Corona-Impfstoff Erfolgsmeldung mit Lücken

Laut einer ersten Zwischenprüfung ist der Corona-Impfstoff der Mainzer Firma Biontech und des US-Unternehmens Pfizer deutlich wirksamer als erhofft. Doch wichtige Fragen bleiben offen. Der Überblick.
Arbeit im Labor (Symbolbild): "Es muss sich noch zeigen, ob der Impfstoff in Risikogruppen ebenso effektiv ist"

Arbeit im Labor (Symbolbild): "Es muss sich noch zeigen, ob der Impfstoff in Risikogruppen ebenso effektiv ist"

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boonchai wedmakawand/ Getty Images

Endlich gibt es in der Corona-Pandemie eine gute Nachricht: Der Pharmahersteller Pfizer, der seinen Corona-Impfstoffkandidaten gemeinsam mit dem deutschen Unternehmen Biontech entwickelt hat, gab am Montag das erste Zwischenergebnis seiner wichtigen Phase-III-Prüfung bekannt.

Demnach bietet der Impfschutz den ersten Auswertungen zufolge einen mehr als 90-prozentigen Schutz vor einer Covid-19-Erkrankung. Die unabhängige Expertengruppe, die die Studie überwache, das sogenannte Data Monitoring Commitee (DMC), habe "keine ernsthaften Sicherheitsbedenken" gemeldet.

Pfizer und Biontech wollen bald eine Zulassung bei der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA beantragen. In der Fachgemeinde ist die Euphorie groß. Es gibt allerdings noch ein paar Einschränkungen. Der Überblick.

Wie testen Pfizer und Biontech den Impfstoff?

Pfizer und Biontech untersuchen die Wirksamkeit ihres Impfstoffs BNT162b2 in einer Phase-III-Studie an rund 43.500 Personen, von denen etwa die Hälfte ein wirkungsloses Placebo erhält. Die Impfung erfolgt in zwei Schritten im Abstand von drei Wochen. Wie gut sie funktioniert, lässt sich abschätzen, indem die Zahl der Covid-19-Erkrankungen unter den Geimpften mit der Zahl der Erkrankungen in der Placebogruppe verglichen wird.

Klinische Prüfung der Impfstoffentwicklung in drei Phasen

Bis ein Impfstoff zugelassen wird, muss er in drei Phasen klinisch geprüft werden. Damit das Paul-Ehrlich-Institut einen potenziellen Impfstoff für eine klinische Studie am Menschen zulässt, muss ein Hersteller zunächst Daten vorlegen, dass der Stoff bereits ausreichend präklinisch getestet wurde – etwa in Tierversuchen.

Phase I: Der Impfstoff wird einer kleinen Gruppe von freiwilligen Gesunden verabreicht. Es wird beobachtet, ob das Mittel den Zielbereich im Körper erreicht und dabei keine akuten Nebenwirkungen auftreten.

Phase II: Erst wenn die Phase I erfolgreich war, kann der Impfstoff in Phase II einer größeren Teilnehmerzahl verabreicht werden, die der Risikogruppe entstammen. Im Fall von Covid-19 wären das ältere Personen oder Menschen mit Vorerkrankungen. In dieser Phase werden die Wirksamkeit des Impfstoffs bei der Verhinderung der Krankheit und die geeignete Dosierung getestet.

Phase III: Danach kann der Impfstoff an einer repräsentativen Gruppe von Freiwilligen getestet werden – bis zu 10.000 Probanden werden dabei geimpft. In Phase III werden die Wirksamkeit, die Sicherheit sowie die Dosierung der Impfung bestätigt. Unerwünschte Ereignisse, wie etwa ein besonders schwerer Krankheitsverlauf durch die Gabe des Impfstoffs, können ausgeschlossen werden.

Bislang wurden in der Studie 94 Corona-Fälle bestätigt, fast alle betrafen die Placebogruppe. Um auf eine geschätzte Wirksamkeit von mehr als 90 Prozent zu kommen, müsste es analog zur Berechnung der Zwischenpunkte im Studienprotokoll , also dem Ablaufplan der Studie, rechnerisch mindestens 86 Fälle gegeben haben – im Gegensatz zu höchstens acht Fällen unter den Geimpften. Fallzahlen für die jeweiligen Gruppen nannten die Firmen allerdings nicht. Der Schutz sei 28 Tage nach der ersten Impfdosis erreicht worden, hieß es.

