Coronavirus Was Spahn wirklich über das Malaria-Medikament gesagt hat

Medienberichte könnten den Eindruck erwecken, Jens Spahn sei von der Wirkung eines Malaria-Medikaments gegen Covid-19 überzeugt. Doch das ist ein Irrtum.
Jens Spahn: "Es gibt erste Hinweise, dass bestimmte Medikamente zu helfen scheinen"

Jens Spahn: "Es gibt erste Hinweise, dass bestimmte Medikamente zu helfen scheinen"

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"Spahn hofft im Kampf gegen Coronavirus auf Malaria-Medikament": Schlagzeilen wie diese sollten keine voreiligen Hoffnungen auf ein baldiges Heilmittel gegen Covid-19 wecken. Tatsächlich hatte Gesundheitsminister Jens Spahn im Interview mit der "Bild" das Medikament Resochin nicht selbst als mögliches Mittel gegen das Coronavirus ins Spiel gebracht. Er war direkt danach gefragt worden, weil Bayer-Chef Werner Baumann angekündigt hatte, der Pharmakonzern wolle das Medikament künftig auch in Europa produzieren.

Spahns Antwort auf die Frage nach der möglichen Wirksamkeit des Mittels: "Es gibt eine Reihe von Studien hier auch in Deutschland, unter anderem mit diesem Mittel." Es gebe aber auch andere Arzneimittel, bei denen es Hinweise gibt, dass sie die Viruslast senken könnten.

Dass Spahn besonders große Hoffnung in das Malaria-Medikament setzt, geben seine Antworten nicht her. Seine Botschaft ist:

  • Es gibt Hinweise, dass bestimmte Medikamente, darunter auch das gegen Malaria, helfen könnten.

  • Nun werden zuverlässige Studien gebraucht, die ihre Wirksamkeit prüfen, auch in Deutschland.

  • Bereits zugelassene Medikamente könnten schneller eingesetzt werden. "Ein Impfstoff sei dagegen eher eine Frage von mehreren Monaten als von wenigen Monaten", so Spahn.

Das mag für alle enttäuschend sein, die sich eine schnelle Lösung erhoffen. Aber kein Pharmakonzern kann binnen Wochen ein Wundermittel gegen Covid-19 aus dem Hut zaubern. Allerdings laufen weltweit Dutzende Studien, die die Wirksamkeit von Medikamenten testen sollen. Spahns Ziel sei es nun, solche Untersuchungen auch in Deutschland schnell möglich zu machen.

Was hat es mit dem Bayer-Medikament Resochin auf sich?

Das Mittel enthält den Wirkstoff Chloroquin. Das bereits in den Dreißigerjahren entwickelte Medikament zur Malariaprophylaxe ist schon seit einigen Wochen im Gespräch, nachdem Tests an Zellkulturen eine Hemmung der Vermehrung des neuartigen Coronavirus gezeigt hatten und Donald Trump es als Hoffnungsträger gefeiert hatte.

Versuche in Zellkulturen haben schon vor Längerem gezeigt, dass Chloroquin die Vermehrung vieler Viren bremsen kann, dies gelingt auch mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2. Dass ein Mittel in einer Zellkultur wirkt, bedeutet allerdings nicht, dass es auch infizierten Menschen hilft.

Dafür gibt es mehrere Gründe, wie Christian Drosten, Virologe an der Berliner Charité, vor Kurzem erklärte:

  • Das Mittel muss im Körper erst mal den Weg bis zur Lunge schaffen, wo das Coronavirus enormen Schaden anrichten kann.

  • Infizierte Zellen müssen die Inhaltsstoffe von Medikamenten oft erst umbauen, bevor diese ihre Wirkung entfalten.

  • Ob Zellen im Körper gleich reagieren wie Zellen in einer Petrischale, ist ungewiss.

Diese Einschränkungen gelten grundsätzlich für alle Medikamente, die derzeit gegen Covid-19 geprüft werden.

Erste Studienergebnisse mit Cloroquin und dem eng verwandten Hydroxychloroquin scheinen vielversprechend. Bei einer Untersuchung in Frankreich sank bei 26 Covid-19-Patienten, die das Mittel bekommen hatten, die Konzentration des Coronavirus im Rachen schneller als bei Patienten, die es nicht bekommen hatten.

Allerdings gibt es Zweifel, wie vergleichbar die Gruppen sind. Die Patienten aus der Medikamentengruppe kamen wahrscheinlich erst in die Studie, als die Krankheit schon fortgeschritten war. Dann gehört es zum normalen Krankheitsverlauf, dass die Konzentration der Viren im Rachen sinkt. Es ist deshalb nicht sicher, ob das Medikament für die Reduktion gesorgt hat.

Weitere Studien sollen nun folgen. Vor knapp einer Woche hat das zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) eine klinische Prüfung mit Hydroxychloroquin in Deutschland genehmigt. Das Mittel soll an Patienten mit einer leichten bis mittelschweren Covid-19-Erkrankung getestet werden. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fördert Studien mit dem ursprünglichen Anti-Malaria-Mittel.

Die US-Arzneimittelbehörde hat die Nutzung der Malaria-Wirkstoffe inzwischen in Notfällen erlaubt. Laut Medienberichten werden derzeit Millionen Dosen an Kliniken in den USA verteilt. Die hohe Nachfrage hat dazu geführt, dass das Mittel in vielen Ländern kaum noch verfügbar ist. Deshalb will der Pharmakonzern Bayer Produktionsanlagen auch in Europa auf die Fertigung des Medikaments Resochin umrüsten. Bisher wird es nur in Pakistan hergestellt.

Experten sind angesichts möglicher Nebenwirkungen aber vorsichtig und warnen vor einer Selbstmedikation. So hat etwa die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) davor gewarnt, Coronavirus-Patienten mit den Malaria-Mitteln Chloroquin und Hydroxychloroquin zu behandeln. Die beiden noch nicht zum Einsatz gegen das Coronavirus zugelassenen Arzneimittel sollten nur bei klinischen Tests oder in Notfällen genutzt werden, erklärte die EMA am Mittwoch. Sie warnt insbesondere davor, die Medikamente ohne Verordnung oder Aufsicht durch einen Arzt einzunehmen.

koe