Covid-19 Wie Alaskas Gesundheitssystem unter der Delta-Variante zusammenbricht

Alaska praktiziert die Triage – kränkere Menschen werden in der medizinischen Versorgung priorisiert. Kliniken appellieren, riskante Aktivitäten zu unterlassen. Betten fehlen, um Patienten das Leben retten zu können.
Alaskas größte Stadt Anchorage: Wer nicht in einer der drei größten Städte wohnt, muss teilweise Tausende Kilometer bis ins nächste Krankenhaus zurücklegen.

Alaskas größte Stadt Anchorage: Wer nicht in einer der drei größten Städte wohnt, muss teilweise Tausende Kilometer bis ins nächste Krankenhaus zurücklegen.

Foto: Lance King / Getty Images

Spätestens seit dem Spielfilmdrama »Into the Wild« ist weitläufig bekannt, dass es in Alaska Orte gibt, an denen man sehr weit weg ist von der Zivilisation. Doch während sich der Aussteiger Christopher McCandless, auf dessen Geschichte der Film beruht, einst absichtlich in die Wildnis begeben hat, gibt es Menschen in Alaska, die bereits seit Generationen in Gegenden leben, die kaum an die zivile Infrastruktur angeschlossen sind.

Rund 730.000 Einwohnerinnen und Einwohner zählt der US-Bundesstaat am nordwestlichen Zipfel von Kanada – verteilt auf eine Fläche von 1,7 Millionen Quadratkilometer.

Wer nicht in einer der drei größten Städte wohnt, muss teilweise Tausende Kilometer bis ins nächste Krankenhaus zurücklegen. Vor allem die nördlichen Regionen, wo viele indigene Völker leben, sind oft von einer guten medizinischen Versorgung abgeschnitten.

Und gerade dort steigen in den vergangenen Tagen die Covid-19-Neuinfektionen rasant an. Die Inzidenzen liegen im Norden Alaskas teilweise über 400 . Wobei die Regionen so dünn besiedelt sind, dass diese Zahlen bereits durch relativ wenige Neuinfektionen erreicht werden. Dennoch ist die Inzidenz in ganz Alaska mit etwa 125 sehr hoch, die Fallzahlen stiegen um mehr als 40 Prozent, es ist derzeit der am schwersten betroffene Bundesstaat in den USA.

Die neue Infektionswelle wird durch die Delta-Variante getrieben, die sich hauptsächlich unter den nicht geimpften Menschen verbreitet. In Alaska, das anfangs als vorbildlich in der Impfkampagne galt, sind nur etwa rund 60 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft.

Auch die Zahlen der Covid-19-Infizierten, die ins Krankenhaus müssen, schnellten in den vergangenen Wochen in die Höhe: Durchschnittlich kommen gerade täglich um die 200 neue Patienten mit Covid-19 ins Krankenhaus.

Krankenzahl übersteigt Kapazitäten

Für die Kliniken ist die Situation mittlerweile nicht mehr zu kontrollieren. Ohnehin sind die Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeit hauptsächlich auf Stadt Anchorage zentriert. Doch diese sind inzwischen voll. Krankenhäuser in ländlichen Regionen melden lokalen Medien zufolge , dass sie ihre Patienten nicht mehr nach Anchorage verlegen könnten, da es dort keine freien Bettenkapazitäten mehr gebe.

Vor dem größten Krankenhaus in Alaska, dem Providence Alaska Medical Center, mussten Menschen teils stundenlang in ihren Autos auf Versorgung warten , da in der Notaufnahme kein Platz mehr war.

Mitte September schrieb die stellvertretende Personalleiterin des Providence-Krankenhauses, Kristen Solana Walkinshaw, einen verzweifelten Brief an die Gemeinde , in dem sie sagte, dass das Krankenhaus nicht über das notwendige Personal, den Platz oder die Betten verfüge, um mit der Nachfrage Schritt zu halten. Man könne nicht mehr jedem Patienten und jeder Patientin die notwendige medizinische Versorgung zusichern. »Wenn Sie oder Ihre Angehörigen medizinische Spezialisten in unserem Krankenhaus benötigen, wie etwa einen Kardiologen, einen Neurochirurgen oder einen Unfallchirurgen, können wir Ihnen zurzeit möglicherweise nicht weiterhelfen. Es sind derzeit keine Betten frei«, heißt es darin. »Was bereits eine stressige Situation ist, könnte in den nächsten Wochen in eine Katastrophe münden.« Zuletzt ruft sie dazu auf, potenziell gefährliche Aktivitäten zu vermeiden, um nicht aufgrund von anderen Verletzungen ins Krankenhaus zu müssen. »Es könnte sein, dass es kein freies Bett für Sie gibt, um Ihnen das Leben zu retten.«

Anders als in den anderen US-Bundesstaaten, die nicht durch Ozeane oder internationale Grenzen voneinander getrennt sind, ist es in Alaska nicht so einfach, Patienten zu verlegen. Schwerkranke Menschen müssten oft per Flugzeug aus sehr ländlichen Regionen ausgeflogen werden, sagte Philippe Amstislavski, ehemaliger Public-Health-Manager in Alaska, der »New York Times« . Vor allem die Ureinwohner Alaskas, die in der Vergangenheit unter gesundheitlichen Ungleichheiten im Bundesstaat gelitten haben, hätten während der jüngsten Viruswelle überproportional zu kämpfen.

Die oberste medizinische Leiterin Alaskas, Anne Zink, macht vor allem den Sommertourismus für die aktuelle Coronawelle verantwortlich. »Wir hoffen, dass sich diese Zahlen beruhigen, wenn der erste Schnee fällt und wir weniger Besucher haben«, sagte Zink der NYT zufolge. Auf der anderen Seite brächten die kühleren Temperaturen auch die Einwohner dazu, sich wieder mehr in Innenräumen aufzuhalten.

Regierung legitimiert Triage

Etwa ein Fünftel der Krankenhauspatienten in Alaska sind nach staatlichen Angaben mit Covid-19 infiziert. Diese Zahl spiegelt jedoch nicht die Belastung des gesamten Systems wider, da es die Kapazitäten für die Behandlung von Opfern von Autounfällen, Schlaganfällen, Herzinfarkten und anderen Krankheiten nicht berücksichtigt.

Am Mittwoch zog die Regierung des Bundesstaats die Reißleine und aktivierte den Krisenmodus, wonach kränkere Menschen in der medizinischen Versorgung priorisiert werden. Triage also.

Der republikanische Gouverneur Mike Dunleavy und die Gesundheitsbehörden kündigten diesen Schritt an, als die Zahl der neu bestätigten Fälle landesweit einen neuen Rekord von 1224 Patienten an einem einzigen Tag erreichte.

Um den Ansturm von Covid-19-Patienten zu bewältigen, hat die Regierung zusätzlich einen 87-Millionen-Dollar-Vertrag unterzeichnet, um Gesundheitspersonal von außerhalb des Staates anzuwerben.

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Trotz der teils dramatischen Lage sieht Gouverneur Dunleavy laut der »New York Times«  keine Notwendigkeit dafür, weitere Beschränkungen zur Eindämmung der Übertragung des Virus einzuführen, etwa eine Maskenpflicht. Er rief die Bevölkerung aber dazu auf, sich impfen zu lassen.

Am Freitag forderte er zudem die arbeitende Bevölkerung dazu auf , ab Montag im Homeoffice zu arbeiten. Es sollen so viele wie möglich für 30 Tage von zu Hause aus arbeiten, hieß es.

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