Weltweite Entwicklung von Covid-19 Haben Italien und Spanien das Schlimmste wirklich schon überstanden?

Wo die verschiedenen Länder im Kampf gegen das Coronavirus stehen und warum es für Entwarnungen zu früh ist: die Pandemie in Grafiken.
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DER SPIEGEL

Im Kampf gegen die Coronakrise sind Zahlen nahezu allgegenwärtig. Keine "Tagesschau" ohne Update zur Zahl der Infizierten und der Toten in verschiedenen Ländern, kaum eine Nachrichtenseite ohne fortlaufend aktualisierte Übersichtskarten und Tabellen (auf spiegel.de hier zu finden).

Dabei ist die Interpretation der Zahlen alles andere als einfach. In einigen Ländern (Japan , China, Türkei, Russland) wird die Korrektheit offizieller Statistiken angezweifelt, es gibt Verzögerungen bei den Meldungen, eine mutmaßlich große Dunkelziffer unerkannter Infektionen und international stark unterschiedliche Vorgehensweisen bei der Durchführung von Tests.

Was die Corona-Statistik verrät – und was nicht

Die offiziell gemeldete Zahl der Infizierten bezieht sich ausschließlich auf mit Labortests nachgewiesene Infektionen. Wie viele Menschen sich tatsächlich täglich neu infizieren und bislang infiziert waren, ohne positiv getestet worden zu sein, ist unklar. Antikörperstudien zeigen, dass es eine erhebliche Dunkelziffer an unentdeckten Infektionen gibt.

Die offizielle Zahl der Toten beschreibt, wie viele Menschen mit dem Virus gestorben sind. In wie vielen Fällen die Infektion ursächlich für den Tod war, lässt sich daraus nicht unmittelbar ablesen. Obduktionsstudien zeigen aber, dass bei den meisten Toten die Covid-19-Erkrankung auch die Todesursache war.

Mehr Informationen dazu, was im Umgang mit Corona-Daten zu beachten ist und welche Quellen der SPIEGEL nutzt, lesen Sie hier.

Dennoch ist der Blick auf die Zahlen alternativlos. Wie sonst soll die Lage beurteilt werden? Wie soll darüber entschieden werden, welche Maßnahmen zur Eindämmung noch wie lange notwendig sind? Es gilt, je nach Fragestellung, die jeweils bestgeeignete Messgröße auszuwählen und diese mit allen Vor-, Nachteilen und Einschränkungen zu interpretieren. 

Zum Vergleich der Situation in verschiedenen Ländern dürften die gemeldeten Todesfälle momentan die verlässlichste Kenngröße sein. Auch hier gibt es Unschärfen (Wie umgehen mit Verstorbenen, bei denen sowohl schwere Vorerkrankungen als auch eine Corona-Infektion vorlagen? Was war die letztendliche Todesursache?) und eine zeitliche Verzögerung von grob 20 Tagen (Inkubationszeit plus durchschnittliche Krankheitsdauer bei tödlichen Verläufen). Aber die potenziell starken Verzerrungen der Infiziertenzahlen durch unerkannte Fälle und die international unterschiedliche Testpraxis bleiben so außen vor.

Bislang am schwersten von der Pandemie betroffen ist Italien mit über 17.000 Todesfällen. Auch in Spanien, den USA und Frankreich wurden jeweils bereits über 10.000 Todesfälle registriert, während in Deutschland die Zahl der Menschen, die im Zusammenhang mit Covid-19 gestorbenen sind, bei knapp über 2000 liegt. Wie groß die Dynamik zuletzt in zahlreichen Ländern war, zeigt ein Blick auf die Todesfälle in den vergangenen sieben Tagen. 8849 der circa 12.722 Todesfälle in den USA entfallen auf diesen Zeitraum und auch in Deutschland betrifft dies fast zwei Drittel aller bislang erfassten Fälle.

Einen noch besseren Eindruck der Entwicklungsdynamik in den einzelnen Ländern bietet die Betrachtung der täglichen Todesfälle über einen längeren Zeitraum, wie in der folgenden Grafik.

Da die Pandemie in den einzelnen Ländern zeitlich versetzt auftrat, wurde hier als einheitlicher Startzeitpunkt der Tag gewählt, an dem im jeweiligen Land mindestens einhundert Todesfälle insgesamt vorlagen. Ein besonders starker Anstieg zeigt sich insbesondere ab dem zehnten Tag hiernach. Wann die Kurve im Anschluss abflacht, ist abhängig davon, welche Maßnahmen in den einzelnen Ländern ergriffen wurden und wie wirksam diese waren.

