Zulassungsempfehlung für Johnson & Johnson Was die Covid-19-Impfstoffe verbindet – und was sie unterscheidet

Bald könnte der vierte Impfstoff gegen Covid-19 in der EU verfügbar sein. Die Mittel unterscheiden sich teils in der Anwendung, Verfügbarkeit und Wirksamkeit. Der Überblick.
Impfdosis

Impfdosis

Foto: Patrick Pleul / dpa

Zur Eindämmung der Coronapandemie darf in der Europäischen Union (EU) voraussichtlich bald auch der Impfstoff des Herstellers Johnson & Johnson genutzt werden. Die EU-Arzneimittelbehörde Ema hat ihn am Donnerstag für die Zulassung empfohlen. Die endgültige Entscheidung trifft die EU-Kommission, ihre Zustimmung gilt aber als Formsache.

Der Corona-Impfstoff des US-Pharmakonzerns Johnson & Johnson hat eine Besonderheit: Das Präparat muss nur einmal verabreicht werden. Damit unterscheidet es sich von den drei bislang in der EU zugelassenen Impfstoffen, die zwei Dosen benötigen. Ein Überblick über Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Mittel.

Wie funktionieren die Impfstoffe?

Die Mittel von AstraZeneca und Johnson & Johnson sind sogenannte Vektorimpfstoffe. Ein für den Menschen unbedenkliches Virus schleust dabei Informationen des krank machenden Erregers in den Körper ein.

Bei Johnson & Johnson ist das Transportmittel ein unschädlich gemachtes menschliches Schnupfenvirus. Es enthält genetisches Material eines Oberflächenproteins, mit dem der Erreger Sars-CoV-2 an menschliche Zellen andockt. Die Körperzellen des Geimpften bilden mithilfe der eingebauten Bauanleitung dieses Protein, der Körper entwickelt eine Immunantwort.

(Behalten Sie den Überblick: Jeden Werktag gegen 17 Uhr beantworten SPIEGEL-Autoren die wichtigsten Fragen des Tages. »Die Lage am Abend« – hintergründig, kompakt, kostenlos. Hier bestellen Sie Ihr News-Briefing als Mail.)

Die Präparate von Biontech/Pfizer und Moderna sind dagegen sogenannte mRNA-Impfstoffe. Die mRNA liefert hier die Bauanleitung für einen Bestandteil des Covid-19-Erregers. Sie gelangt mithilfe winziger Fetttröpfchen in die Körperzellen. Diese stellen dann ebenfalls das Virusprotein her, gegen das der Körper seine Immunantwort entwickelt.

Wie gut wirken die Impfstoffe?

Der Impfstoff von Johnson & Johnson reduziert das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, laut den Daten großer Phase-III-Studien um 66 Prozent, also etwa zwei Drittel – gemessen 28 Tage nach Verabreichung. Das Risiko, schwer oder lebensbedrohlich zu erkranken, sinkt bis zu dem Zeitpunkt um 85 Prozent, ab 50 Tagen nach der Impfung kam es zu keiner einzigen schweren Erkrankung mehr.

Das Mittel von AstraZeneca reduziert das Erkrankungsrisiko um Werte zwischen 60 und 70 Prozent und verhindert schwere bis tödliche Verläufe ebenfalls mit nahezu absoluter Sicherheit. Auch dieser Impfstoff ist somit in der Lage, die Krankheitslast und damit auch die Belastung der Krankenhäuser in der Pandemie deutlich zu reduzieren.

Auch die mRNA-Impfstoffe schützen vor schweren und tödlichen Verläufen mit nahezu absoluter Sicherheit. Die generelle Wirksamkeit der Mittel von Biontech/Pfizer und Moderna gegen Covid-19 liegt spätestens zwei Wochen nach der zweiten Dosis bei ungefähr 95 Prozent.

DER SPIEGEL

Daten aus der Praxis bestätigen grundsätzlich die Angaben aus den Studien. In Israel, wo überwiegend Biontech-Impfstoff verwendet wurde, und in Großbritannien, das sehr viel AstraZeneca verimpft hat, gehen Klinikeinweisungen stark zurück. Studien aus Israel und Großbritannien legen auch nahe, dass das Biontech-Mittel Ansteckungen mit dem Virus Sars-CoV-2  deutlich reduziert.

Wie oft wird geimpft?

Das Präparat von Johnson & Johnson muss nur einmal verabreicht werden. Das liegt schlicht daran, dass das Unternehmen sein Produkt entsprechend getestet hat.

In frühen Studien experimentierte der Pharmakonzern auch mit zwei Dosen im Abstand von 56 Tagen. In der Gruppe der 18- bis 55-Jährigen hatten jedoch etwa einen Monat nach der einmaligen Impfung bereits über 90 Prozent der Teilnehmer neutralisierende Antikörper gegen das Coronavirus in höheren Konzentrationen im Blut. Der Konzern setzte daraufhin auf eine Einmalgabe.

Alle drei weiteren in der EU zugelassenen Impfstoffe wurden mit zwei Dosen getestet. Bei Biontech/Pfizer bekommt der Patient im Abstand von etwa drei Wochen jeweils eine Dosis. Beim Produkt von Moderna sind es rund vier, bei AstraZeneca mindestens vier Wochen.

In einer neuen Studie erreichte das Mittel von AstraZeneca bei einem größeren Abstand zwischen den Dosen eine Wirksamkeit von bis zu 82 Prozent. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Ständige Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut (RKI) empfehlen daher inzwischen, mit der Zweitimpfung zwölf Wochen zu warten. Auch Menschen über 65 können nun mit dem Mittel geimpft werden.

