Corona-Antikörpertests Zu früh, um wahr zu sein

Eine Durchseuchung der Bevölkerung würde die Covid-19-Pandemie beenden. Doch davon ist Deutschland noch weit entfernt, das zeigen auch erste Antikörpertests.
Antikörper (Y-förmig) binden an Antigene des Coronavirus Sars-CoV-2 (Simulation)

Antikörper (Y-förmig) binden an Antigene des Coronavirus Sars-CoV-2 (Simulation)

Foto: koto_feja/ iStockphoto/ Getty Images

Wann dürfen wir endlich wieder unbeschwert raus? Auf Konzerte gehen, reisen, Freunde treffen? Die Antwort auf diese Frage ist gleichermaßen simpel wie ernüchternd: Wenn die Pandemie zum Stillstand gekommen ist.

Bundeskanzlerin Angela Merkel dämpfte bei ihrer Pressekonferenz zu den ersten Schritten aus dem Corona-Lockdown die Erwartungen auf eine rasche Rückkehr in den Alltag - die Situation sei "zerbrechlich". Um die Pandemie zu bewältigen, müsse nun unter anderem ein Schwerpunkt auf die Bestimmung der Immunität gegenüber Sars-CoV-2 in der Gesamtbevölkerung gelegt werden, heißt es in dem jüngsten Beschluss von Bund und Ländern . Diese Informationen seien wichtig für die Einschätzung des weiteren Pandemieverlaufs in Deutschland.

Denn der Covid-19-Ausbruch gilt erst als überwunden, wenn ein Großteil der Bevölkerung immun gegen das Coronavirus ist - entweder weil ein wirksamer Impfstoff gefunden wurde oder weil 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung eine Infektion durchgemacht und daraufhin Antikörper gegen das Virus gebildet haben. Dann, so nennen es Experten, gibt es eine Herdenimmunität.

Doch davon ist Deutschland momentan noch weit entfernt: Mit einem zugelassenen Impfstoff wird frühestens im kommenden Jahr  gerechnet. Und erste Ergebnisse von Antikörpertests zeigen, dass auch eine Herdenimmunität offenbar noch lange nicht erreicht ist. "Wir sehen in den Ergebnissen unserer Antikörpertests bisher, dass etwa 3,4 Prozent der Blutproben positiv oder grenzwertig auf Antikörper gegen Covid-19 getestet wurden", sagt Thomas Fenner, Leiter des Labors Dr. Fenner & Kollegen in Hamburg. "Hochgerechnet auf die Spezifität entspricht das einer Durchseuchung von etwa 1,9 Prozent." Hoffnungen, dass viele Menschen das Virus bereits symptomfrei überwunden haben, werden damit entkräftet.

Seit knapp drei Wochen führt das Privatlabor als eines der ersten in Deutschland Antikörpertests durch, rund 1300 Blutproben wurden bisher ausgewertet. "Allerdings sind wir eigentlich auch noch zu früh dran, um wirklich aussagekräftige Ergebnisse zu haben", sagt Fenner. Denn gerade auf die sogenannten IgG-Antikörper, die lange und in ausreichender Menge im Blut vorhanden sind, könne man frühestens drei Wochen nach Beginn der Symptome testen. "In Europa ist die Epidemie ja erst im Februar ausgebrochen", so Fenner. "Wir müssen also noch ein bisschen Geduld haben, bis alle Erkrankten ausreichend und damit messbar Antikörper gebildet haben."

Geduld ist gefragt

Antikörpertests weisen nicht den Erreger selbst nach, sondern Antikörper - auch Immunglobuline genannt -, die der Körper im Laufe der Infektion bildet, um das Virus abzuwehren. Die Tests können deshalb die akute Infektion, insbesondere im frühen Stadium, nicht nachweisen: Denn das Immunsystem bildet Antikörper erst nach einiger Zeit. Dafür schlagen die Tests aber an, wenn die Infektion bereits abgeklungen ist. Deshalb lässt sich mit ihrer Hilfe ermitteln, wie viele Menschen bereits eine Coronavirus-Infektion hatten.

DER SPIEGEL

"Jetzt die gesamte Bevölkerung auf Antikörper durchzutesten, macht keinen Sinn", sagt Fenner. "Wer bereits einen positiven PCR-Test hat, braucht zum Beispiel keinen Antikörpertest mehr." Zudem seien die Lieferkapazitäten der Hersteller derzeit noch zu klein - es gebe gar nicht genug Testmaterialien. Sein Labor könne theoretisch bis zu 1400 Antikörpertests pro Tag durchführen, aber die Reagenzien reichten maximal für die Hälfte.

Das Labor Fenner arbeitet mit Testkits der Lübecker Firma Euroimmun. Eine Sprecherin antwortete auf die Frage nach Lieferengpässen ausweichend: "Wir bemühen uns, so viele Bestellungen wie möglich zu bedienen, sodass die Labore mit den Testungen beginnen können. Um dem hohen Bedarf gerecht zu werden, werden die Produktionskapazitäten derzeit weiterhin erhöht."