Im Wortlaut schreibt Biontech: "Die Verteilung der aufgetretenen COVID-19-Fälle zwischen Impfgruppe und Placebo-Gruppe wies sieben Tage nach der zweiten Dosis auf eine Impfstoff-Wirksamkeitsrate von über 90 Prozent hin." Das ist eine deutlich besserer Bilanz, als laut Studienprotokoll nötig gewesen wäre, um den Impfstoff als wirksam zu bewerten.

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Eigentlich war eine Zwischenauswertung der Studie nach 92 Corona-Fällen vorgesehen. Schon bei bis zu 25 Corona-Fällen unter Geimpften im Gegensatz zu mindestens 67 in der Placebogruppe wäre das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlene Ziel erfüllt gewesen. Dieses sieht vor, dass die Impfung mindestens 50 Prozent der Menschen vor einer Erkrankung schützen sollte. Das ist ein ähnlicher Wert wie bei der Grippeschutzimpfung.

Wie bewerten Experten das Zwischenergebnis?

Forscher sind sich einig, dass das Zwischenergebnis ein gutes Zeichen ist: "Ehrlich gesagt ist das die beste Nachricht, die ich seit dem 10. Januar erhalten habe", schrieb der Virusexperte Florian Krammer von der Icahn School of Medicine des Mount-Sinai-Krankenhauses in den USA auf Twitter. "Die Wirksamkeit könnte höher sein als vermutet."

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Es gibt allerdings noch ein paar offene Fragen: Marylyn Addo, Leiterin der Sektion Tropenmedizin an der Uniklinik Eppendorf (UKE) in Hamburg, die einen anderen Corona-Impfstoff erforscht (ein Interview mit ihr lesen Sie hier), merkte etwa an, dass die Daten der Studie noch nicht öffentlich seien und damit nicht von unabhängigen Experten bewertet werden könnten.

"Es muss sich noch zeigen, ob der Impfstoff in verschiedenen Bevölkerungsgruppen, insbesondere in Risikogruppen wie älteren Menschen, ebenso effektiv ist", sagte Leif-Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung von der Charité in Berlin. Hinweise, ob das der Fall ist, könnten die noch unveröffentlichten Daten aus der Studie liefern.

Schon nach Bekanntwerden des Studienprotokolls , also des Ablaufplans der Studie, den Pfizer und Biontech neben anderen Firmen freiwillig vorab veröffentlicht hatten, gab es Kritik daran, dass Infizierte mit relativ milden Symptomen in der Studie als Fälle gezählt werden. Dadurch lässt sich schwieriger abschätzen, inwiefern der Impfstoff Infektionen mit schweren Verläufen verhindert. Zudem verrät die Untersuchung nicht, wie viele symptomlose Infektionen die Impfung verhindert.

"Wir wissen nicht, ob man noch asymptomatisch infiziert werden kann", schreibt auch Krammer. Dies könne auf lange Sicht wichtig sein, um die Übertragung zu verringern, sei jedoch nicht erforderlich, um gefährdete Personen vor schweren Krankheitsfolgen zu schützen.

"Im Moment wäre sogar ein Impfstoff, der 50 Prozent Schutz vor schweren Krankheiten bietet, eine positive Nachricht", so der Experte weiter. Mit einem solchen Impfstoff ließe sich zwar keine Herdenimmunität erreichen, die Folgen der Virusausbreitung könnte aber zumindest deutlich abgeschwächt werden.

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Sander ergänzt, es sei noch unklar, wie lange der Impfschutz anhalte und wie sicher die Impfung tatsächlich sei. "Nach Angaben der Firma zeigen sich keine sicherheitsrelevanten Nebenwirkungen. Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass der Beobachtungszeitraum für relevante Impfnebenwirkungen noch zu kurz ist."

Wann ist die Prüfung des Impfstoffs abgeschlossen?

Abgeschlossen ist die Studie von Pfizer und Biontech laut Protokoll erst, wenn es insgesamt 164 Corona-Fälle unter den Probanden gab und höchstens 53 davon unter den Geimpften aufgetreten sind. Das entspräche einer Wirksamkeit von rund 52 Prozent.

Das Problem mit Zwischenauswertungen: Je weniger Corona-Fälle es in einer Wirksamkeitsstudie gibt, desto größeren Einfluss hat der Zufall auf das Ergebnis. Damit wächst die Gefahr, dass sich die Wirksamkeit nach einer Zulassung nicht bestätigt. Biontech räumt in seiner aktuellen Mitteilung ein: "Während der noch fortlaufenden Studie kann es zu Schwankungen beim Wert für die Impfstoffwirksamkeit kommen."

