Corona-Faktencheck Das Pandemie-Planspiel

2012 entwarfen deutsche Behörden das Szenario eines weltweiten Coronavirus-Ausbruchs. Hätten sie besser auf die aktuelle Krise vorbereitet sein müssen? So einfach ist es nicht.

Schwer erkrankter Corona-Patient landet am Flughafen Dresden: In Frankreich können nicht mehr alle Infizierten adäquat behandelt werden

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Robert Michael/ dpa

Rückblickend liest sich das Dokument in Teilen wie eine düstere Vorhersage: Ein Coronavirus ist auf einem Markt in Südostasien von einem Wildtier auf einen Menschen übergesprungen und breitet sich in der Folge weltweit aus.

Ansteckend ist es vor allem über Tröpfcheninfektionen, es kann aber auch einige Tage auf Oberflächen überleben. Erkrankte leiden typischerweise unter trockenem Husten und Fieber. Ein Infizierter steckt ungefähr drei weitere Menschen an. Zunächst gibt es keine Medikamente und keinen Impfstoff.

All das haben Forscher unter der Leitung des Robert Koch-Instituts (RKI) bereits vor Jahren beschrieben. Der "Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012"  wurde im Januar 2013 veröffentlicht und ist bis heute auf den Internetseiten des Bundestages zu finden. Nach Deutschland gelangt der Erreger in dem fiktiven Szenario über zwei Reisende. Der eine kehrt von einem Auslandssemester an seine Universität in Süddeutschland zurück, der andere ist Gast auf einer Messe in einer Großstadt in Norddeutschland.

Obwohl das Dokument seit langer Zeit einsehbar ist, wittert manch ein Verschwörungstheoretiker hinter dem neuen Corona-Ausbruch nun einen lang erdachten Geheimplan. Andere fragen sich, warum Deutschland nicht besser vorbereitet ist, wenn Szenarien wie diese doch längst bekannt waren. Was hat es also mit dem Schriftsatz auf sich?

Szenario basierte auf der Realität, nicht umgekehrt

Zunächst für alle, die die verblüffende Ähnlichkeit des Szenarios mit der Realität überrascht, hier ein paar Worte zur Beruhigung: Die beteiligten Forscher haben sich das Szenario vor mehr als acht Jahren nicht einfach ausgedacht. Die Risikoanalyse basiert auf einer realen Coronavirus-Pandemie aus dem Jahr 2002/2003. Damals sprang in Südchina ein Virus von einem Wildtier auf den Menschen über. Der Ursprung waren wahrscheinlich Fledermäuse, die andere, dem Menschen nahe Säugetiere angesteckt hatten.

Sars-CoV breitete sich damals in 25 Staaten aus. Etwa 8000 Menschen infizierten sich nachweislich, ungefähr zehn Prozent davon starben. Dieses Virus nutzten die Forscher etwa zehn Jahre später in ihrer Risikoanalyse mit Blick auf eine weitere, theoretisch mögliche Corona-Pandemie.

Sars-Pandemie 2002/2003: 8000 Infizierte, 800 Tote

Sars-Pandemie 2002/2003: 8000 Infizierte, 800 Tote

Foto: Maximilian Dörrbecker/ CC BY-SA 4.0

Bei der Frage, wie das fiktive Virus namens "Modi-Sars" im Szenario übertragen wird, orientierten sich die Forscher sogar nahezu vollständig am echten, schon damals bekannten Sars-Erreger. Es gab nur einen Unterschied.

Während Sars-CoV erst von Mensch zu Mensch übertragen wurde, sobald ein Infizierter deutliche Symptome hatte, sollte Modi-Sars in den Planspielen schon mit Auftreten der ersten Symptome ansteckend sein. In diesem Punkt ist der fiktive Erreger dem neuen Coronavirus ähnlicher als das alte Sars-CoV.

Die Forscher wollten durch diese neue Eigenschaft von Modi-Sars simulieren, wie sich dieses Virus ausbreiten würde - und welche Konsequenzen das hätte. Es handele sich um ein Extremszenario, das nur einmal in 100 bis 1000 Jahren auftrete. So schrieben es die Forscher damals.

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2002/2003 konnte die Sars-Pandemie vergleichsweise zügig eingedämmt werden, indem Ansteckungsketten verfolgt und Infizierte rasch isoliert wurden. In Deutschland kam es so zu nur neun nachgewiesenen Infektionen und keinem Todesfall.