Um den Lieferengpässen auszuweichen, will Fenner nun noch bei einem zweiten Diagnostik-Hersteller bestellen: Diasorin, einer italienischen Firma. "Da hat man dann natürlich das Problem, dass die beiden Testverfahren unter Umständen unterschiedlich zuverlässig sind", so Fenner. "Deshalb werden wir erst einmal hundert definierte Blutproben mit beiden Tests prüfen und schauen, inwiefern die Ergebnisse übereinstimmen und zum selben Ergebnis kommen."

Tests nicht perfekt

Denn neben den mangelnden Testmaterialien gibt es bei den Antikörpertests noch ein weiteres Problem: Sie sind nicht perfekt. Wie bei jedem medizinischen Testverfahren gibt es auch hier mögliche Fehler.

  • Die Spezifität eines Testverfahrens gibt die Wahrscheinlichkeit an, dass tatsächlich Gesunde im Test als gesund erkannt werden. Denn es kommt auch vor, dass jemand ein positives Ergebnis erhält, der gar keine Infektion hatte ("falsch-positiv").

  • Die Sensitivität gibt an, bei welchem Prozentsatz erkrankter Patienten der Test tatsächlich positiv ist. In Einzelfällen zeigt der Test ein negatives Ergebnis bei jemandem an, der infiziert war ("falsch-negativ").

Falsch-positive Ergebnisse können zum Beispiel entstehen, wenn jemand kürzlich eine andere Coronavirus-Infektion durchgemacht hat. Mehrere Coronaviren zirkulieren schon lange als Erkältungserreger, gerade am Ende der Erkältungssaison wären also häufiger falsch-positive Ergebnisse zu erwarten. Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité sagte in seinem Podcast  im NDR, die Rate liege bei ihm im Labor bei drei bis vier Prozent. Allerdings mache man bei einem positiven Ergebnis weitere Tests, um es zu bestätigen.

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Der Test von Euroimmun kann auch sogenannte IgA-Antikörper nachweisen, die bereits nach etwa einer Woche vom Körper gebildet werden. Die Spezifität des Tests liegt laut Herstellerangabe bei 90,4 Prozent, die Sensitivität ab Tag 11 nach Symptombeginn bei 100 Prozent. "Bereits in diesem frühen Stadium zu testen, macht aber keinen Sinn", sagt Fenner. "Denn für akute Infektionen haben wir ja die PCR-Tests. Mit den Antikörpertests wollen wir aber wissen, wer die Infektion bereits hinter sich hat." Die Bluttests seien daher vor allem für medizinisches Personal oder etwa Pflegekräfte in Altenheimen wichtig, da diese mit Risikogruppen zusammenarbeiten und selbst ein erhöhtes Infektionsrisiko haben.

Zurzeit empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation  (WHO), Antikörpertests nur im Rahmen von Studien einzusetzen. Die Tests sind aus Sicht der WHO wichtig, um zu verstehen, wie weit sich das Virus in der Bevölkerung verbreitet hat. Daraus folgend lässt sich unter anderem besser ermitteln, wie hoch die Todesrate durch Sars-CoV-2-Infektionen ist. In der medizinischen Behandlung von Patienten sei der Nutzen der Antikörpertests dagegen sehr begrenzt, weil die Tests eine akute Infektion nicht schnell nachweisen können.

Diese Antikörper-Studien sind geplant

Wie viele Menschen sich in Deutschland bereits mit dem neuartigen Coronavirus angesteckt haben, soll mithilfe mehrerer Studien ergründet werden, die aktuell oder in Kürze starten.

Das RKI  listet drei große Projekte auf:

  • Alle 14 Tage sollen rund 5000 Blutproben von Blutspendediensten auf Antikörper gegen Sars-CoV-2 untersucht werden. Erste Ergebnisse sind schon Anfang Mai zu erwarten.

  • An mehreren besonders betroffenen Orten sollen je rund 2000 Erwachsene mehrfach untersucht werden. Zusätzlich zum Antikörpertest sollen die Teilnehmer unter anderem zu möglichen Symptomen, Vorerkrankungen und ihren Lebensumständen befragt werden. Auch hier werde es voraussichtlich schon Anfang Mai erste Ergebnisse geben.

  • Dazu kommt eine bundesweite Studie mit einer für die erwachsene Bevölkerung repräsentativen Stichprobe von 15.000 Menschen an 150 Orten, die einen Antikörpertest vornehmen lassen und Fragen beantworten. Geplanter Studienbeginn: Mitte Mai.

Je größer der Zeitraum ist, in dem die Studien durchgeführt werden, desto aussagekräftiger sind auch die Ergebnisse. Denn nach aktuellem Kenntnisstand ist nicht davon auszugehen, dass die Dunkelziffer von Covid-19-Fällen in Deutschland bedeutend hoch ist.

Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hieß es, der Test in der Heinsberg-Studie habe eine Sensitivität von mehr als 99 Prozent. Gemeint war die Spezifität.