Epidemiologische Analysen Wie sich Covid-19 in Österreich ausgebreitet hat

Österreichische Wissenschaftler haben rekonstruiert, wie sich das Coronavirus in der Alpenrepublik verbreitet hat. Die Daten könnten dabei helfen, eine zweite Welle zu verhindern - auch in Deutschland.
Übertragungsketten in Österreich : Wer ist Quelle und wer Folgefall?

Übertragungsketten in Österreich : Wer ist Quelle und wer Folgefall?

Foto: Jozsef Zoltan Varga/ iStockphoto/ Getty Images

Im Februar wandte sich ein Paar aus Innsbruck, beide 24 Jahre alt, an die Leitstelle Tirol und klagte über Fieber und Halsschmerzen. Die beiden stammten aus der Lombardei, wo wenige Tage zuvor die ersten Coronavirus-Fälle in Italien entdeckt worden waren. Am 25. Februar verkündete der Landeshauptmann Tirols, Günther Platter, die ersten beiden Sars-CoV-2-Fälle in Österreich: Das Paar in Innsbruck war positiv getestet worden.

Das Virus breitete sich in den Folgewochen rasch in der Alpenrepublik aus, inzwischen gibt es mehr als 15.700 bestätigte Covid-19-Fälle. Die Zahlen sind seit einiger Zeit wieder stark rückläufig, vermutlich aufgrund der strikten Beschränkungen, die die Regierung rasch verhängte.

Epidemiologen der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) haben nun rekonstruiert , wie sich das Virus in Österreich ausgebreitet hat. Sie konnten dabei rund ein Viertel aller bekannten Infektionen unterschiedlichen Ausbruchsherden zuordnen, also Regionen, in denen sich Fälle innerhalb eines bestimmten Zeitraums häuften. Aus diesen sogenannten Clustern lassen sich Rückschlüsse ziehen, wie sich ein Krankheitsausbruch innerhalb der Bevölkerung verbreitet.

Es ist unwahrscheinlich, dass die beiden in Innsbruck lebenden Italiener das Virus tatsächlich als Erste ins Land getragen haben. Auch bleibt unklar, wer als Patient null in Italien gilt und wann es dort den ersten, vielleicht unbemerkten, Fall gegeben hat. In dieser Woche kamen Vermutungen auf, dass Covid-19 sich bereits seit Ende 2019 weltweit verbreitet hat.

So berichteten französische Mediziner über den Fall eines Patienten , der Ende Dezember in Paris behandelt wurde und dessen Proben nun nachträglich offenbar positiv auf Sars-Cov-2 getestet wurden - rund ein Monat vor dem ersten offiziell bestätigten Fall in Frankreich. Auch Genom-Analysen britischer Forscher , die Tausende Sars-CoV-2-Viren aus der ganzen Welt miteinander verglichen haben, legen nahe, dass die internationale Ausbreitung bereits zwischen Oktober und Dezember 2019 begonnen haben dürfte.

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Akribische Detektivarbeit

Um die Übertragungsketten in Österreich zu identifizieren, haben die AGES-Wissenschaftler zunächst positiv getestete Personen nach ihren persönlichen Verhaltensweisen rund um den Zeitpunkt ihres Symptombeginns befragt. Daraus konnten sie ableiten, wie die Verbreitung vor sich gegangen sein muss. Infolgedessen haben sie die unterschiedlichen Fälle insgesamt 169 Clustern zugeordnet.

"Die große Aufgabe in der Abklärung besteht darin, unter einer bestimmten Zahl an Menschen, die alle untereinander Kontakt hatten, herauszufinden, wer Quelle ist und wer Folgefall", schreibt die AGES in einer Mitteilung. Wenn also etwa eine Person das Virus in eine bestimmte Region einschleppt und dann weitere Menschen infiziert und diese wiederum andere infizieren, spricht man von einer Fallgeneration. Epidemiologen können so nachvollziehen, wie ein einziger Fall eine ganze Transmissionskette in Gang setzen kann.

Die Rekonstruktion der Epidemiologen ähnelt oft akribischer Detektivarbeit. Ein Beispiel: Der erste Fall eines Clusters sei mit Symptomen einer Verkühlung aus Italien zurückgekehrt. Vier Tage nach seiner Rückkehr sei er getestet worden. Das Ergebnis lag binnen 24 Stunden vor: Sars-CoV-2-positiv. Der Betroffene sei umgehend in Quarantäne gekommen - zu diesem Zeitpunkt habe er jedoch schon zahlreiche soziale Kontakte gehabt. Einige seiner Kontaktpersonen seien daraufhin ebenfalls positiv getestet worden. Und auch sie hatten in der Zwischenzeit bereits andere angesteckt. Und so weiter.

