Corona-Lockdown Das Prinzip »ganz oder gar nicht«

Fachleute sind sich einig, dass die von Bund und Ländern beschlossenen Maßnahmen die zweite Corona-Welle abflachen werden. Wie gut das funktioniert, hängt von einem entscheidenden Faktor ab.
Eine Analyse von Julia Merlot
Menschenleerer Weihnachtsmarkt im sächsischen Annaberg-Buchholz: »Damit die Maßnahmen ausreichen, müssen sie konsequent umgesetzt werden«

Menschenleerer Weihnachtsmarkt im sächsischen Annaberg-Buchholz: »Damit die Maßnahmen ausreichen, müssen sie konsequent umgesetzt werden«

Foto: Bernd März / action press

»Wenn die Politik sich an diese Ratschläge nicht hält, dann habe ich tatsächlich meinen Glauben an die Politik hier in Deutschland verloren.« Das sagte die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig (HZI) am 8. Dezember in den »Tagesthemen« .

In dem Statement bezog sie sich auf ein kurz zuvor veröffentlichtes Positionspapier der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, in dem diese die Politik dazu aufgefordert hatte, das öffentliche Leben ab Weihnachten bis zum 10. Januar »weitgehend ruhen« zu lassen. »Ich würde tatsächlich sagen, je früher, desto besser«, ergänzte Brinkmann.

Fünf Tage später haben Bund und Länder reagiert: Ab Mittwoch wird das öffentliche Leben in Deutschland heruntergefahren (eine Übersicht der Maßnahmen finden Sie hier). Die Regeln sollen vorerst bis zum 10. Januar gelten. Experten sind zuversichtlich, dass sich die Infektionszahlen in der Zeit deutlich reduzieren lassen. Ob das reicht, um die Pandemie wieder kontrollieren zu können, hängt allerdings von einem entscheidenden Faktor ab.

Je höher die Zahlen, desto länger ist Gegensteuern nötig

»Damit die Maßnahmen ausreichen, müssen sie konsequent umgesetzt werden«, schreibt Viola Priesemann , Expertin für die Modellierung von Ausbreitungsprozessen vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen auf SPIEGEL-Anfrage. »Es geht bei einem Lockdown um ein Ganz-oder-gar-Nicht. Ansonsten verpuffen die Maßnahmen.«

Sie sieht noch Potenzial bei Homeoffice-Regelungen. »Analog zur Schulschließung bräuchten wir ein Homeoffice-Gebot, bis die Inzidenzen deutlich unter 50 sind«, so die Forscherin mit Blick auf die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen. Dort, wo Anwesenheit erforderlich sei, müsse kontrolliert werden, ob die Hygieneregeln eingehalten werden.

Dann könne ein guter Teil der Landkreise bis zum 10. Januar Sieben-Tage-Inzidenzen unter 50 pro 100.000 erreichen, sodass Infektionsketten wieder leichter nachverfolgt und eingedämmt werden könnten und Lockerungen wieder vertretbar wären.

»Für alle Bundesländer und alle Landkreise, die nicht klar unter der Grenze von 50 sind, muss man aus wissenschaftlicher Sicht den Lockdown verlängern oder verschärfen«, so Priesemann. Regionen mit hohen Fallzahlen gefährdeten die Kontrolle und Sicherheit in den Nachbarregionen.

Eine präzise Prognose für die kommenden Wochen sei schwierig, so Priesemann. »Werden die Regeln übererfüllt oder umgangen? Das kann ich nicht vorhersagen.«

Risiko Corona-Müdigkeit

Thorsten Lehr, Experte für klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes und Entwickler des Covid-Simulators , sieht die Situation ähnlich, warnt aber davor, dass es diesmal wahrscheinlich schwieriger wird, die Zahlen zu drücken, als im März.

Lehr geht davon aus, dass Landkreise mit einer Inzidenz von derzeit unter 100 Neuinfektionen in sieben Tagen pro 100.000 Einwohner bis zum 10. Januar in einen Bereich kommen werden, in denen Ausbrüche wieder zu kontrollieren sind. Bei allen anderen könnte es länger dauern.

