Covid-19 Was Forscher über die Risikogruppen wissen

Alte und vorerkrankte Menschen sind in der Corona-Pandemie besonders gefährdet. Aber wer genau gehört eigentlich dazu? Mediziner haben neue Erkenntnisse.
Senioren werden in der Coronakrise versorgt: 5,5 Millionen Menschen mit hohem Risiko

Senioren werden in der Coronakrise versorgt: 5,5 Millionen Menschen mit hohem Risiko

Foto: xavierarnau/ Getty Images

Das neuartige Coronavirus ist tückisch: Während es bei den meisten Patienten milde oder gar keine Symptome verursacht, müssen andere wegen einer Infektion mit Sars-CoV-2 wochenlang beatmet werden und geraten in Lebensgefahr. Warum die Auswirkungen so extrem unterschiedlich sind, erforschen Wissenschaftler auf Hochtouren.

Schon in einer frühen Phase der Pandemie wurde deutlich, dass es Risikogruppen zu geben scheint. Menschen, die zu diesen Gruppen zählen, erkranken also mit größerer Wahrscheinlichkeit schwer an Covid-19. Nach den aktuellen Daten  des Robert Koch-Instituts (RKI) verlaufen 18 Prozent der nachgewiesenen Infektionen so heftig, dass die Betroffenen in ein Krankenhaus eingeliefert werden müssen.

Das RKI hat von Anfang an betont , dass insbesondere alte und vorerkrankte Menschen zu den besonders gefährdeten Personen zählen. Was das genau bedeutet, wissen Forscher mittlerweile immer genauer. Ein Überblick:

Alter

Bekannt ist, dass das Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf ab einem Alter von etwa 50 bis 60 Jahren merklich ansteigt. Fast neun von zehn mit der Krankheit gestorbenen Patienten waren laut RKI 70 Jahre alt oder älter. Als Hauptursache sehen die Wissenschaftler das schlechter reagierende Immunsystem älterer Menschen. Ein noch höheres Risiko besteht demnach, wenn neben einem hohen Alter auch Vorerkrankungen vorliegen.

Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) schätzt Patienten ab 80 Jahren mit mindestens einer Risikoerkrankung sowie Patienten im Alter von 60 bis 79 Jahren mit mindestens drei Risikoerkrankungen als "hoch gefährdet" ein. "Wenn man diese Risikogruppen zusammenzählt und auf die Bevölkerung hochrechnet, gibt es etwa 5,5 Millionen Menschen bundesweit, die ein hohes Risiko haben, einen schweren Covid-19-Verlauf zu bekommen", fasst Studienleiter Jörg Bätzing die Zi-Analyse zusammen. Die Verteilung der Risikogruppen variiere regional zum Teil erheblich.

Lungenerkrankungen

Das Coronavirus befällt vor allem die Lunge. Besonders gefährdet seien Patienten mit chronischen Atemwegs- und Lungenerkrankungen, sagt der Sprecher des Deutschen Lungentages, Marek Lommatzsch. Je nach Erkrankung ließen sich jedoch Abstufungen machen. Demnach haben etwa gut therapierte Asthma-Patienten kein erhöhtes Risiko für schwere Covid-19-Verläufe.

Anders ist die Situation bei Menschen mit der chronischen Lungenkrankheit COPD: "Aus den bislang vorliegenden Daten gibt es Hinweise darauf, dass Patienten mit COPD ein höheres Risiko für schwere Covid-19-Verläufe haben", sagt Lommatzsch. Zigarettenrauchen wird ebenfalls als Risikofaktor gehandelt - auch wenn die Datenlage dazu noch "dünn" sei, wie die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie  schreibt.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Patienten mit Vorerkrankungen am Herzen werden eindeutig der Risikogruppe für schwere Krankheitsverläufe zugeordnet. Eine Infektion mit einem Virus stelle für das Herz eine zusätzliche Belastung dar und könne zur Überforderung führen, warnt das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung . Zudem ist bekannt, dass das Coronavirus Thrombosen, Herzmuskelentzündungen und Herzrhythmusstörungen auslösen kann.

Bluthochdruck

In der RKI-Liste findet sich auch Hypertonie als Risikofaktor. Eine Überhäufigkeit von schweren Covid-19-Fällen bei Bluthochdruck-Patienten gebe es jedoch nur auf den ersten Blick, meint dagegen der Vorsitzende der Deutschen Hochdruckliga , Ulrich Wenzel. Es sei bekannt, dass Bluthochdruck vor allem bei älteren Menschen auftrete. "Von daher ist es nicht verwunderlich, dass die Rate von Bluthochdruck-Erkrankungen bei den in der Regel älteren Patienten mit schweren Covid-19-Verläufen ebenfalls hoch ist." Pauschal lasse sich eine Risikoabschätzung dazu derzeit noch nicht treffen.

Übergewicht

Dieser Faktor rückt zunehmend ins Blickfeld der Mediziner. "Eine ganze Reihe von Studien hat gezeigt, dass eine Adipositas tatsächlich den Verlauf einer Covid-19-Erkrankung erschweren und verkomplizieren kann", erklärt Jens Aberle, Endokrinologe am Hamburger Universitätsklinikum (UKE).

Vorläufige Untersuchungen aus Frankreich zeigten demnach zuletzt einen Zusammenhang zwischen dem Body-Mass-Index (BMI) und der Covid-19-Komplikationsrate. "Daraus geht klar hervor: Je höher der BMI ist, desto häufiger treten schwere Covid-19-Verläufe auf und desto häufiger sind Patienten auch gestorben", erklärt der Facharzt für Stoffwechsel. Eine Theorie sei, dass das Immunsystem durch das erhöhte Körpergewicht grundsätzlich aktiviert und in der Folge bei einer Virusinfektion überlastet werden könne, erklärt Aberle.

Diabetes

"Es sind bislang zu wenige Zusammenhänge mit Diabetes bekannt, um das Risiko für eine schwere Covid-19-Erkrankung abschließend bewerten zu können", sagt der Sprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft , Baptist Gallwitz. Statt Diabetes-Patienten pauschal als Risikogruppe einzustufen, plädiert der Tübinger Professor dafür, nach Alter und Vorerkrankungen zu differenzieren.

Ältere Patienten mit sogenanntem Diabetes Typ 2 wiesen oft auch weitere Risikofaktoren auf. "Das sind sicher Patienten, die bei einer Coronavirus-Infektion ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf haben." Bei einem gut eingestellten Diabetes Typ 1, der vor allem in der Kindheit auftritt, sei kein erhöhtes Risiko auszumachen. "Das Gleiche gilt auch für jüngere Menschen mit Typ 2 Diabetes ohne eine weitere Begleiterkrankung", betont Gallwitz.

Lebererkrankungen

Dazu liegen unterschiedliche Einschätzungen vor. Das RKI zählt Patienten mit chronischen Lebererkrankungen zur Risikogruppe. Die Deutsche Leberhilfe ist da vorsichtiger: "Bislang ist unklar, ob Leberkranke generell ein höheres Risiko von schweren Covid-19-Verläufen haben", heißt es in einer aktuellen Stellungnahme . Grund zur Sorge bestehe aber bei Zirrhose, Leberkrebs sowie bei Lebertransplantierten. Außerdem gebe es erste Hinweise darauf, dass Patienten mit Fettlebererkrankungen ein höheres Risiko für schwere Verläufe haben könnten. Es sei noch nicht bekannt, ob dies an der Fettleber selbst liege oder an Begleiterkrankungen wie zum Beispiel Übergewicht, Diabetes oder Bluthochdruck.

jki/dpa