Allerdings ist es bei der bisher nachgewiesenen Wirksamkeit von 90 Prozent sehr unwahrscheinlich, dass sich die Impfung bis zum Ende der Studie noch als gänzlich unwirksam erweist. Denn klar ist auch: Je wirksamer ein Impfstoff ist, desto schneller wird das in Untersuchungen sichtbar. Bis zum Ende der Studie fehlen noch 70 Corona-Fälle, ein Großteil müsste auf Geimpfte entfallen, um die Wirksamkeit von mindestens 50 Prozent noch infrage zu stellen.

Ursprünglich hatten Pfizer und Biontech geplant, schon nach nur 32 Corona-Fällen in der Studiengruppe eine erste Zwischenauswertung vorzunehmen. Daran gab es jedoch deutliche Kritik . Zu dem Zeitpunkt wären die Daten noch viel unsicherer gewesen als zum jetzigen Zeitpunkt.

Pfizer und Biontech haben daraufhin in Absprache mit der FDA entschieden, die Zwischenanalyse nach 32 Fällen zu überspringen. Eigentlich sollte eine erste Analyse dann nach 62 Fällen stattfinden, jedoch lag die Fallzahl nach Abschluss der Gespräche bereits bei 94.

Die Studienprobanden werden nach Abschluss der Studie zwei Jahre beobachtet.

Wie funktioniert der Impfstoff?

Besonders wichtig ist die statistisch valide Prüfung des Impfstoffs, weil noch nie ein vergleichbares Mittel zugelassen wurde. RNA-Impfstoffe, zu denen BNT162b2 zählt, sind eine relativ neue Erfindung der Biotechnologie.

Die grundsätzliche Funktionsweise basiert darauf, einen Teil des genetischen Bauplans des Virus in den Körper einzuschleusen. Körpereigene Zellen stellen daraufhin ein Virus-Protein her. Das Immunsystem wird dadurch zur Bildung von Antikörpern gegen dieses Protein und damit gegen das Virus angeregt.

Bei BNT162b2 wird der Bauplan jenes Oberflächenproteins in den Körper eingeschleust, mit dem das Coronavirus in die Zellen eindringt. Dagegen gerichtete Antikörper könnten das Virus vorher abfangen.

Gibt es jetzt bald eine Zulassung?

Pfizer-Geschäftsführer Albert Bourla hat in den vergangenen Monaten immer wieder Hoffnungen auf eine baldige Zulassung eines neuen Impfstoffs gemacht. Der amtierende US-Präsident Donald Trump hatte gehofft, dass dies noch vor dem Wahltag geschehen würde.

Tatsächlich ist es gut möglich, dass die FDA in den USA zeitnah eine Notfallzulassung erteilt. Zwischenprüfungen wie die aktuelle dienen auch dazu, sehr wirksame Arzneien erkennen und schneller einsetzen zu können. Die FDA verlangt allerdings eine Nachbeobachtungszeit von min­des­tens zwei Mona­ten nach der zweiten Impfdosis. Pfizer und Biontech gehen davon aus, dass das Kriterium in der dritten Novemberwoche erreicht sein wird, und wollen den Antrag auf Notfallzulassung dann einreichen.

Auch in der Europäischen Union gibt es ein beschleunigtes Zulassungsverfahren. Pharmafirmen können ihre Impfstoffkandidaten in einer Art Vorverfahren zur Zulassung noch während der Phase der klinischen Studien bei der European Medicines Agency (Ema) melden. Die Daten werden dabei fortlaufend eingereicht und bewertet.

Im Moment setzt neben Biontech zum Beispiel auch das britisch-schwedische Unternehmen Astrazeneca auf diesen Weg. Das Verfahren bedeute allerdings nicht, dass weniger Daten eingereicht werden müssen, betonte die Ethikrat-Vorsitzende Alena Buyx am Montag. In Europa werde keine vorläufige Zulassung erfolgen.

Schnelligkeit dürfe nicht auf Kosten der Gründlichkeit gehen, heißt es auch beim deutschen Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das Arzneimittel national zulässt. Letztlich entscheidet die Europäische Kommission auf Basis der Ema-Empfehlungen über die Zulassung. Experten rechnen damit, dass noch in diesem Jahr oder Anfang 2021 in Europa ein Corona-Impfstoff zugelassen werden könnte.

Anschließend stellt sich die Frage, wie ein möglicher Impfstoff verteilt werden sollte und vor allem: an wen zuerst. Die EU-Kommission verhandele mit Pfizer und Biontech noch über einen Liefer-Rahmenvertrag, sagte ein Kommissionssprecher am Montagmittag. Fest steht: Zunächst wird es bei Weitem nicht genug Impfdosen geben, um die breite Bevölkerung zu impfen.

Mit Material von dpa