Für Italien und Spanien lässt diese Darstellung vermuten, dass wenigstens für den Moment das Schlimmste überwunden ist. Starben auf dem Höhepunkt dort jeweils knapp 1000 Menschen täglich, so sind diese Zahl nun seit rund eineinhalb beziehungsweise einer Woche rückläufig (wenn auch immer noch auf sehr hohem Niveau).

Anders ist die Lage in den USA und in Großbritannien. In beiden Ländern wurde gestern die bislang höchste Zahl an Todesfällen gemeldet, wobei eine Stabilisierung in Großbritannien näher zu sein scheint als in den USA. In den Vereinigten Staaten gilt es zudem zu beachten, dass die landesweiten Zahlen gegenwärtig von den Entwicklungen in New York dominiert werden. Allerdings gibt es landesweit zahlreiche weitere Infektionsherde, die später auftraten, sowie stark unterschiedliche Maßnahmen zur Eindämmung je Bundesstaat. Hier vermischen sich unterschiedliche Entwicklungen in der landesweiten Betrachtung.

Bei Frankreich sticht der abrupte Anstieg der Fallzahlen von letztem Freitag ins Auge. Hier handelt es sich um die nachgeholte Meldung  von Todesfällen aus Alten- und Pflegeheimen und nicht um einen plötzlichen Anstieg der täglichen Todesfälle. Die geänderte Zählweise erschwert hier aktuell die Einschätzung der Entwicklungsdynamik.

In Deutschland ist die Gesamtzahl der Todesfälle bislang deutlich geringer. Um dennoch Entwicklungstendenzen sehen zu können, lösen wir Deutschland aus dem Ländervergleichs-Diagramm und setzen das obere Ende der y-Achse auf 200 anstatt auf 1000 Todesfälle täglich.

Tatsächlich wurden in Deutschland gestern und vorgestern erstmals über 200 tägliche Todesfälle gemeldet und auch der siebentägige Trend zeigt weiter nach oben. Gegenwärtig ist somit nicht davon auszugehen, dass - was die Zahl der Todesfälle angeht - das Schlimmste in Deutschland schon überstanden ist.

Eine Vorstellung, wie es weiter gehen könnte, vermittelt die gleichzeitige Darstellung der Entwicklungspfade vieler Länder in einem Diagramm (inspiriert durch den Corona-Tracker der britischen Financial Times ):

Hier zeigt sich sehr gut, welche Sonderrolle China und Südkorea einnehmen. Südkorea ist das einzige Land, das erfolgreich darin war, einen größeren Ausbruch im frühen Stadium zu stoppen . Trotz eines zu Beginn sprunghaften Anstiegs gelang es hier, die Infektionsketten nahezu vollständig nachzuvollziehen, sowie Betroffene und Kontaktpersonen umfassend zu testen und zu isolieren. Das ostasiatische Land konnte so die Phase des unkontrollierten Wachstums der Infektionsfälle extrem früh stoppen.

In sehr vielen anderen Ländern der Welt hingegen kam es früher oder später zum Aufflammen einzelner Infektionsherde mit anschließendem exponentiellem Wachstum der Fallzahlen. Das Virus konnte sich eine Zeit lang unkontrolliert verbreiten. Es ergaben sich sehr ähnliche Verläufe in einzelnen Ländern, wie sie im obigen Diagramm ablesbar sind.

Das einzige Land, dem es bislang scheinbar gelang, die Zahl der täglich Verstorbenen wieder auf nahe null zu drücken, ist China. China meldet mittlerweile, mehr als 70 Tage nach Beginn der Betrachtung, stabil nur noch circa vier Todesfälle täglich. Allerdings wurden zuletzt Zweifel der US-Geheimdienste an der Korrektheit der chinesischen Statistiken bekannt.

Von den Erfahrungen Chinas - sollten die Zahlen hier verlässlich sein - und Südkoreas können nun alle anderen Länder lernen. Von China vor allem, wie lange es dauern könnte, die Zahl der täglichen Todesfälle wieder deutlich zu senken. Sowie perspektivisch, ob es gelingt, trotz einer vorsichtigen Lockerung der Restriktionen eine größere zweite Welle an Infektionen zu verhindern. Wie gut die Erkenntnisse überhaupt zwischen ganz unterschiedlichen Ländern übertragbar sind, wird die Entwicklung in Italien demnächst zeigen.

Vom Beispiel Südkorea können alle Länder - egal ob vor, während oder nach einer Welle an Infektionen - lernen, wie sich die exponentielle Verbreitung stoppen lässt. Denn auch wenn die Zahl der täglichen Todesfälle in einigen Ländern nun rückläufig ist, der Kampf gegen das Coronavirus ist noch nicht zu Ende. Solange es keinen Impfstoff und keine Herdenimmunität in der Bevölkerung gibt, bleibt zur Verhinderung neuer Ausbrüche nur die größtmögliche Eindämmung aller potenziellen Infektionsübertragungen.

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