Textilfirmen stellen Mund-Nasen-Schutz her Was nützen die Masken von Trigema und Co.?

Mehrere Textilunternehmen haben ihre Produktion kurzfristig umgestellt. Statt Unterwäsche oder Poloshirts stellen sie jetzt Atemmasken her. Doch es gibt Zweifel, ob sie medizinischem Personal helfen.
Maske von Trigema: "Es ist verrückt, was im Moment läuft", sagt Firmenchef Wolfgang Grupp

Maske von Trigema: "Es ist verrückt, was im Moment läuft", sagt Firmenchef Wolfgang Grupp

Foto: TRIGEMA

Es sind anstrengende Tage in Großröhrsdorf. "Ich habe so etwas noch nicht erlebt", sagt Grit Hartmann. "Wir bekommen gerade Aufträge, wie sie in den vergangenen 30 Jahren hier nicht eingegangen sind." Hartmann ist Geschäftsführerin der Firma Kunath Textilien, die mit rund 60 Mitarbeitern Berufsbekleidung unter anderem für Medizin- und Pflegepersonal fertigt und verkauft.

Zum Angebot gehörten traditionell auch ein Mund-Nasen-Schutz aus Stoff. Der werde normalerweise zum Beispiel von Tierärzten genutzt, sagt Hartmann. Doch was ist schon normal in Zeiten der Coronakrise? Kunath Textilien hat nach eigenen Angaben Bestellungen für 100.000 der einfachen Masken vorliegen. Kliniken wolle man bevorzugt beliefern. Seit vergangener Woche müsse man aber auch Bestellungen ablehnen, obwohl für die Fertigung sogar schon die Pensionäre der Firma reaktiviert worden seien.

Auch andere Betriebe der Textilbranche steigen mittlerweile in die Fertigung von Mund- und Nasenschutzen ein, die auch als OP-Masken bezeichnet werden. Da ist zum Beispiel das Wäscheunternehmen Mey  im schwäbischen Albstadt. Auch der Matratzenhersteller Breckle  im ostthüringischen Weida fertigt derzeit 400.000 Atemmasken, die nach Firmenangaben in öffentlichen Einrichtungen wie Krankenhäusern zum Einsatz kommen sollen. Gleichzeitig erklärt das Unternehmen, Privatleute sollten von möglichen Anrufen absehen. Mit dem gegenwärtigen Auftrag sei man vollends ausgelastet.

Das Textilunternehmen Eterna wiederum fertigt in seinem Werk im slowakischen Banovce ebenfalls Atemmasken, kurzfristig soll der Ausstoß auf 25.000 pro Tag steigen. Allerdings dürfen die Masken derzeit nicht exportiert werden und müssen in der Slowakei zum Einsatz kommen.

Herstellung von Masken im slowakischen Werk des Textilkonzerns Eterna: Die Firma bemüht sich nach eigenen Angaben, eine Exportgenehmigung für die Produkte zu erhalten. Doch bisher dürfen sie nur in der Slowakei eingesetzt werden.

Herstellung von Masken im slowakischen Werk des Textilkonzerns Eterna: Die Firma bemüht sich nach eigenen Angaben, eine Exportgenehmigung für die Produkte zu erhalten. Doch bisher dürfen sie nur in der Slowakei eingesetzt werden.

Foto: ETERNA Mode

Selbst der Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen, den meisten Menschen bekannt für seine Getriebe, ist inzwischen unter die Hersteller von Atemmasken gegangen. Das Unternehmen stellt nach eigenen Angaben seit rund zwei Monaten etwa 90.000 bis 100.000 Stück am Tag in einem Werk in China her. Genutzt werden sie laut Unternehmenssprecher Thomas Wenzel für die eigenen Mitarbeiter. "Was wir nicht selbst brauchen, stellen wir der Gesellschaft in China zur Verfügung", sagt Wenzel. Ein Export der Masken nach Deutschland sei nicht geplant.

Für das wohl größte Aufsehen unter den neuen Maskenproduzenten hat Unternehmer Wolfang Grupp aus dem schwäbischen Burladingen mit seiner Firma Trigema gesorgt. "Es ist verrückt, was im Moment läuft", sagt Grupp im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Wir haben bisher Bestellungen für 300.000 Masken angenommen und terminlich zugesagt. Wir hoffen, dass wir nächste Woche auf eine Wochenproduktion von 100.000 Masken kommen."

