Theorien zu Virusursprung Universität Hamburg adelt krude Corona-Studie

Es gibt Studien, die haben diesen Namen nicht verdient. Ein Wissenschaftler der Universität Hamburg hat ein solches Papier – zum Ursprung des Coronavirus – nun produziert und pressewirksam platziert.
Universität Hamburg: Veröffentlichung mit freundlicher Unterstützung des Präsidenten

Universität Hamburg: Veröffentlichung mit freundlicher Unterstützung des Präsidenten

Foto: Henning Angerer / Hoch Zwei Stock / imago images

Am Donnerstag hat die Exzellenzuniversität Hamburg eine Pressemitteilung veröffentlicht , die ihrem Ruf nicht zuträglich sein dürfte: Der Nanowissenschaftler Roland Wiesendanger habe den Ursprung des Coronavirus »beleuchtet«, hieß es darin. Wer weiterliest, dem geht allerdings keinesfalls ein Lichtlein auf.

Im Text findet sich eine Ansammlung angeblich »schwerwiegender Indizien«, die für einen Laborunfall am virologischen Institut der Stadt Wuhan als Ursache der gegenwärtigen Pandemie sprechen sollen. Vorangeschoben ist eine Einschränkung seitens der Pressestelle, die die Frage aufwirft, warum es die Mitteilung überhaupt gibt.

»Die Studie« liefere »keine hochwissenschaftlichen Beweise«, heißt es da. Das soll wohl suggerieren, dass sie trotzdem noch wissenschaftlich sind, aber eben nicht hochwissenschaftlich. Klickt man allerdings auf den Link zur Originalarbeit , stellt man fest: Es handelt sich nicht nur um keine hochwissenschaftliche Studie, sondern um gar keine.

Veröffentlicht im Wissenschafts-Facebook

Wiesendanger hat schlicht ein PDF, versehen mit dem offiziellen Briefkopf der Universität Hamburg, auf der Plattform ResearchGate hochgeladen. Die Seite ist eine Art Facebook für Wissenschaftler, ein soziales Netzwerk, auf dem sie ihre Forschung präsentieren können. Eine systematische, inhaltliche Prüfung der Arbeiten, wie sie für in anerkannten Fachmagazinen publizierte Studien üblich ist, findet nicht statt.

Nun wurden in der Corona-Pandemie viele Studien vorab ohne Prüfung veröffentlicht. Das allein ist kein K.-o.-Kriterium, allerdings auch nicht das einzige Problem mit der Arbeit. Um es mit den Worten der Pressestelle zu sagen: Die Umstände, unter denen die Arbeit erschienen ist, liefern »keine hochwissenschaftlichen Beweise, wohl aber zahlreiche und schwerwiegende Indizien«, dass es sich um wissenschaftlichen Unfug handelt.

Dem Professor scheint das durchaus bewusst zu sein. Bei »ZDFheute« erklärte er  dann auch, seine Arbeit sei »nicht für die Wissenschaftscommunity, sondern für die Öffentlichkeit« bestimmt. Das ergibt durchaus Sinn, denn einer fachlichen Prüfung würde das – untypisch für wissenschaftliche Facharbeiten – auf Deutsch verfasste Papier in keinster Weise standhalten. Man könnte gar behaupten, hier möchte jemand Verschwörungserzählern eine pseudowissenschaftliche Grundlage liefern.

Eine Einzelinterpretation

Die Basis dafür bildet ein buntes Sammelsurium seriöser und unseriöser Quellen. Es sind ernst zu nehmende Studien darunter, Wiesendanger verweist zudem auf Medien wie den »Focus«, aber auch auf YouTube-Videos, Twitter und Verschwörungstheoretiker-Seiten, teils vom rechten Rand. Bei »ZDFheute« erklärte er unverblümt: »Im Prinzip hätte das jeder Journalist so herausfinden können.«

Mehrwert liefert seine 105-seitige Ausarbeitung dann auch kaum. Die seriösen Quellen werden bereits seit Monaten in der Fachwelt diskutiert. Unter anderem untersucht eine Expertengruppe der WHO, um die es zugegebenermaßen auch einigen Hickhack gab , den Ursprung der Pandemie. Auch sie kann einen Laborunfall nicht ausschließen, hält ihn nach einer Indizienprüfung im Gegensatz zu Wiesendanger jedoch für unwahrscheinlich.

