Julia Merlot

Coronavirus – die Woche Der Krampf mit den AstraZeneca-Daten

Julia Merlot
Von Julia Merlot, Redakteurin Wissenschaft
Chaotische Zulassungsstudien, Diskussionen über Impfprivilegien – und das Neueste aus der Forschung: unser Corona-Wochenüberblick.

Timo Lenzen/ DER SPIEGEL

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

der Corona-Impfstoff von AstraZeneca und der Uni Oxford könnte nicht nur vor der Krankheit Covid-19 schützen, sondern auch das Risiko von Infektionen mit Sars-CoV-2 um 67 Prozent verringern. Die Nachricht sorgte zuletzt für Aufruhr, denn bislang ist unklar, inwieweit die verschiedenen Impfstoffe Ansteckungen und damit auch die Ausbreitung des Virus verhindern. Das spielt auch bei der Debatte über Privilegien für Geimpfte eine Rolle.

Wer die teils noch ungeprüften Impfstudien  von AstraZeneca genauer kennt, dem entfuhr bei der Aufregung am Mittwoch ein lauter Seufzer. Denn die Daten des Herstellers sind, man muss es leider so sagen, ein ziemliches Chaos. Zwar geht daraus klar hervor, dass der Impfstoff einen guten Schutz vor Covid-19 bietet und keine Sicherheitsprobleme aufgetreten sind – viel mehr lässt sich bislang allerdings kaum ablesen.

Teils werden in den Auswertungen Ergebnisse aus Untergruppen zusammengerechnet, die nicht zusammenpassen, weil Probanden etwa unterschiedliche Impfdosen erhalten haben. Manche Untergruppen sind zudem so klein, dass sich statistisch keine validen Aussagen treffen lassen – oder sie unterscheiden sich deutlich vom Rest der sonstigen Studienpopulation.

Die Angabe zur Wirksamkeit gegen Sars-CoV-2-Infektionen von 67 Prozent basiert etwa auf Personen, die nur eine Impfdosis erhalten haben, jünger, weiblicher und weißer waren sowie häufiger im medizinischen oder sozialen Bereich arbeiteten als andere Studienteilnehmer. Nimmt man schlicht die Daten der größten und aussagekräftigsten Teilanalyse, in der Probanden zwei volle Impfdosen erhalten haben, sieht die Sache schon anders aus.

Die Impfung könnte das Risiko für eine Sars-CoV-2-Infektion demnach um 38 bis 60 Prozent reduzieren. Anders gesagt: Man weiß es einfach noch nicht so genau. AstraZeneca ist allerdings nicht der einzige Impfstoffentwickler, dessen Impfstoffdaten derzeit für Stirnrunzeln sorgen. Auch neue Informationen zum russischen Sputnik-V-Impfstoff erregten diese Woche Kritik (mehr dazu lesen Sie hier).

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Bei einer Verteilaktion von Corona-Testkits in Großbritannien öffnet ein Mann die Tür in Clownsmaske

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Foto: Hannah Mckay / REUTERS

Die Impfstoff-Fragen

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Covid-19 in weltweiten Zahlen

  • Bestätigte Fälle: 104.935.668

  • Todesfälle: 2.286.170

  • Von der Krankheit genesen: 58.378.140

  • Deutschland: 2.264.909 bestätigte Infektionen, 1.991.000 Genesene (geschätzt), 60.597 Todesfälle

Quellen: CSSE / Johns-Hopkins-Universität , Stand: 5. Februar 2021, 11:23 Uhr; Robert Koch-Institut, Stand: 5. Februar 2021, 0:00 Uhr

Neues aus der Forschung

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Ein schönes Wochenende wünscht

Ihre Julia Merlot

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