Maskenproduktion bei Trigema: Die Firma hat plastikummantelten Draht für eine Million Masken bestellt

Maskenproduktion bei Trigema: Die Firma hat plastikummantelten Draht für eine Million Masken bestellt

Foto: TRIGEMA

Man habe alle nötigen Ressourcen für die Produktion der Masken aus einem Baumwoll-Polyester-Gemisch im Haus, so Grupp. Nur den plastikummantelten Draht für den Nasenbügel sowie die Bänder oder Gummis für die Befestigung müsse man zukaufen. "Den Draht haben wir erst einmal für eine Million Masken bestellt. Der Lieferant hat uns aber zugesagt, dass wir bei Bedarf auch mehr haben können."

Für die Textilunternehmer ist die Maskenproduktion ein attraktives Geschäftsfeld in der Krise. So können sie Kurzarbeit für die Näherinnen vermeiden. Doch wer könnte die Mund- und Nasenschutze aus Stoff von Trigema und Co. tatsächlich nutzen? Wem brächten sie einen gesundheitlichen Vorteil in der Coronakrise? "Die Masken sind zum Beispiel für Pflegekräfte, Mitarbeiter und so weiter gedacht, die mit anderen Personen in Kontakt kommen", sagt Firmenchef Grupp. Es gehe darum, dass man, wenn man das Virus in sich trage, ohne es zu wissen, andere nicht damit anstecke. "Sie schützen nicht sich mit der Maske, sondern die Person gegenüber."

Aktuell heißt es im Onlineshop der Firma zu dem Mund-Nasen-Schutz: "Keine Zertifizierung - nicht medizinisch oder anderweitig geprüft". Trigema erklärt aber, aktuell würde das Modell im Prüflabor Hohenstein getestet. Dieses habe signalisiert, dass die Maske die Norm EN-14683 erreichen dürfte - und damit anschließend als Medizinprodukt vermarktet werden könne. Hygieneexperten sind skeptisch: Das Zertifizierungsunternehmen könne die Wirksamkeit des Rückhalts von Coronaviren gar nicht testen, sagen sie.

"Hilft vielleicht gegen Kälte oder Sonne, aber nicht gegen Viren"

Ein Mund-Nasen-Schutz wie Trigema und die anderen Textilunternehmen ihn jetzt fertigen, verhindert vor allem, dass Speichel- oder Schleimtröpfchen von Infizierten in die Luft gelangen - sofern sie eng anliegend am Gesicht getragen werden. Kleinere Partikel allerdings halten sie nicht auf. Dafür wären sogenannte FFP-Masken ("filtering face piece") der Klassifikation FFP2 und FFP3 nötig. (Lesen Sie hier mehr zum Sinn und Unsinn von Atemmasken.)

Traditionelle Hersteller von solchen aus Vliesfasern - und nicht aus Textilien - gefertigten Schutzmasken reagieren daher auch mit massiver Kritik: "Textilmasken wie die Produkte von Trigema oder von anderen Textilherstellern verfügen über keinerlei Filterwirkung zum Schutz vor Bakterien oder Viren und insbesondere auch nicht vor dem Coronavirus Sars-CoV-2", erklärt etwa das Unternehmen Dach aus dem badischen Rastatt, nach eigenen Angaben Marktführer in Deutschland bei Atemschutzmasken.

Dach arbeitet gerade an einer neuen Produktionslinie in Rastatt, mit der man "weit mehr als eine Million Masken täglich" herstellen will. Läuft alles nach Plan, soll es im Mai losgehen.

Die Masken der Textilfirmen seien für den Einsatz in Krankenhäusern "nicht nur völlig ungeeignet, sondern auch gefährlich", grollt man bei Dach. Sie seien auch nicht geeignet, die Übertragung des Virus etwa in Altenheimen, Behörden oder Firmen zu verhindern oder auch nur zu behindern. "Herzstück einer Atemschutzmaske ist der Filter", sagt  Firmeninhaberin Ming Gutsche im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Und bei den Textilmasken fehlt dieses Herz. "Das ist wie ein Auto ohne Motor." Textilmasken, so Gutsche, würden "vielleicht gegen Kälte oder Sonne helfen, aber nicht gegen Viren".