Im Frühjahr sei es gelungen, den R-Wert durch Gegenmaßnahmen auf ungefähr 0,6 zu drücken, erklärt Lehr. Tausend Infizierte steckten nach seinen Daten also 600 weitere an. So ließen sich die Infektionszahlen jede Woche ungefähr halbieren.

»In Spanien und Italien war das im Frühjahr ähnlich. In der zweiten Welle ließ sich der R-Wert aber nur noch auf ungefähr 0,8 drücken«, sagt Lehr. Die Menschen seien nach seiner Einschätzung zunehmend pandemiemüde und nicht mehr zu so großen Einschränkungen bereit wie noch im Frühjahr. Hinzu komme, dass die Adventszeit traditionell eine aktive Zeit mit vielen Kontakten sei.

Der Unterschied zwischen einem R-Wert von 0,6 und von 0,8 mag zunächst nach wenig klingen, hat aber einen großen Effekt. Die Zahl der Neuinfektionen liegt bei 0,8 um ein Drittel höher als mit dem niedrigeren Wert, und es würde entsprechend länger dauern, sie zu senken.

»Mit einem R-Wert von 0,8 und den Lockerungen zu Weihnachten würden wir wohl im Februar landen, bis wieder Lockerungen drin wären«, sagt Lehr. Sein Team berechnet den Wert etwas anders als das RKI.

Zwei Superspreading-Ereignisse in kurzer Zeit

Besonders große Sorgen bereitet ihm, dass das Fest auch prädestiniert dafür ist, die ohnehin derzeit hohe Sterblichkeit noch zu steigern. Sie wird vor allem dadurch in die Höhe getrieben, dass sich viele ältere Menschen infizieren.

»Es ist menschlich, dass man seine Lieben zu Weihnachten sehen will. Dabei besteht aber die Gefahr, dass Hygieneregeln aus dem Fokus geraten«, so Lehr. Feiern mit mehr als zwei Haushalten im engsten Familienkreis könnten so zum besonders gefährlichen Superspreading-Event werden. »Das sehen wir jedes Jahr auch bei der Grippe, nur zirkuliert die nicht ganz so breit.«

Unglücklich findet er auch, dass der Lockdown erst am Mittwoch beginnt. »Die Infektionszahlen sind ohnehin schon sehr hoch. Es jetzt noch zwei Tage laufen zu lassen, wenn davon auszugehen ist, dass sich die Menschen in den Innenstädten tummeln, bedeutet hinten raus mehrere Tage zusätzlichen Lockdown«, sagt er.

Es fehlt noch immer ein Konzept

Die Fachleute fordern zudem erneut, endlich eine Langzeitstrategie zu entwickeln. »Wir brauchen in Deutschland, in Europa eine klare Vision, ein klares Ziel«, so Priesemann. Es gehe darum zu verhindern, dass wir »ewig unter einem Lockdown light leiden« müssten, und dafür zu sorgen, wieder mehr Freiheiten zu bekommen.

Auf Twitter erklärte die Forscherin, dass die vergangenen Wochen gezeigt hätten, dass es möglich sei, die Infektionszahlen relativ konstant zu halten. Bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von 50 werde das deutlich einfacher als im Teil-Shutdown der vergangenen Wochen.

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Modellrechnungen hatten zuvor untermauert, dass die Strategie weniger Einschränkungen, weniger Tode und geringere wirtschaftliche Schäden zur Folge hätte als dauerhaft hohe Infektionszahlen mit einer entsprechend hohen Belastung für die Krankenhäuser (mehr dazu lesen Sie hier).

Auch Lehr hält den Ansatz, die Infektionszahlen gering zu halten und lokale Ausbrüche direkt, durch kurze, strikte Maßnahmen einzudämmen, für eine geeignete Langzeitstrategie. Sie sei auch leichter durchzuhalten als dauerhaft und flächendeckend starke Einschränkungen.

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