"Cluster A": Wie sich Covid-19 vom ersten Fall in einer Region weiter ausgebreitet hat

"Cluster A": Wie sich Covid-19 vom ersten Fall in einer Region weiter ausgebreitet hat

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AGES/ EMS

Die wichtigste Rolle bei der Untersuchung habe der Import des Virus zu Beginn der Epidemie gespielt, sagt Daniela Schmid, Leiterin der Abteilung Surveillance und Infektionsepidemiologie bei der AGES, der österreichischen Nachrichtenagentur APA zufolge. Dazu zählten Reisen ins Ausland, von Individuen und Reisegruppen sowie der Kontakt zu ausländischen Touristen in Österreich. Seit dem 23. März ist kein aus dem Ausland importierter Covid-19-Fall verzeichnet worden.

Durch die Auswertung der Cluster konnte die AGES insgesamt elf verschiedene Bereiche identifizieren, in denen sich das Virus ausgebreitet hat. Dazu zählen etwa Freizeitaktivitäten, der Arbeitsplatz, Haushalt und Familie, Krankenhäuser sowie Senioren- und Pflegeheime. An den Daten lässt sich ablesen, dass sich das Coronavirus seit Mitte März hauptsächlich lokal, vor allem im halböffentlichen Bereich, verbreitet hat.

Die meisten Cluster ließen sich in Senioren- oder Pflegeheimen sowie im Bereich Freizeitaktivitäten und Haushalt auffinden. Das könnte auch mit dem schwerwiegenden Ausbruchsgeschehen in Ischgl und St. Anton zusammenhängen. Von dort wurde das Virus dann in viele weitere Orte und Familien verteilt. 20 Cluster ließen sich auch auf Mitgliedschaften in Chor- und Musikvereinen oder den Besuch von Fitnessstudios zurückführen. 40 Cluster mit 280 Erkrankten ergaben sich in Haushalten.

Analysen könnten zweite Infektionswelle verhindern

Verwunderlich ist, dass die Ergebnisse der AGES kein einziges Cluster in Schulen oder Kitas ergeben haben - auch vor den Schulschließungen. Infektionsepidemiologin Schmid führt das darauf zurück, dass insgesamt signifikant weniger Kinder betroffen sind und diese sich meist in Haushalten angesteckt hätten. Allerdings sei in Familien kein einziges Mal ein Kind als Infektionsquelle vorgekommen, sagte sie der APA.

Auch im Bereich des öffentlichen Verkehrs und in Geschäften seien keine Ansteckungen nachgewiesen worden. "Flüchtige Begegnungen" würden laut den AGES-Ermittlungen für eine Übertragung des Virus nicht ausreichen. Allerdings sind solche Ansteckungen auch schwer aufzuspüren.

Die AGES schlussfolgert aus ihren Untersuchungen, dass:

  • Infizierte oft bereits infektiös sind, bevor sie selbst merken, dass sie Symptome haben,

  • die Übertragung auf andere Menschen meist binnen weniger Tage (3 bis 5 Tage) erfolgt. Dieses kurze Zeitintervall macht die Suche nach Kontaktpersonen zu einem Wettlauf mit der Zeit.

  • eine Übertragung erfolgt, wenn mehrere Menschen für längere Zeit (etwa 15 Minuten) am selben Ort sind

  • sich für die meisten Cluster sogenannte Punktexpositionen festmachen lassen: Eine Person steht am Beginn der Kette, hat sie längeren Kontakt mit anderen Personen, kommt es zu weiteren Übertragungen.

  • Quarantänemaßnahmen und Barrieren Wirkung zeigen: rechtzeitig erkannt, endet die Übertragung.

  • es derzeit keine Transmissionsketten gibt, die eine Übertragung durch öffentlichen Verkehr oder Besuch eines Geschäfts belegen.

Die Erkenntnisse aus Österreich lassen sich nur bedingt auf Deutschland übertragen, da jedes Ausbruchsgeschehen individuell zu betrachten ist. Die Einwohner- und Infektionszahlen in Österreich unterscheiden sich zudem von den deutschen. Weiterhin hatte die österreichische Regierung zunächst striktere Maßnahmen verhängt. Dennoch helfen die Erhebungen dabei, die Ausbreitung von Covid-19 in der Gesellschaft zu verstehen - und eine weitere Verbreitung zielgerichtet einzudämmen: Bei einem niedrigen Niveau an Neuinfektionen können neue Ausbruchsherde schnell identifiziert und die Übertragungsketten unterbrochen werden.

Wenn man zudem weiß, in welchen Bereichen sich die Krankheit vor allem schnell auszubreiten scheint, können entsprechende Maßnahmen gezielt eingesetzt werden. Damit könnte man auch einen erneuten Lockdown umgehen. Der Epidemiologin Schmid zufolge könnten solche Aufklärungen in den kommenden Wochen dazu beitragen, eine zweite Welle an Infektionen zu verhindern.

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