"Der Markt für Papiermasken ist leer"

Viele Krankenhäuser sind aber auch dringend auf einfache OP-Masken angewiesen, so viel ist klar. "Der Markt für Papiermasken ist leer", sagt der Infektiologe Bernd Salzberger vom Universitätsklinikum Regensburg, der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie. Einerseits sei der hohe Verbrauch in China dafür verantwortlich, andererseits lieferten die asiatischen Fabriken derzeit auch keinen Nachschub. Stoffmasken hält er zumindest für einige Anwendungen für durchaus interessant: "Prinzipiell sind sie auch für den OP oder die Intensivstation geeignet", so Salzberger. Klar sei aber, sagt auch Salzberger: Stoffmasken dienten nicht zum Selbstschutz, sondern dazu, andere vom Flug womöglich infizierter Speicheltröpfchen abzuschirmen.

Dass sich das Personal mit Stoffmasken schützen könne, glaubt auch Petra Gastmeier, Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin an der Charité in Berlin, nicht: "Für den Personalschutz im Krankenhaus taugen Stoffmasken nichts ", sagt sie. Bestenfalls Mitarbeitende, die weitab von Patienten ihren Dienst tun, etwa in der Küche, könnten sie vielleicht tragen. Und auch in diesem Fall sei es sinnvoll, dass zwischen die Stofflagen der Maske ein Stück Filterpapier gelegt werde, das nach der jeweiligen Benutzung ausgetauscht werden könne.

Straßenmusiker mit Maske und Handschuhen in Hamburg: Das Robert Koch-Institut erklärt, es gebe "keine hinreichende Evidenz dafür, dass das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes das Risiko einer Ansteckung für eine gesunde Person, die ihn trägt, signifikant verringert"

Straßenmusiker mit Maske und Handschuhen in Hamburg: Das Robert Koch-Institut erklärt, es gebe "keine hinreichende Evidenz dafür, dass das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes das Risiko einer Ansteckung für eine gesunde Person, die ihn trägt, signifikant verringert"

Foto: Axel Heimken/ dpa

Doch auch wenn Infizierte den Schutz tragen, sieht Gastmeier Gefahrenpotenzial. "Wenn das nur Stoff ist, nützt das nichts. Auch außerhalb des Krankenhauses sehe ich den Einsatz von Stoffmasken kritisch", fährt die Berliner Medizinerin fort. Diese könnten ein falsches Gefühl der Sicherheit beim Träger erzeugen: "Ich hätte Angst, dass sich Leute mit einer Maske dann womöglich nicht mehr an das Kontaktverbot halten."

Nähanleitung im Netz

Einzig als Signal an andere, dass man die Coronakrise ernst nehme, könnte eine Maske womöglich dienen, sagt Hygienikerin Gastmeier: "Da ist jemand, der sich Gedanken macht. Jemand, der andere nicht anstecken möchte und will, dass man Abstand hält." Ihr Charité-Kollege, der Virologe Christian Drosten, sieht das im NDR-Interview  ähnlich: "Es ist ein guter psychologischer Effekt, wenn diese Masken in der Breite vorhanden sind." Das sei zum Beispiel in asiatischen Ländern der Fall, wo quasi jeder aus sozialen Gründen eine Maske tragen müsse.

Wenn jeder eine Maske trage, so Drosten, "dann fängt es an, sehr viel Sinn zu machen". Dann könne man zumindest auf eine leichte Verringerung der Infektionen "im Nahbereich" hoffen. Gleichzeitig zeigt sich der Virologe aber skeptisch, dass das gesellschaftlich erwünschte Tragen von Masken in Deutschland tatsächlich durchsetzbar wäre. Aber: "Wenn jemand Lust hat, sich eine Maske zu nähen, und damit ein gutes Gefühl in der Öffentlichkeit hat: Ja, klar, natürlich."

Dafür muss man wiederum kein fertiges Modell einer Textilfirma kaufen. Die Stadt Essen hat deswegen eine Nähanleitung  für einen Behelf-Mund-Nasen-Schutz ins Netz gestellt. Das Städtische Klinikum Dresden hat ebenfalls Nähtipps  veröffentlicht.