AstraZeneca im ersten Quartal 2021 ursprünglich sechs Millionen Impfdosen liefern. Zum Vergleich: Biontech/Pfizer hat für den Zeitraum neun Millionen Dosen zugesagt, Moderna 1,8 Millionen. Als erster Staat der Erde hatte Großbritannien den AstraZeneca-Impfstoff Ende Dezember 2020 zugelassen. Dort wird er bereits auch an ältere Menschen verimpft.

Die Frage der Wirksamkeit

Zuletzt gab es vermehrt auch Diskussionen um die Wirksamkeit des Impfstoffs. Bisherige Untersuchungen zeigen, dass das Mittel bei der Gabe von zwei vollen Dosen eine Wirksamkeit von etwa 60 Prozent besitzt. Es verringert das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, also mindestens um gut die Hälfte. Die Krankheitslast in der Pandemie ließe sich auch mit diesem Impfstoff erheblich senken.

Errechnet wurde der Wert in einer Phase-III-Studie  mit 8898 Probanden, von denen ungefähr die Hälfte mit dem Wirkstoff geimpft wurde und die andere Hälfte mit einem wirkungslosen Placebo. Im Studienzeitraum erkrankten unter den Probanden 98 an Covid-19 – mit 71 ein Großteil davon in der Placebo-Gruppe. Aus dem Vergleich zwischen der Zahl der Krankheitsfälle in beiden Gruppen lässt sich die Wirksamkeit ableiten.

In einer kleineren Teiluntersuchung mit 2700 Probanden in Großbritannien hatte sich zugleich eine deutlich bessere Wirksamkeit der Vakzine von 90 Prozent angedeutet. AstraZeneca hatte Studienteilnehmern hier, versehentlich oder gewollt, das ist nicht ganz klar, zunächst eine halbe Dosis des Impfstoffs verabreicht und erst bei der Zweitimpfung eine volle.

Allerdings ist die Datenbasis dieser Untersuchung noch zu schwach für endgültige Aussagen. Unter den Studienteilnehmern gab es nur 33 Covid-19-Fälle, drei unter den mit dem Wirkstoff geimpften und 30 in der ähnlich großen Kontrollgruppe. Ein Fall mehr oder weniger auf der ein oder anderen Seite würde bei der geringen Gesamtfallzahl prozentual bereits einen großen Unterschied machen.

Zum Vergleich: Die ersten Zwischenergebnisse von Biontech/Pfizer und Moderna basierten auf fast 100 Fällen unter mehreren Zehntausend Probanden, von denen ein Teil den Wirkstoff und ein Teil ein Placebo erhalten hatte.

Zu wenige Daten aus der Risikogruppe

Die Phase-III-Studien von AstraZeneca haben jedoch alle eine Schwäche, die auch erklärt, warum die Stiko in Deutschland mit Blick auf eine Impfempfehlung für ältere Menschen noch zurückhaltend ist: Der Großteil der Probanden in den Untersuchungen war maximal 55 Jahre alt. Nur eine kleine Untergruppe, etwa acht Prozent, umfasste Menschen zwischen 56 und 69 Jahren. Ein noch kleinerer Anteil, knapp vier Prozent, waren Menschen über 70 Jahre.

Wie wirksam der Impfstoff in den hohen Altersgruppen ist, lässt sich anhand der Daten nicht ablesen. Die EMA hatte AstraZeneca daher vor der Zulassung aufgefordert, zusätzliche Informationen zur Verfügung zu stellen.

Im zurückhaltenden Stiko-Beschluss vom Donnerstag  sind Informationen von einer Prüfung mit 660 Probanden ab 65 Jahren enthalten. Den Angaben zufolge traten in der Studie in der Altersgruppe nur zwei Covid-19-Fälle auf – einer unter den Geimpften und einer in der Kontrollgruppe.

Eine Aussage über die Wirksamkeit des Impfstoffs bei Älteren lassen sich anhand dieses reinen Zufallsergebnisses schlicht nicht treffen. Weder belegen die Daten, dass die Impfung bei Senioren gänzlich wirkungslos ist, noch zeigen sie, dass sie ähnlich gut wirkt, wie bei Jüngeren.

Eine Studie aus dem November  mit 320 Probanden über 56 Jahren weist grundsätzlich aber in Richtung einer Wirksamkeit bei Älteren. Darin hatten nach der zweiten Impfung alle Teilnehmer Antikörper gegen das Spike-Protein des Coronavirus gebildet. In der Gruppe waren auch 200 Menschen im Alter von 70 Jahren oder älter. Wie verlässlich dieser Schutz Covid-19 verhindert, ist aber noch unklar.

Zuvor hatte das »Handelsblatt« berichtet , der AstraZeneca-Impfstoff habe bei Älteren nur eine Wirksamkeit von etwa acht Prozent. Aussagekräftige Belege für die Aussage fehlen allerdings, AstraZeneca bestreitet die Angabe.

Grundsätzlich ist es denkbar, dass das Mittel bei Menschen ab 65 Jahren eine etwas geringere Wirksamkeit hat. Das Immunsystem älterer Menschen reagiert teils nicht mehr so stark auf Impfstoffe wie das von jüngeren. Auch die Mittel von Biontech/Pfizer und Moderna wirken unter Älteren etwas schwächer. Allerdings geht es hier um wenige Prozentpunkte.

Und die schwächere Reaktion des Körpers auf die Impfung hat auch Vorteile: Impfreaktionen auf die Wirkstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna wie Kopfschmerzen, Müdigkeit und Abgeschlagenheit sowie Schmerzen an der Einstichstelle sind bei Älteren seltener. Wie sich das beim AstraZeneca-Impfstoff verhält, muss sich noch zeigen.