Bei beiden Impfungen soll stets dasselbe Präparat zum Einsatz kommen. Eine spätere Nachimpfung mit einem anderen Präparat – etwa von Vektor- zu mRNA-Impfstoff – ist nach Ansicht von Immunologen aber problemlos möglich.

Welche Nebenwirkungen gibt es?

Unterschieden werden muss hier zwischen ernsten Nebenwirkungen und sogenannten Impfreaktionen. Letztere entstehen, wenn sich das Immunsystem des Körpers mit dem Impfstoff auseinandersetzt, und sind somit zu einem gewissen Grad erwünscht, damit die Impfung wirken kann.

Wer sich gegen Covid-19 impfen lassen möchte, muss aber wissen, dass diese Reaktionen sowohl bei mRNA- als auch bei Vektorimpfstoffen deutlich häufiger auftreten als bei klassischen Vakzinen etwa auf der Basis von abgeschwächten Viren. Die Reaktionen können unangenehm sein, sind aber nicht gefährlich und verschwinden von allein wieder.

Zu den häufigsten Impfreaktionen der Mittel gegen Covid-19 zählen Schmerzen an der Einstichstelle, Abgeschlagenheit, Kopf- und Gelenkschmerzen sowie Schüttelfrost. Einige der Beschwerden treten bei der Hälfte der Geimpften oder sogar mehr auf. Meistens sind die Beschwerden aber schwach bis mild ausgeprägt.

In sehr viel selteneren Fällen treten aber auch echte Nebenwirkungen auf: Laut RKI können bei den mRNA-Präparaten, wie bei allen anderen Impfstoffen, »in sehr seltenen Fällen« etwa allergische Sofortreaktionen bis hin zum Schock nicht ausgeschlossen werden. Aus diesem Grund werden frisch Geimpfte für 15 bis 20 Minuten nachbeobachtet. Allergische Schocks lassen sich dann gut behandeln.

In Dänemark wurden die Impfungen mit dem AstraZeneca-Mittel zudem gerade gestoppt, weil schwere Fälle der Bildung von Blutgerinnseln bei Geimpften aufgetreten waren. Es gab einen Todesfall. Ob die Impfung die Ursache war, ist jedoch noch unklar und wird untersucht.

Generell kommt es zu Nebenwirkungen von Impfungen in aller Regel in den Stunden, Tagen, Wochen oder Monaten nach der Gabe. Ernste Probleme müssten für die bereits zugelassenen Impfstoffe also inzwischen bekannt sein, selbst wenn sie recht selten auftreten.

Die Ständige Impfkommission beim RKI (Stiko) empfiehlt die Impfung auch für Menschen mit Immunschwäche – also zum Beispiel bei HIV-Infektionen, Krebserkrankungen oder nach Organtransplantationen.

»Wenngleich Personen mit geschwächtem Immunsystem möglicherweise nicht so gut auf den Impfstoff ansprechen, bestehen keine besonderen Sicherheitsbedenken«, heißt es auch bei der Ema.

Schützen die Impfstoffe auch vor Varianten des Virus?

Erste Tests der Hersteller Biontech/Pfizer und Moderna deuten darauf hin, dass ihre Impfstoffe auch vor den beiden zunächst in Großbritannien und Südafrika nachgewiesenen Varianten schützen. Allerdings stellten die Unternehmen auch fest, dass Geimpfte gegen die Variante aus Südafrika offenbar eine schwächere Immunantwort aufbauen.

Die AstraZeneca-Vakzine schützt vor der britischen Mutante B.1.1.7, die zunehmend auch in Deutschland die Oberhand gewinnt, Zweifel gibt es jedoch an der Wirksamkeit gegen die südafrikanische Variante.

Man könne den Impfstoff gegebenenfalls anpassen, teilten Pfizer und Biontech mit. Moderna will unter anderem die Wirkung einer zusätzlichen Auffrischungsdosis testen. Noch ist allerdings unklar, ob die Impfreaktionen auf den mRNA-Impfstoff bei einer dritten Dosis zu stark wären (mehr dazu hier ).

Südafrika setzt nun auf das Präparat von Johnson & Johnson. In einer Studie in Südafrika hat es laut Herstellerangaben  das Risiko einer Covid-19-Erkrankung um 57 Prozent reduziert. Wie wirksam es allein gegen die Mutante ist, ist allerdings unklar.

Wie werden die Impfstoffe gelagert?

Ein großer Vorteil der Mittel von Johnson & Johnson und AstraZeneca ist, dass diese über Monate bei Kühlschranktemperaturen von zwei bis acht Grad Celsius haltbar sind.

Der Impfstoff von Biontech/Pfizer wird dagegen bei rund minus 70 Grad aufbewahrt. Nach jüngsten Informationen der Unternehmen bleibt er jedoch zwei Wochen lang auch bei minus 25 bis minus 15 Grad Celsius stabil. Beim Moderna-Impfstoff muss es mit etwa minus 20 Grad nicht ganz so kalt sein.

Wie viel Impfstoff ist für Deutschland vorgesehen?

Die EU-Kommission hat mit insgesamt sechs Herstellern Rahmenverträge über die Lieferung von insgesamt etwa 2,3 Milliarden Impfstoffdosen geschlossen.

Deutschland hat sich laut Gesundheitsministerium gut 94 Millionen Dosen von Biontech/Pfizer gesichert, von Moderna rund 50 Millionen. Von AstraZeneca sollen 56,3 und von Johnson & Johnson 36,7 Millionen Dosen geliefert werden.

jme/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.