Nun kann man argumentieren, dass es sich um einen Forscherstreit handelt und jede Sichtweise gehört werden sollte. Allerdings besteht ein grundlegender Unterschied zwischen der WHO-Expertengruppe und Wiesendanger.

Während die WHO-Gruppe aus rund einem Dutzend ausgewiesener Medizin-, Pandemie- und Zoonosenfachleute besteht, handelt es sich bei Wiesendanger um einen Forscher, der keinerlei Expertise auf dem Gebiet aufweist. Man könnte auch sagen: um die Meinung irgendeiner Einzelperson. Die Fachexpertise des Professors liegt in den Nanowissenschaften, genauer gesagt der Rastertunnelmikroskopie.

Ein Argument, zwei unterschiedliche Schlussfolgerungen

Wie unterschiedlich die echten Experten und der fachfremde Professor dann auch die Faktenlage bewerten, zeigt ein Beispiel besonders eindrücklich.

So argumentiert Wiesendanger, dass im Gegensatz zu früheren Coronavirus-Pandemien wie Sars und Mers noch kein Zwischenwirt gefunden worden sei, also kein Tier, von dem aus der aktuelle Erreger Sars-CoV-2 direkt auf den Menschen übergesprungen sein könnte. Daraus schlussfolgert er, diese Zoonose-Theorie als mögliche Erklärung für die Pandemie besitze keine fundierte wissenschaftliche Grundlage.

Die WHO-Experten argumentieren jedoch genau umgekehrt: Da bereits die beiden anderen pandemischen Coronaviren Sars und Mers mit großer Wahrscheinlichkeit über tierische Zwischenwirte auf den Menschen übergesprungen sind, hält sie dies auch beim neuen Coronavirus Sars-CoV-2 für wahrscheinlich. Die Laborthese will sie nach einigem Hin und Her aber weiter untersuchen.

Beim Sars-Ausbruch 2002/2003 hatten sich weltweit etwa 8000 Menschen infiziert, etwa zehn Prozent starben. Inzwischen gehen Experten davon aus, dass Schleichkatzen oder Marderhunde das damalige Virus, das ähnlich wie Sars-CoV-2 seinen Ursprung wohl in Fledermäusen hat, an den Menschen weitergegeben haben. Der Mers-Erreger, der im Menschen zwischenzeitlich vor allem auf der arabischen Halbinsel auftrat, wurde in Dromedaren als Zwischenwirten nachgewiesen.

Von oberster Stelle geadelt

Die Universität Hamburg scheint das unwissenschaftliche Vorgehen ihres Professors nicht zu stören. Laut Wiesendanger hat er seine Veröffentlichung gar gemeinsam mit dem Präsidenten Dieter Lenzen geplant. Beide hätten damit gerechnet, dass man sie als Reaktion in die Ecke von Verschwörungstheorien stellen werde. Lenzens Amtszeit als Präsident endet in etwa einem Jahr.

Auf Anfrage des SPIEGEL formuliert die Universität etwas zurückhaltender: »Die Hochschulleitung und die Pressestelle der Universität Hamburg üben keine Zensur zu Forschungsgegenständen und -ergebnissen ihrer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus«, erklärt eine Sprecherin. Forscherinnen und Forscher seien vielmehr zur Publikation ihrer wissenschaftlichen Ergebnisse verpflichtet.

Das ist richtig, bedenkt man, dass deren Arbeit aus Steuergeldern finanziert wird. Die Frage bleibt jedoch, ob es sich bei dem aktuellen Papier überhaupt um ein wissenschaftliches Ergebnis handelt.