Szenario entspricht nicht der aktuellen Lage

Die aktuelle Pandemie unterscheidet sich im Detail deutlich vom 2012 durchgespielten Szenario. So sterben in der aktuellen Coronakrise weit weniger als die angenommenen zehn Prozent aus der ersten Sars-Pandemie. Die genaue Todesrate beim neuen Coronavirus ist zwar noch unklar, Hochrechnungen gehen aber davon aus, dass weniger als ein Prozent der tatsächlich Infizierten im Zusammenhang mit dem Virus sterben.

Auch wenn man die Todesrate anhand der Zahl der nachweislich Infizierten errechnet, kommt man auf eine Todesrate von deutlich unter zehn Prozent. In Deutschland liegt die sogenannte Fallsterblichkeit derzeit bei 1,5 Prozent. Todesraten von um die zehn Prozent gibt es bislang nur in Italien und Spanien, wo nicht mehr alle Kranken behandelt werden können.

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Ein wesentlicher Unterschied zur ersten Sars-Pandemie und dem fiktiven Szenario ist auch, dass Deutschland Zeit hatte, sich auf das neue Coronavirus vorzubereiten. Die ersten Fälle in China wurden Ende 2019 bekannt. Deutschland erreichte der Erreger erstmals Ende Januar, als Behörden bereits in erhöhter Alarmbereitschaft waren. Die ersten Fälle konnten noch einzeln nachverfolgt werden. Menschen, die Kontakt zu Infizierten hatten, wurden informiert und isoliert.

Extremszenario statt Vorhersage

In dem theoretischen RKI-Szenario aus 2012 breitet sich das Virus im Februar eines Jahres aus. Die WHO schlägt erst Alarm, als schon die ersten Fälle in Deutschland bekannt sind. Eine Impfung gibt es erst nach drei Jahren, deutlich später als aller Voraussicht nach beim aktuellen Coronavirus: Im Zusammenhang mit Sars-CoV-2 rechnen Experten damit, dass Mitte/Ende kommenden Jahres ein Impfstoff verfügbar ist.

Diese Verzögerung führt im fiktiven Beispiel zu einem dramatischen Ergebnis: "Zum Höhepunkt der ersten Erkrankungswelle nach circa 300 Tagen sind circa 6 Millionen Menschen in Deutschland an Modi-Sars erkrankt. Das Gesundheitssystem wird vor immense Herausforderungen gestellt, die nicht bewältigt werden können", schreibt das RKI. Bis der Impfstoff zugelassen wäre, würden demnach im Planspiel mindestens 7,5 Millionen Menschen sterben.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Allerdings betonen die Autoren, dass es sich dabei nicht um eine Vorhersage handelt, sondern um ein theoretisches Extremszenario. "Es ist in der Praxis nicht vorhersehbar, welche neuen Infektionskrankheiten auftreten, wo sie vorkommen werden und wann dies geschehen wird. Daher ist eine spezifische Prognose nicht möglich", schreiben sie.

Materialmangel hätte mit besserer Planung wohl verhindert werden können

Ganz unabhängig von dem Planspiel aus 2012 stellt sich rückblickend dennoch die Frage, ob Bundes- und Landesbehörden das neue Coronavirus zu lange unterschätzt haben. Denn spätestens seit dem Sars-Ausbruch 2002 - und eigentlich auch schon zuvor durch das HI-Virus - ist das Potenzial von Erregern bekannt, die vom Tier auf den Menschen übergehen können.

Noch 2015 sagte RKI-Chef Wieler der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" mit Blick auf diese Entwicklung, wir müssten mit Blick auf sich neu entwickelnde Viren "stets wachsam sein". Diese entstehen zum Beispiel, wenn bekannte Viren mutieren und das Immunsystem sie nicht mehr erkennt. Zudem können Tiere gewaltige Reservoire für Krankheitserreger sein.

Fledermäuse etwa tragen oftmals bis zu 200 verschiedene Viren in sich. Die Partikel machen die Tiere nicht krank, können aber direkt oder über Zwischenwirte auf den Menschen überspringen und für ihn tödlich sein (mehr dazu lesen Sie hier).

Es gibt seit vielen Jahren Pläne für den Fall einer Pandemie in Deutschland. Die Regierung wird sich in den nächsten Wochen und Monaten wohl noch öfter kritische Frage gefallen lassen müssen. Die Pandemie hätte sie am Ende wohl nicht verhindern können. Dass hierzulande Desinfektionsmittel, Schutzbekleidung in Krankenhäusern und einfache Masken knapp werden, schon.