Asymptomatische Covid-19-Fälle Stille Verbreiter

Wie oft geben Infizierte ohne Symptome das Coronavirus weiter? Die WHO hat dazu eine These, doch Fachleute widersprechen.
Abstand halten auf dem Leipziger Wochenmarkt: Social Distancing soll Übertragungen vermeiden, das wäre vor allem bei Fällen ohne klare Symptome wichtig

Abstand halten auf dem Leipziger Wochenmarkt: Social Distancing soll Übertragungen vermeiden, das wäre vor allem bei Fällen ohne klare Symptome wichtig

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Jan Woitas/ dpa

Wer sich krank fühlt, bleibt zu Hause. So einfach ist das. Wenn potenziell an Covid-19 Erkrankte sich selbst isolieren, sinkt das Infektionsrisiko für den Rest der Gesellschaft erheblich.

Verkompliziert wird diese effektive Schutzmaßnahme allerdings dadurch, dass es auch Infizierte ohne Krankheitssymptome gibt, die sogenannten asymptomatischen Fälle. Eine aktuelle, als Preprint  veröffentlichte – also nicht von Fachkollegen begutachtete – Studie gibt deren Anteil unter den Infizierten mit 20 Prozent an. Das ist ein entscheidender Unterschied etwa zum Sars-Ausbruch, wo Infizierte den Erreger erst nach dem Ausbruch der Krankheitszeichen weitergaben. Wer nicht weiß, dass er das Sars-CoV-2-Virus in sich tragen könnte, kann andere damit sehr wohl anstecken.

Die Ansteckung ohne Symptome könnte einer der Gründe sein, warum die Pandemie so schwer in den Griff zu kriegen war und ist. Nur: Wie groß ist die Gefahr durch die asymptomatischen Fälle tatsächlich? Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat gerade mit der Aussage für Aufsehen gesorgt, dass diese Art der Verbreitung der Krankheit in Wahrheit "selten" auftrete.

Asymptomatisch ist etwas anderes als präsymptomatisch

Die amerikanische WHO-Epidemiologin Maria Van Kerkhove erklärte bei einem Pressetermin am Montag, aus vielen Ländern gebe es Berichte über eine asymptomatische Verbreitung der Krankheit. Wenn man aber genauer nachfrage, dann zeige sich: Eigentlich gehe es eher um Fälle mit milden oder ungewöhnlichen Symptomen. Aber eben nicht ohne.

Zahlreiche Studien hatten zuvor nahegelegt, dass die Pandemie entscheidend auch durch asymptomatische Verbreitung mitgetragen wird. Aber diese Arbeiten basieren oft auf Computermodellen oder einzelnen, unsystematischen Fallberichten. Van Kerkhove sagte, man analysiere die verfügbaren Informationen zu dieser Art der Übertragung: "Wir schauen ständig auf diese Daten und versuchen, mehr Informationen aus den Ländern zu bekommen, um diese Frage wirklich zu beantworten'", so die Epidemiologin. "Es scheint immer noch selten zu sein, dass asymptomatische Personen tatsächlich Überträger sind."

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Van Kerkhove verwies auf Twitter außerdem auf eine Übersichtsarbeit, die kurz in einem WHO-Dokument  zu Atemmasken erwähnt wird. Demnach könnten etwa 16 Prozent aller Übertragungen durch Personen ohne Symptome erfolgen. Allerdings sei es schwierig, das Phänomen umfassend und systematisch zu untersuchen.

Außerdem müsse man tatsächlich asymptomatische Patienten unterscheiden von solchen, die nur zum Zeitpunkt der Ansteckung noch keine Beschwerden entwickelt haben ("präsymptomatisch"). Solche Ansteckungen, das hatte eine Studie der Oxford University gezeigt, könnten ein Drittel bis die Hälfte der Infektionen ausmachen. Andere Studien  hatten eine ähnliche Größenordnung ergeben.

Diese Patienten zeigen aber eben sehr wohl Symptome. Nur passiert das eben zu spät, um eine Ansteckung anderer durch Selbstisolation komplett auszuschließen. Eine dritte Kategorie, die davon noch einmal unterschieden werden müsse, so Van Kerkhove, seien Infizierte mit milden Symptomen.

Ob asymptomatisch, präsymptomatisch oder mit nur leichten Symptomen – diese Formen der Erkrankung sind ein entscheidender Grund für die Maßnahmen zum Social Distancing. Wenn jemand nicht weiß, dass er krank ist, soll wenigstens Abstand zwischen ihm und seinen Kontakten herrschen. Dann kann es nicht zu Übertragungen kommen. Diskussionen über das Maß der Gefahr durch solche Fälle sind also wichtig für die politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen, welche Maßnahmen gegen die Pandemie bestehen bleiben sollen.

"Irreführendes PR-Desaster"

Das Problem: Die aktuellen Einschätzungen der WHO helfen da kaum weiter. Der Biologe A. Marm Kilpatrick von der University of California in Santa Cruz äußerte sich auf Twitter kritisch zu den Äußerungen Van Kerkhoves. Er beklagte, dass die zugrunde liegenden Studien zur Kontaktverfolgung methodisch schwierig seien.

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Im Nachhinein lässt sich nämlich nur schwer zurückverfolgen, wer wen angesteckt hat - unabhängig davon, ob die Betroffenen Symptome hatten oder nicht. Sogenannte PCR-Tests können eine Infektion mit dem Coronavirus nur zu einem gewissen Zeitpunkt aufspüren. Liegt die Ansteckung schon zu lange zurück, lässt sich das Virus im Rachen nicht mehr nachweisen. Das heißt, die Betroffenen bekommen ein negatives Testergebnis, obwohl sie an Covid-19 erkrankt waren. Bei Patienten mit Symptomen ist das etwa zehn Tage nach dem Auftreten der Symptome der Fall. Wie lange diese Zeitspanne bei asymptomatischen Patienten ist, kann noch niemand mit Gewissheit sagen.

Insgesamt, so Kilpatrick, reichten die Beweise der WHO nicht aus, um die Behauptung aufzustellen, asymptomatische Infektionen seien tatsächlich selten. Das Ganze sei ein "irreführendes PR-Desaster".

Der Epidemiologe Marcel Salathé von der Eidgenössischen Technischen Hochschule im schweizerischen Lausanne schrieb auf Twitter  etwas versöhnlicher, die WHO habe wohl sagen wollen, dass die Ansteckung "von Personen ausgehend, die nie Symptome entwickeln, sehr selten ist." Die Problematik sei aber, "dass man natürlich erst im Nachhinein weiß, ob eine Person Symptome entwickelte oder nicht".

Nachdem ihre Bemerkung für weltweite Schlagzeilen gesorgt hatte, meldete  sich am Dienstag auch noch einmal WHO-Expertin Van Kerkhove zu Wort. Es sei ein "Missverständnis" zu sagen, dass asymptomatische Übertragung weltweit selten stattfänden. Sie habe außerdem nur im Pressegespräch auf eine Frage geantwortet, und keine offizielle WHO-Linie referiert. Die Frage der asymptomatischen Ansteckungen sei und bleibe "eine große offene Frage".

Anmerkung der Redaktion: Der Artikel wurde nach der ersten Veröffentlichung um die Reaktion der WHO-Expertin Van Kerkhove ergänzt.

chs/koe
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